United We Stand

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Wer diesen Sommer durch Berlin gelaufen ist, hat sie vielleicht schon gesehen. Gerade hängen sie in mehreren Städten in Österreich und im italienischen Bologna, in New York waren sie auch schon zu sehen und in weiteren Städten werden sie noch auftauchen: Filmplakate, die für „United We Stand. Europe has a mission“ werben, mit Penelope Cruz und Ewan McGregor in den Hauptrollen. Im Kino hat man den Film allerdings vergeblich gesucht, denn die Plakate sind Teil einer Kunstaktion und werben für einen Film, der nie gedreht wurde. Wir haben bei dem Künstlerpaar Franco und Eva Mattes, international bekannt als 0100101110101101.ORG, nachgefragt, was es mit der Aktion auf sich hat.

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Illustration: Julia Schubert

Was genau ist "United We Stand. Europe has a mission"? Das ist der Titel eines nicht existierenden, komplett von der EU produzierten Blockbusters im Hollywood-Stil: ein brillianter Mix aus Spionage- und Science-Fiction-Stereotypen, nur dass diesmal Europa und nicht die USA die Welt vor dem drohenden Schicksal retten. Außerdem ist „United We Stand“ das gesamte Projekt. Wir haben uns den Film ausgedacht und promoten ihn nun weltweit im öffentlichen Raum und in den Medien durch Anzeigen und riesige Plakate sowie durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Hat dieser nicht-existente Film eine Geschichte? Er spielt im Jahr 2020. Um die Zunahme nordkoreanischer Atomwaffen aufzuhalten, haben die USA China den Krieg erklärt – eine von internationalen Beobachtern lang erwartete Entwicklung. Deshalb fordert der europäische Präsident eine spezielle Task Force: ein Undercover-Notfallteam, das aus fünf besonders ausgebildeten Individuen besteht, die nur als die Englischen (Ewan McGregor), spanischen (Penelope Cruz), deutschen, italienischen und französischen Agenten genannt werden. Ihre Mission ist es, hinter den Kulissen zu arbeiten, um die internationale Krise zu lösen, bevor es zu spät ist, und die beiden Supermächte zu entwaffnen ohne zu brutaler Gewalt zu greifen. Mit Hilfe von Spionage, Hi-Tech-Sabotage und nach vielen Aufs und Abs, hat die Task Force ihr Ziel fast erreicht. Doch als der Sieg schon zum Greifen nah ist, scheitert die Mission scheinbar. Wie wird Europa diese internationale Krise lösen? Wie seid ihr auf die Idee gekommen, einen nichtexistierenden Film zu promoten? Wir haben damit begonnen, in ganz unterschiedlichen Fällen die amerikanische Flagge durch die europäische zu ersetzen. Jeder erinnert sich an Peter Fonda in „Easy Rider“ und niemand wundert sich über eine Lederjacke mit einer amerikanischen Flagge drauf, während man über die selbe Jacke mit einer europäischen Flagge nur lachen würde. Warum ist die patriotische Ikonographie der USA allgemein akzeptiert, während sie lächerlich wird, wenn man sie auf Europa überträgt? Das hat uns interessiert. Kino ist die populärste und am besten wiedererkennbare Kommunikationsform, die wir uns denken konnten. Deshalb wollten wir es als Instrument benutzen, um kritisches Denken zu fördern. Was wollt ihr denn mit der Kampagne erreichen? Wir wollen einen modernen Mythos schaffen, eine Story, die die Menschen kennen, ohne dass sie sich daran erinnern können, wann oder wo sie davon gehört haben. Hab ich die Story irgendwo gelesen oder habe ich ein Poster gesehen? Hat mir mein Nachbar davon erzählt oder lief es heute morgen im Radio? Einen Mythos, der in der Luft liegt. Wie bei einer Grippe, bei der man auch nicht weiß, woher man sie hat. Leute haben uns erzählt, sie hätten die Poster in Städten gesehen, in denen wir nie welche plakatiert hatten. Sie glauben, sie haben sie gesehen, aber es ist nicht wahr. Wir nennen das unterbewusste Kunst. Wie haben die Leute denn bisher auf die Plakate reagiert? Hauptsächlich mit Verwirrung: Die Kampagne wirkt so glaubwürdig, dass niemand einen Fake vermutet. Sie entwickeln deshalb ganz unterschiedliche Interpretationen, je nachdem, wo die Plakate hängen. In Berlin waren die Leute skeptisch. Vielleicht verbinden sie die Plakate mit der deutschen Geschichte. Menschen, die die Plakate vor dem Reichstag oder an der Berliner Mauer hängen sahen, waren sehr kritisch: „Ich kann nicht glauben, dass so etwas auch hier passiert, als ob es nicht schon genug billigen amerikanischen Patriotismus-Mist gibt, jetzt macht Europa das auch noch.“ Andere waren sauer, weil kein Darsteller aus Osteuropa dabei ist. Haben Amerikaner und Europäer die Plakate unterschiedlich aufgenommen? In Europa wird die Aktion überwiegend als Witz über die USA gesehen. Als wir in den Staaten ankamen, haben wir festgestellt, dass die Plakate dort genau umgekehrt interpretiert werden. Was haltet ihr von der EU? Viele Menschen sind kritisch eingestellt und seit die Europäische Verfassung gescheitert ist, befindet sich die EU in einer Krise. Wir haben dieses Projekt aus Frust gestartet, haben aber keine Vorstellung davon, was Europa sein könnte oder sollte. Dieses Projekt stellt Fragen, aber es gibt keine Antworten. Eva und Franco Mattes, 1976 geboren, sind Künstler, die unkonventionelle Kommunikationstaktiken anwenden, um größte Aufmerksamkeit mit geringstem Aufwand zu erreichen. Sie sind Pioniere der Netzkunst Bewegung, remixten berühmte digitale Kunstwerke und performten „Life Sharing“: ein digitales real-life Selbstporträt, während dessen sie ein Jahr lang von Satelliten überwacht wurde. In den letzten zehn Jahren haben sie sich vor allem dem Medien Aktivismus verschrieben. Sie haben einen nichtexistierenden Künstler promoted, einen Computervirus als Kunstwerk verbreitet und Nike mit einer gefakten Anzeigenkampagne herausgefordert und vor Gericht besiegt. Ihre Arbeiten werden weltweit gezeigt, sie waren bereits auf der Ars Electronica in Linz eingeladen und gehören zu den jüngsten Künstlern, die auf der Biennale in Venedig teilgenommen haben.

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