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Über die Straße helfen

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert


 Straßenzeitungen kosten meisten zwischen ein und zwei Euro, von dem Verkauf geht ein Anteil direkt an die Obdachlosen. Gekauft werden diese Magazine meist von Akademikern im Alter zwischen 40 bis 60 Jahren. Worin unterscheidet sich euer Projekt von herkömmlichen Straßenzeitungen? Ich denke, ein wesentlicher Unterschied zwischen „Streetmag“ und anderen Straßenzeitungen ist die Zielgruppe. Wir sprechen gezielt junge Menschen an, die sonst mit verschlossenen Augen an dem Thema Obdachlosigkeit und Armut vorbeilaufen. „Steetmag“ ist eine Plattform für Künstler aller Genres. Egal ob Grafiker, Fotografen, Illustratoren, Maler oder Autoren, jeder kann seine Werke bei uns veröffentlichen. Außerdem haben wir jede Menge Interviews mit prominenten Musikern und Schauspielern. „Streetmag“ ist unser Geschenk an die Obdachlosen. Wir bringen die Magazine zu den Stadtmissionen und Notübernachtungsstellen und legen sie dort aus. Jeder kann sich das „Streetmag“ mitnehmen und es verkaufen und den kompletten Erlös behalten. Das können wir natürlich nur machen, weil wir keine Notunterkünfte, Verpflegungen usw. für die Obdachlosen anbieten und somit diesen Kostenfaktor, den andere Straßenzeitungen haben, nicht abdecken müssen. Unser Ziel ist, dass die Menschen von diesem Bettlerding wegkommen und als Verkäufer eines interessanten Magazins wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Und sich darüber hinaus etwas Geld dazuverdienen können, das sie bitter nötig haben.  

Gab es eine besondere Situation, die dich dazu bewegt hat, eine Straßenzeitung zu machen?
Naja, das war eher ein spontaner Entschluss. Ich habe mir schon oft Gedanken darüber gemacht, warum es Menschen gibt, die auf der Straße leben müssen. Aber die Idee wirklich etwas dagegen zu tun kam mir im Dezember letzten Jahres. Bei mir um die Ecke steht immer ein Obdachloser, mit dem ich öfters mal spreche. An einem Tag erzählte er mir wie wenig Geld er hat und dass das Leben scheiße ist. Als ich später an der Kasse eines Drogeriemarktes stand, kam mir dann der Gedanke – was ist das für eine ungerechte Scheiße die hier abläuft? Es kann doch nicht sein, dass sich ein Familienvater da draußen den Arsch abfriert und bettelt während ich überteuerte Kosmetikprodukte kaufe! Also hab ich mir überlegt was ich tun könnte und dann kam mir die Idee mit „Streetmag“.  

Hast du selbst jemals zuvor mal ein Straßenmagazin gekauft?
Nein und genau darüber habe ich dem Moment nachgedacht. Ich dachte mir, wenn es ein cooles Magazin gäbe, das die Leute gerne lesen, dann hätten es die Obdachlosen auch viel leichter dieses zu verkaufen. Die jungen Leute geben so viel Kohle für Unsinn aus, warum sollten sie das Geld dann nicht sinnvoller einsetzten, indem sie etwas Gutes damit tun. Uns geht es mit „Streetmag“ nicht darum, mit dem moralischen Zeigefinger auf unsere Konsumgesellschaft zu zeigen und die Leute dazu zu zwingen über Obdachlosigkeit nachzudenken. Das würde auch gar nichts bringen. Es geht vielmehr darum, die Menschen über das Hintertürchen für das Thema Straße zu sensibilisieren. Wir haben in jeder Ausgabe ein Interview mit jungen Obdachlosen, die erzählen, warum sie auf der Straße gelandet sind und stellen eine Organisation vor, die sich für diese Themen einsetzt. Das heißt, die, die sich dafür interessieren, haben die Möglichkeit sich Gedanken darüber zu machen und die anderen, die nicht darüber nachdenken wollen, haben durch den Kauf des Magazins trotzdem einen Teil dazu beigetragen, dass die Obdachlosen etwas davon haben.  

Ja, aber wie schafft ihr es, dass man bei eurem Magazin nicht auch wegschaut? Indem wir das Magazin so ansprechend wie möglich gestalten und viel Werbung machen. Wir geben viele Radio- und TV-Interviews, machen alle paar Monate Veranstaltungen und Partys um „Streetmag“ bekannter zu machen und leisten jede Menge Promo-Arbeit. Wir haben auf der Berlinale verschiede „Streetmag“-Promo-Aktionen gemacht und da das ganze durch unseren Kunstverein GeniusArtCorp e.V. unterstützt wird, haben wir natürlich viele prominente Supporter. Der Verein ist nämlich ein Zusammenschluss aus verschiedenen Medienschaffenden, Sozialarbeitern und Schauspielern wie Ralf Richter, Birol Ünel, Oktay Özdemir und vielen anderen. Der Verein ist eine Art Plattform für soziale Medien-Projekte und engagiert sich stark in integrativer Jugendarbeit.    

    Habt ihr euch vorher andere Straßenmagazine angeschaut?
Nein. Es geht uns gar nicht darum, zu schauen was andere machen, um es dann besser oder anders zu machen. Ich finde alle Straßenzeitungen toll, solange alle damit zufrieden sind. Nur weil ich sie nicht kaufe, heißt das ja nicht, dass sie was falsch machen – Sie sprechen einfach eine andere Zielgruppe an. Deshalb schauen wir nach unserer Zielgruppe und versuchen diese so gut es geht zu erreichen, unabhängig davon was andere machen.

   Für die erste Ausgabe des „Streetmag“ gab es ja keinen festgelegten Preis. Wie hat dieses freiwillige Bezahlsystem geklappt?
Unterschiedlich. Es ging von 30-40 Cent bis zwei-drei Euro, je nachdem wie die Leute so drauf waren. Bei der zweiten Ausgabe wird es eine unverbindliche Preisempfehlung geben, sodass die Leute einen besseren Richtwert haben. Häufig wussten die Verkäufer nämlich nicht, was sie nehmen können und die Käufer nicht was sie geben sollen. Damit aber genug bei den Menschen auf der Straße ankommt, haben wir uns auf 1,50 Euro als unverbindliche Empfehlung festgelegt. Diese Summe ist aber auch nur ein Richtwert, der gerne überboten werden kann. 


   Wie können Künstler, die sich präsentieren wollen, an euch herantreten? Und gibt es irgendwelche Einschränkungen?
Auf street-mag.de oder unserer Facebook-Fanseite gibt es alle Infos. Künstlerisch sind wir für alles offen, egal ob Dichter, Maler, Fotografen oder Journalisten. Als Berliner Magazin versuchen wir natürlich Berliner Künstler zu supporten, aber wenn sich jemand von außerhalb präsentieren möchte, gibt es da auch nicht so strenge Regeln.

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