"Unglaublich indirekter und ekliger Umgang miteinander"

Schüler in NRW bekommen seit diesem Schuljahr Noten für ihr Verhalten. Horst Wenzel von der Landesschülervertretung hält die Bewertungen für einen Fluch. Ein Interview über Benimm-Noten
peter-wagner

Horst, du hast für Freitag eine Demo gegen Kopfnoten in Düsseldorf angemeldet. Warum? Am Donnerstag berät der Landtag in Nordrhein-Westfalen (NRW) über ein Gesetz zur Abschaffung dieser Kopfnoten. Die Regierungsfraktionen haben aber schon vorher angekündigt, das Ding abzulehnen - deswegen die Demonstration. Ihr habt doch schon im Januar demonstriert, nicht wahr? Ja, da war miserables Wetter und wir sind echt fast weggeschwommen. Die Stimmung war aber super gut und sie soll bei gutem Wetter nochmal besser werden.

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Illustration: Julia Schubert
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Szenen von der Demo im Januar. Was steht da am Donnerstag zur Abstimmung? Ein Gesetzentwurf der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Die arbeiten mit Euch zusammen. Die sind auf unsere Forderungen als Landesschülervertretung eingegangen und haben einen Gesetzesentwurf erstellt, der es den Schulen freistellen soll, ob sie Kopfnoten geben. Und der Entwurf soll auch verbieten, Kopfnoten oder Fehlzeiten auf Abschlusszeugnisse zu setzen. Seid ihr mit der Demonstration nicht einen Tag zu spät dran? Wir haben am Montag im Landtag eine Petition mit 10.000 Unterschriften überreicht und wir kommen insofern nicht zu spät, weil es eh festgefahren ist: Es ist allen in der Politik bewusst, dass das Ding am Donnerstag abgelehnt wird. Deshalb sind wir stinkig.

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Horst am Montag bei der Übergabe der Unterschriften. Wer sind eure Gegner? Die CDU-Fraktion. Oder das Schulministerium, das die Kopfnoten beibehalten will. Viele aus der CDU-Fraktion sagen aber schon: Vielleicht müsste man das überdenken ... Diese Kopfnoten gibt es seit diesem Schuljahr. Ja, seit diesem Jahr verpflichtend. Vorher war die Vergabe den Schulen also freigestellt? Ja. Kopfnoten gibt es nicht in allen Bundesländern – erklär’ nochmal, was sie für dich im letzten Schuljahr bedeutet haben. Das sind sechs Noten - drei zum Arbeitsverhalten, drei zum Sozialverhalten – die von „1“ bis „4“ reichen. Ein Lehrer soll sich für jeden Schüler eine Notiz machen, am Ende geben alle Lehrer diese Noten zusammen und ermitteln so die sechs Verhaltensnoten je Schüler. Was wird benotet? Kooperationsbereitschaft, Sozialverhalten, Verantwortungsbereitschaft, Sorgfalt … Aber was ist daran schlimm? Mit diesem Wissen kannst du einen Schüler doch viel besser einschätzen. Aber was ist denn bitte das Ziel von Schule? Die Schüler werden durch die Kopfnoten vormarkiert – diese Noten wurden ja auf Druck von Unternehmern eingeführt. Auf der nächsten Seite erklärt Horst, welche konkreten Konsequenzen die Kopfnoten für seinen Freund haben und was Schule seiner Meinung nach fördern sollte


Ist das so? Das waren ganz klar Wirtschaftslobbyisten, die gesagt haben: Wir wollen ein weiteres Sortierungsmittel haben. Die IHK hat uns auch in Gesprächen gesagt, dass man nun wunderbar zwei Stapel machen könne - einen mit guten Kopfnoten und einen mit schlechten Kopfnoten. Das ist aber nicht die Aufgabe von Schule, die Leute gerade in ihrer Pubertät – wo man auch ein Recht drauf hat, sich ein bisschen anders zu verhalten und eine Persönlichkeitsentwicklung durchmacht – es ist nicht die Aufgabe der Schule, in dieser Zeit zu sieben. Die Schule soll kritische und mündige Persönlichkeiten vorbringen. Und da sind Kopfnoten kontraproduktiv, weil sie zu Duckmäusertum führt. Die Schüler sagen jetzt weniger kritische Wortbeiträge im Unterricht und sagen dem Lehrer nicht immer unbedingt die Meinung, weil er ein zusätzliches Machtinstrument in der Hand hat. Ist das deine Erfahrung? Das ist absolut meine Erfahrung. In welcher Klasse bist du? Ich bin jetzt fertig und habe mein Abitur. Herzlichen Glückwunsch! Danke. Welche Erfahrungen hast du gemacht? Ein Kumpel von mir, der sehr hibbelig ist, weil er starke Probleme zu Hause hat – das weiß der Lehrer nicht – stört öfter im Unterricht und ist ein bisschen auffällig. Jetzt geht man mit Kopfnoten her und versucht, den ruhig zu stellen. Der hat ein richtig miserables Zeugnis bekommen. Bei den Kopfnoten hat er fünf Vieren und eine Drei bekommen und hat sich jetzt für einen Ausbildungsplatz beworben. Die haben ihm sofort gesagt: Nee, kannst vergessen, deine Kopfnoten sind so schlecht, du scheinst zum Beispiel überhaupt nicht konfliktbereit zu sein. Das war ein krasses Ding! Lehrer bewerten an der Stelle ein Problem und versuchen nicht, die Ursachen dafür zu lösen. Es ist ein unglaublich indirekter und ekliger Umgang miteinander, wenn man den Leuten ein halbes Jahr später eine Zahl aufs Zeugnis gibt. Stehen auf deinem Abizeugnis Kopfnoten? Ja. Welche hast du? Bei mir ist es ganz vernünftig ausgefallen aber darum geht es ja nicht. Es geht nicht um mich persönlich sondern darum, was das generell für ein Instrument ist. Wie lange kämpft ihr als Landesschülervertretung schon dagegen? Seit November 2007. Gibt es in deinen Augen eine Alternative zu den Kopfnoten? Wir wollen keine Schleimkultur an der Schule. Wenn man das Sozialverhalten wirklich fördern will, muss man eine konstruktive Feedbackkultur schaffen, wie sie in Unternehmen und in der Erwachsenenbildung Usus ist. An der Schule, finden wir, muss ein Lehrer dem Schüler situativ sagen, was ihn stört und der Schüler muss das auch sagen dürfen.

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Horst Wenzel Willst du studieren? Ja, wahrscheinlich Politk und Wirtschaft. Was glaubst du: Gleicht sich Schule gerade den Hochschulen an, wo der Druck etwas höher geworden ist? Absolut. Da wird immer mit Wettbewerbsfähigkeit argumentiert, dass die Leute früh aus der Schule rausmüssen etc – das ist ein Riesenschwachsinn, weil darunter die Bildungsqualität leidet. Das Zentralabitur zum Beispiel hat die Bildungsqualität krass verschlechtert und jetzt geht es nur noch darum, die Menschen ständig abzutesten. Wieviele Leute erwartet ihr zu der Demo am Freitag? Oh, es wird groß. Du glaubst also, dass dein Zorn wirklich soweit verbreitet ist? Absolut. Weil das nicht nur eine Frage der persönlichen Betroffenheit ist – das ist eine politische Frage.

Text: peter-wagner - Fotos: privat

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