Tischgespräch: Sex!

16 Menschen zwischen 13 und 74 reden 80 Minuten lang nur über das Eine - das Ergebnis: der Dokumentarfilm "Sprache: Sex". Ein Familiengespräch mit den beiden Regisseuren - und ihrem Sohn, der ebenfalls im Film auftaucht.
charlotte-haunhorst

Freitagnachmittag in Berlin Prenzlauer Berg in einem italienischen Restaurant. Am Tisch: Saskia Walker und Ralf Hechelmann, Regisseure des Dokumentarfilms „Sprache: Sex“, der an diesem Abend Premiere auf der Berlinale feiert. In dem Film sprechen 16 Personen zwischen 13 und 74 Jahren über ihr Sexleben. Der jüngste Protagonist, Arsenij, Saskias Sohn, ist mittlerweile 14 Jahre alt und sitzt mit am Tisch. Alle sind in Anbetracht der Premiere ziemlich aufgeregt, nur der Kellner ist entspannt - auch er spielt in dem Film mit.

Die Regisseure des Fims: Saskia Walker und Ralf Hechelmann 

Saskia: Hier in dem Restaurant hat alles seinen Anfang genommen. Wir saßen mit unserem Kameramann beim Mittagessen, um die ersten Schritte zu besprechen. Dann kam jemand an unseren Tisch und fragte, ob er eine Zigarette haben könne, er habe nämlich heute schon Sex gehabt und könne es sich deshalb leisten, zu rauchen.

Wir haben ihn uns natürlich sofort geschnappt. Er erklärte uns dann beim Drehen, dass man fünf Jahre länger leben würde, wenn man zwei bis drei Mal die Woche Sex habe. Das ist auch die erste Szene des Films geworden.

Arsenij fragt seine Mutter, ob er heute eine Cola bestellen dürfe. Dann steigt er selbstbewusst in das Gespräch ein, zitiert den O-Ton des Films: "Aber eigentlich ist die Statistik ja anders herum: Wer keinen Sex hat stirbt 5 Jahre früher!" 

Filmausschnitt mit Arsenij, der zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt war 

jetzt.de: Am Anfang des Films sagt einer eurer Protagonisten, mit Sex würde heutzutage inflationär umgegangen, überall werde er thematisiert. Das kann man auch eurem Film vorwerfen – dass ihr das Prinzip „Sex sells“  für euch nutzt…

Saskia: Das, was heute unter der Überschrift „Sex“ verkauft wird, ist meist entweder pornografisch, pädagogisch oder wissenschaftlich. Was uns interessiert hat, ist ein individueller Blick auf das Sexuelle. Und zwar nicht auf spezielle Vorlieben oder wie oft es wer mit wem macht, sondern darauf, wie Sex unser Leben insgesamt beeinflusst.

Was genau ist denn aus eurer Sicht interessant an Sex?

Ralf: Dass man um das Thema nicht herumkommt, egal ob man welchen hat oder nicht. Trotzdem wissen wir gar nicht so viel über Sex. Wir behaupten das zwar immer, aber eigentlich ist das totaler Quatsch. Denn nur, weil wir etwas über Treue und Untreue, Geschlechtskrankheiten oder Fetische gelesen haben, ist es uns noch nicht automatisch bewusst.

Das Thema lässt sich nicht durch Ratgeberliteratur abhandeln. Jeder muss eigene Erfahrungen machen. Deshalb haben wir in dem Film auch nicht versucht, einen gesellschaftlichen Querschnitt abzubilden, sondern jeden subjektiv sprechen zu lassen. So hat auch jeder immer noch etwas Neues zum Thema Sex zu sagen. 

Zum Beispiel?

Ralf: Ein Protagonist sagt, dass das Sexuelle der Rest ist, der sich nicht bündig machen lässt und auf unserer Bewusstseinsoberfläche nur selten einen Platz hat. Dass es entweder darüber oder darunter liegt, als Angstpol, als Störung, als Sehnsucht. Das sei der Grund dafür, warum wir uns so viel damit beschäftigen, weil wir es eben nicht so richtig integrieren können. Wir können es nicht planen wie einen Urlaub oder eine Geburtstagsparty.

 

Der These, dass wir kaum etwas über Sex wissen, würden jetzt viele widersprechen…

Ralf: Was heißt denn, etwas über Sex zu wissen? Nur, weil wir uneingeschränkten Zugang zu Pornografie haben und alle Stellungen kennen, wissen wir doch nichts. Wir wissen nichts über die transzendenten Potenziale des Sexuellen. Seine Erfahrungen dabei in Worte zu fassen, ist ungefähr so schwierig, wie einen LSD-Trip zu beschreiben. Trotzdem sollte man es versuchen.

 

Arsenij (zu seinen Eltern): Jede Frage wirft eine neue auf!

 

Saskia: Den Umgang mit Dildos zu kennen, ist nicht gleichzusetzen mit „etwas über Sex wissen“. Es bleibt oft bei den technischen Details stehen, die in jeder Cosmopolitan stehen. In dem Film versuchen wir aber, Sex als etwas unendlich Tiefes darzustellen. 

Saskias Handy klingelt. Ihre Pressefrau ist dran und sagt, in der Pressevorführung des Films süßen gerade 200 Journalisten, die sich bei vielen Szenen kringelig lachen würden. Saskia erzählt, dass der Film ursprünglich als kleines Projekt gedacht war, mit dieser Riesen-Resonanz hatten sie nicht gerechnet. Spiegel Online hat den Film sogar in einem Atemzug mit dem Soft-SM-Streifen 50 Shades of Grey erwöhnt. Arsenij lehnt sich in seinem Stuhl zurück und sagt: "Das wird uns ewig verfolgen." Man weiß nicht sicher, ob er das jetzt gut oder schlecht findet.

 

Arsenij, beim Filmdreh warst du 13. Dachtest du vorher, du weißt bereits viel über Sex?

Arsenij: Ich lebe ja noch auf dem Trockenland. Trotzdem glaube ich, dass ich bereits damals mehr über das Thema wusste als viele andere in meinem Alter. Der Film hat mir dann allerdings gezeigt, dass ich so viel doch nicht weiß. Ich dachte zum Beispiel, der Orgasmus sei so eine Zuckung und dann ist man fertig. Aber der Film hat mir gezeigt, dass es weit mehr ist.

 

Ich stelle mir das ja sehr kompliziert vor, vor laufender Kamera mit den eigenen Eltern über Sex zu sprechen...

Arsenij: Meine Eltern und ich gehen sehr offen miteinander um.

 

Saskia: Ich wusste ja, dass mein Sohn selbstbewusst ist und Spaß daran hat, auf solche Fragen zu antworten. Wäre er ein verschüchterter Junge, hätte ich ihn nicht gefragt.

 

Nur, weil man mit seinen Eltern prinzipiell über Sex sprechen kann, möchte man das ja nicht automatisch auch.

Arsenij: Ja, das stimmt. Ich tue das auch nur dann, wenn ich ein konkretes Problem habe.

 

Die Restauranttür öffnet sich, ein älteres, schick gekleidetet Paar tritt ein. Saskias Eltern. Sie sind extra zur Berlinale-Premiere ihrer Tochter angereist. Saskia verlässt deshalb kurz den Tisch.

 

Die älteste Person in dem Film ist 74. Hattet ihr auch überlegt, eure Eltern zu befragen?

Ralf: Bei meinen wäre da nichts zu holen gewesen.

 

Konnten junge Menschen in dem Film offener über Sex sprechen als ältere?

Ralf: Nein. Sie sprechen nur über andere Themen, weil sie einen anderen Erfahrungshorizont haben. Der ältere Protagonist zu Beginn spricht zum Beispiel viel über Tantra, offene Zweierbeziehungen, eben Erfahrungen, die er in seinem langen Leben gemacht hat, er spannt eher den großen Bogen. Bei den jungen Frauen zwischen und 20 und 30 geht es hingegen konkret um ihr Beziehungsleben jetzt.

 

In eurem Film geht es um Sex, trotzdem spricht keiner eurer Protagonisten darüber, ob er schwul oder lesbisch ist oder welche Fetische er hat. Warum nicht?

Saskia: In dem Film tauchen auch Homosexuelle auf, wir haben das nur nicht groß thematisiert. So wie man auch sonst nichts über die Hintergründe der Leute im Film erfährt.

 

Ralf: Das ist doch auch nicht interessant. Ich selbst bin bisexuell. Ich lebe jetzt seit über fünf Jahren mit Saskia zusammen, davor habe ich sechs Jahre mit einem Mann zusammengelebt. Von allen anderen Geschichten abgesehen. Macht doch keinen Unterschied. Außer dass es vorher ein Familienleben mit zwei Hunden war und jetzt ist es eine Familie mit einem Stiefsohn.

 

Sprache:Sex feierte vergangenen Freitag auf der Berlinale Premiere, es gibt noch keinen Kino-Starttermin.