Uffie oder: Das Prinzip Spieltrieb

Was die Tochter eines Modemanagers am besten kann? Party machen! Wie praktisch, dass Uffie mit diesem Talent wie nebenbei zum Wundermädchen des Elektropop und Aushängeschild des Ed-Banger-Labels wurde.
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Illustration: Julia Schubert

Unbekümmerter und entspannter als dieses 22 Jahre alte Mädchen, das eigentlich Anna-Catherine Hartley heißt und in Florida geboren wurde, kann man kaum wirken, wenn man dabei ist, die Popwelt aufzuwirbeln. Uffie, die gerade ihr Debütalbum „Sex Dreams and Denim Jeans“ veröffentlicht hat, sitzt einfach da in ihrem Berliner Hotelzimmer, qualmt Kippen und hält das Musikgeschäft für ihren höchstpersönlichen, bunten Spielplatz. Uffie hat ihre Karriere bereits äußerst beiläufig begonnen. Nach einer Kindheit in Hongkong und der Trennung der Eltern zog sie mit 15 zu ihrem Vater, einem Modemanager, nach Paris. Dort schmiss sie nach sechs Wochen das Studium an der renommierten Mode-Uni ESMOD und machte lieber das, was sie nach eigener Aussage immer noch am besten kann: Party. Beim Clubben lernt Uffie dann mit 17 den Produzenten Feadz kennen, der für das hippe Pariser Elektrolabel Ed Banger (Daft Punk, Justice) arbeitet. Die beiden werden ein Paar, und Uffie nimmt die zusammen mit Feadz verfasste, extrem trockene und heiße Electro-Rap-Nummer „Pop the Glock“ auf. Und obwohl (oder gerade weil) Uffie weder gut rappen noch gut singen kann und ihre Songs fast immer mit der umstrittenen Stimmoptimierungs-Software „Autotune“ bearbeitet werden, breitet sich der Hype sehr schnell aus. Uffie gilt seit dem Jahr 2007 als übercoole, süße und ein klein wenig verruchte Trendsetterin, deren Musik für Indiepopkids wie für Mainstreamfans gleichermaßen geeignet ist. Ob sie nur ein flüchtiger Sommerhype war oder das Zeug zum etablierten Popstar hat, werden die kommenden Monate zeigen. jetzt.de:Uffie, hast du Angst, dem Hype nicht gerecht zu werden? Uffie: Ich blende das aus. Ich konzentriere mich nicht auf das, was die Presse schreibt und bin selbst darauf gespannt, wie es laufen wird. Druck und diesen ganzen anderen Quatsch kenne ich nicht. Bevor wir über dich reden, lass uns noch eine Sache klären: Bist du sauer auf Ke$ha? Bitte nicht. Bitte nicht was? Bitte nicht dieses Thema. Das ist ein Feld, auf das ich mich im Interview nicht begeben möchte. Wenn ich jetzt sagen würde, was ich denke, bräuchte mir das nur Ärger ein. Es heißt, Ke$ha hat bei dir geklaut. Sie kombiniert ebenfalls Electropop mit sexy Texten, hat das Ganze jedoch gefälliger und massentauglicher aufbereitet. Ich halte wirklich nichts davon, mich mit anderen Künstlerinnen oder Künstlern zu vergleichen. Das ist einfach ein blödes Konzept. Wir haben alle unseren eigenen Stil, diese Schubladen sind sinnlos. Und ich habe jetzt echt keinen Bock mehr, weiter über Ke$ha zu sprechen. Ist gut. Aber war es vielleicht trotzdem ein Fehler, mehr als drei Jahre an deinem Album zu arbeiten. Deine erste Single „Pop the Glock“ kam bereits 2007 raus und hat für viel Wirbel gesorgt – kein Wunder, dass sich deine Konkurrenz daran orientiert haben mag. Möglich, aber ich kann ja nicht zaubern. Ich habe erst 2006 meinen ersten Song geschrieben. Wie hätte ich so schnell ein Album aufnehmen sollen? Ich hatte keinen Nerv, mich verrückt machen zu lassen und wollte lieber etwas Gutes aufnehmen.

Wusstest du, wie Songschreiben geht? Nö, ich hatte keine Ahnung. Wir schrieben „Pop the Glock“; und als nächstes bekam ich diesen Plattenvertrag. Die ersten zwei Jahre habe ich das alles hier nur zum Spaß gemacht. Und jetzt ist aus Spaß der Ernst des Lebens geworden? Nein, jetzt ist das immer noch Spaß. Musik ist für mich keine ernste Sache, sie ist ein Spiel. Natürlich ist vieles stressig, das ganze Reisen, die Interviews und das alles. Doch eine richtige Arbeit ist das trotzdem nicht für mich. Wenn ich keine Freude mehr am Musikmachen hätte, würde ich einfach damit aufhören. Deine neue Single „ADD SUV“ ist ein Duett mit Pharrell Williams. Wie lernt man so jemanden kennen? Die meisten meiner Bekanntschaften mache ich auf Parties. Auch Pharrell habe ich bei einer Party kennengelernt, und zwar in Tokio. Er ist ein Künstler, den ich immer bewundert habe. Also fragte ich ihn, ob er auf meiner Platte mitmachen wollte. Er wollte. Auch Madonna-Produzent Mirwais ist dabei. Auf dem von ihm produzierten Song „Illusion of Love“ singst du sogar zum ersten Mal. Auch eine Partybekanntschaft? Klar. Das ist doch keine große Sache. Man trifft sich, tauscht sich aus, arbeitet zusammen. Das ist unkompliziert. Wenn es kompliziert wäre, würde es mir nicht so viel Spaß machen. Wie fanden es deine Eltern, dass du dein Studium geschmissen hast? Begeistert waren sie nicht. Mein Vater hat gemeint, wenn ich nicht mehr studiere, müsste ich mich selbst ernähren. Also bekam ich auch kein Geld mehr von ihm. Richtig sauer war er nicht, aber nun muss ich halt selbst für meinen Lebensunterhalt sorgen. Zum Glück war das nie ein Problem, da mich mein Label von Beginn an finanziell unterstützt hat. Ich musste nie kellnern oder ähnliches. Das wäre auch garantiert nicht mein Ding gewesen. Ich bin nicht besonders diszipliniert. Wofür steht der Albumtitel „Sex Dreams and Denim Jeans“? Für die Jugend. Jeans sind eine Art Rebellenhose, und Sex, nun ja, für Sex habe ich mich halt als Jugendliche angefangen zu interessieren. Was ist denn so rebellisch an dir? Eigentlich gar nichts. Als Teenager war ich nicht wilder und verrückter als die meisten anderen Kids. Der Ärger, den ich hatte, war der gleiche Ärger, den die anderen auch haben. Also bist du in Wirklichkeit total durchschnittlich. Ich denke, was mich vom Durchschnitt unterscheidet, ist meine Offenheit. Ich bin keine Planerin. Nie gewesen. Was bedeutet das konkret? Das Unabsehbare ist Teil meines Lebens. Ich will überhaupt nicht wissen, wie erfolgreich ich werde, wie lange ich lebe oder ob eine Liebe wirklich ewig oder nur ein paar Monate bestehen bleibt. Ich denke viele Dinge nicht komplett durch und bevorzuge stets die Leidenschaft gegenüber der Vernunft. Ich halte nichts von Bedenken und von Überlegungen im Stile von „Das wird mal ein böses Ende nehmen“. Du hast vor zwei Jahren den Graffitikünstler André Saralva geheiratet, dich ein Jahr später scheiden lassen und im vergangenen Oktober, also nach der Scheidung, eure gemeinsame Tochter Henrietta zur Welt gebracht. Richtig. Der Bauch gewinnt, der Kopf verliert. So ist es immer bei mir. Hat dich die Geburt deiner Tochter verändert? Mutter zu werden, das war natürlich ein heftiger Wechsel in meinem Leben. Ein Kind zu haben bedeutet, dass du über Nacht erwachsen wirst. Dass du nicht mehr nur für dich selbst verantwortlich bist, sondern auch für einen anderen Menschen. Und zwar für einen Menschen, der von dir abhängig ist, der dich braucht. Seit Henrietta da ist, weiß ich, dass ich kein Kind mehr bin.

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Illustration: Julia Schubert

Das Album „Sex Dreams and Denim Jeans“ erscheint am 24. Juni bei EdBanger/Warner

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