Tod in der Zelle

Vor zwei Jahren kam ein junger Afrikaner in einer Dessauer Haftzelle unter ungeklärten Umständen ums Leben. Am Dienstag beginnt der Prozess gegen zwei diensthabende Polizisten. ++ Oury Jalloh aus Sierra Leone war 21 Jahre alt und sehr betrunken, als er in Dessau im Januar 2005 verhaftet wurde. Einige Frauen hatten die Polizei verständigt, weil Oury sie auf der Straße belästigt hatte. Vier Stunden später war er tot, verbrannt in der Haftzelle unter Polizeiaufsicht. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Dessau hat er sich selbst das Leben genommen, in dem er seine Matratze anzündete. Seltsam daran ist einiges: Oury Jalloh war an Händen und Füßen gefesselt. Die Matratze auf der er lag war aus feuerfestem Material. Und der Polizist, der ihn nach der Verhaftung durchsuchte, behauptet nach wie vor, Oury habe kein Feuerzeug bei sich gehabt. Dieser Polizist ist einer der Hauptangeklagten in dem Prozess. Ihm wird fahrlässige Tötung vorgeworfen, sein Dienstgruppenleiter ist der Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. Jetzt.de sprach mit Mouctar Bah aus Dessau. Er war Oury Jallohs bester Freund und hat nach seinem Tod die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh gegründet. Mouctar arbeitet in einem Telecafé in Dessau. Er wollte weder sein Alter noch andere persönliche Details nennen. Aus Angst um seine Sicherheit, wie er sagt.
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Illustration: Julia Schubert

Woher kanntest du Oury Jalloh? Ich habe ihm geholfen, das Sorgerecht für sein Kind zu beantragen. Die Mutter hatte es bereits zur Adoption aufgegeben und er sprach kaum Deutsch, also habe ich für ihn bei den Behörden angerufen und ihm die Briefe übersetzt. Als er starb, waren wir etwa zwei Jahre befreundet. Wie hast du von seinem Tod erfahren? Ein Kumpel von mir hatte von dem Vorfall im Radio gehört und rief mich an. Wir wussten aber nicht, wer gestorben war. Also haben wir alle Farbigen in Dessau in meinem Telecafé versammelt und Oury war der Einzige, der fehlte. Also haben wir auf seinem Handy angerufen und es war aus. In der Polizeistation bestätigten sie uns dann, dass Oury tot war. Aber erst viel später erfuhren wir, dass er verbrannt war. Hattest du das Gefühl, dass es auch passiert ist, weil er Ausländer war? Ich sage mal: Bis jetzt wissen wir nicht, ob Rassismus im Spiel ist und ich weiß auch nicht, ob das jemals so heraus kommen wird. Aber wir haben sofort gedacht, da stinkt etwas. Dass Oury an Händen und Füßen gefesselt war und gleichzeitig sich selbst angezündet haben soll, erscheint mir schwierig. Hinzu kam, dass lange vertuscht wurde, dass seine Nase gebrochen war und er Verletzungen am Ohr hatte. Irgendetwas stimmt da nicht. Und deswegen hast du deine Initiative gegründet? Ja, nachdem die Untersuchungen nicht voran kamen und die Staatsanwaltschaft darauf beharrte, dass Oury sich selbst angezündet habe, war mir und meinen Freunden klar, dass wir diesmal aufstehen müssen und etwas tun. In den letzten Jahren sind einige Afrikaner in Polizeigewahrsam gestorben, doch diese Verfahren wurden immer eingestellt. Wir wollten verhindern, dass so etwas wieder passiert. Deswegen haben wir mit unseren Demonstrationen angefangen und uns an die Medien gewandt. Oury Jalloh ist für viele Asylbewerber hier zu einem Symbol geworden, für Ungerechtigkeit und Gewalt, die sie hier erfahren. Du lebst ja schon seit 15 Jahren mit einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung hier. Hat sich nach seinem Tod dein Verhältnis zu Deutschland oder der Polizei verändert? Ich werde niemals ein allgemeines Urteil über alle Menschen hier fällen. Ich habe auch selbst nie schlechte Erfahrungen hier gemacht. Es gibt genügend Polizisten in Deutschland, die nie etwas Unrechtes tun würden. Und gerade aus der Dessauer Bürgerschaft haben wir viel Unterstützung für unsere Arbeit hier erhalten. Aber ich muss sagen: Ich habe mich ziemlich zurückgezogen, seit dem die Sache mit Oury passiert ist. Es hat mich sehr traurig gemacht, dass jemand so grausam sein kann, einen Menschen verbrennen zu lassen. Die Vorstellung ist furchtbar und ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wie so etwas passieren kann. Und was ist deine Antwort darauf? Das, was hier alle Schwarzen denken: Sie haben ihn angezündet um zu verbergen, was wirklich passiert ist. Das glauben wir wirklich, ganz egal, was bei dem Prozess heraus kommt. Auf eurer Website schreibt ihr viel über Misstrauen gegenüber der Polizei und einem ungerechten System. Aber wenn man ehrlich ist, funktioniert das System hier doch wesentlich besser als in Sierra Leone etwa. Schon klar. Aber man soll den Hund auch bei seinem Namen nennen, oder? Jeder weiß, dass Sierra Leone eine Diktatur hat. Aber Deutschland ist eine Demokratie – deswegen sind wir ja alle hier. Weil wir ein besseres Leben wollen als in unserer Heimat möglich ist. Aber wenn man das Land demokratisch nennt, sollte es auch so sein. Ich sage nicht, dass alle Beamten schlechte Menschen sind. Aber man darf gar nicht erst zulassen, dass solche Verbrechen unentdeckt bleiben. Letztendlich tun wir mit unserer Arbeit auch etwas für die deutsche Demokratie. Wenn wir die nämlich verlieren, haben wir gar keinen Ort mehr an den wir gehen können. Was erwartest du dir von dem Prozess? Ich erwarte Wahrheit und Gerechtigkeit. Ich bin aber nicht ganz sicher, ob das erfüllt wird. Bei der Verhandlung wird auch eine internationale Beobachtergruppe dabei sein und du wirst doch von einigen Initiativen unterstützt. Macht dir das Hoffnung? Hoffnung ist wohl nicht das richtige Wort. Denn auch mit vielen Menschen können wir den Prozess nicht beeinflussen. Aber die Unterstützung, die wir auch aus Dessau bekommen, macht mir Mut und gibt mir Kraft. Die letzten zwei Jahre waren hart, ich hatte kaum noch Zeit für meine Familie, weil ich mich nur noch mit Oury Jalloh beschäftigt habe. Da hilft es schon zu merken, dass man nicht alleine ist. Bild: Umbruch Bildarchiv

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