Das unbefriedigendste Video im Internet

In diesem Video geht jede Alltagszene schief – absichtlich. Warum das so ein Erfolg ist, haben wir die Macher gefragt.
Interview von Veruschka Haas
Foto: Screenshot

Mit ihrem Video „The Most Unsatisfying Video in the World ever made“ ist der Wundertütenfabrik ein internationaler Hit gelungen. Das Video war in den letzten paar Tagen überall auf der Welt auf den verschiedensten Plattformen zu sehen. In dem Video sieht man Alltagssituationen, die absichtlich auf eine Weise durchgeführt werden, dass dabei etwas schiefgeht.

Die Wundertütenfabrik ist eine Künstlergruppe aus einem festen Kern von sieben bis acht Personen. Jeder von ihnen ist auf eine andere Weise kreativ. Manche filmen, andere schneiden die Videos und ein paar stehen vor der Kamera. Sie kommen zwar zum größten Teil aus Süddeutschland, haben ihr Büro aber in Berlin. Zusammengeschlossen haben sie sich anfangs, um ihre kreativen und lustigen Ideen auszuleben, mittlerweile ist die Wundertütenfabrik jedoch zu einem richtigen Job geworden. Ihren Youtube Kanal haben sie seit Mai 2015.

Wir haben mit Sandro De Lorenzo gesprochen, der einer der Beteiligten im Video war.

jetzt: Wie seid ihr auf die Idee für dieses Video gekommen? Habt ihr etwas gesehen, was ihr „unsatisfying“ fandet, und dann beschlossen ein ganzes Video darüber zu machen?

Sandro di Lorenzo: Meine Freundin Charlotte ist auf die Idee gekommen. Sie hatte einige dieser sehr beliebten „Oddly Satisfying Videos“ gesehen, bei denen alles perfekt verläuft und ästhetisch schön ist. Wir wollten dazu ein Gegenvideo machen, in dem alles schön aussieht, aber nichts klappt. Sozusagen als Parodie. Tatsächlich hieß unser Video auch zuerst „The Most Satisfying Video“. Wir wollten, dass Menschen nach „Satisfying Videos“ suchen, auf unser Video klicken und etwas Perfektes erwarten, dann aber sehen wie alles schiefgeht. Erst nachdem der Hype um unser Video anfing und wir in den Kommentaren dauernd gelesen haben, dass es so „unsatisfying“ sei, haben wir den Namen des Videos zu dem Jetzigen geändert. Wir dachten, so könnte man es im Netz besser finden.

Ihr zeigt ja viele verschiedene Dinge, die schiefgehen. Zum Beispiel Puzzles, denen ein Teil fehlt, oder ein Päckchen Backpulver, das statt oben einfach in der Mitte aufgerissen wird.  Wie seid ihr auf die ganzen Ideen für diese Szenen gekommen?

Charlotte und ich haben auf einer Bahnfahrt die ganzen möglichen Ideen entwickelt. Es gab ursprünglich viel mehr Szenarien als die, die tatsächlich im Video auftauchen. Wir haben dann alle diese Möglichkeiten im Büro gefilmt und sie den anderen dort vorgespielt. Schlussendlich haben wir nur die Clips für das Video übernommen, die mindestens eine Person genervt haben oder über die mindestens eine Person gelacht hat.

 

Kannst du dir erklären, wieso Menschen sich anscheinend so gerne etwas anschauen, was so „unsatisfying“ ist?

Ich kann verstehen, wieso die „Satisfying Videos“ so beliebt sind. Es ist wahnsinnig beruhigend, sich ein Video anzuschauen, in dem alles perfekt abläuft. Wieso unser Video so oft geschaut wird, kann ich mir nicht erklären. Ich denke aber, es könnte mit der Zerstörung von Ordnungserwartungen zu tun haben. Auf manche Leute hat das eine belustigende Wirkung. Auf andere wirkt es intensiv aggressiv und sie regen sich auf. Diese zwei Reaktionen kann man auch in den Kommentaren beobachten. Ich glaube, es könnte hier aber auch kulturelle Unterschiede geben. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass das Video vor allem in Amerika verbreitet wurde. Dort hat es anscheinend am stärksten auf die Menschen gewirkt.

 

Wo wir beim Thema Verbreitung sind: Der richtige Hype hat ja erst einen Monat, nachdem ihr das Video gepostet habt, angefangen. Wie kam es dazu?

Es ist meistens so, dass Videos schon eine Weile online sind und der Hype fängt erst richtig an, wenn eine bestimmte Seite sie teilt. Das war mit unseren anderen Videos teilweise auch so. In diesem Fall wurde unser „unsatisfying“ Video letzte Woche auf 9gag hochgeladen. Das haben sie zwar ohne Lizenz gemacht, aber sie haben uns zum Glück verlinkt. Dort wurde es dann zu einem der meistgeklickten Videos und viele andere Plattformen haben es bemerkt und weiter verbreitet. Jedoch haben die meisten Seiten sich das Video für Facebook lizenziert und nicht über unseren Youtube Kanal geteilt, weshalb sich die ganzen Klicks nicht auf dem eigentlichen Youtube Video widerspiegeln. Dort hat es nämlich nur um die 500.000 Aufrufe.

 

Weißt du denn ungefähr, wie viele Klicks das Video mittlerweile insgesamt hat, wenn man die Aufrufe von allen Plattformen zusammenzählt?

Ich weiß, dass es gestern schon über 100 Millionen Klicks waren. Mittlerweile habe ich leider den Überblick verloren.

 

Du meintest vorhin, dass manche eurer Ideen es nicht in das Video geschafft haben. Jetzt, wo das Video so ein Erfolg ist, denkst du ihr verwendet diese anderen Ideen vielleicht für ein „The Second Most Unsatisfying Video“?

Ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber ich denke nicht, dass wir ein zweites Video machen werden. Wir haben ja schließlich noch viele andere Formate, zu denen wir weiterhin Videos machen. Außerdem werden solche Ideen im Internet teilweise komplett tot getrampelt und sind dann einfach nicht mehr lustig.

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