Unschuldig im Todestrakt

Juan Melendez saß 17 Jahre lang unschuldig im Todestrakt eines Gefängnisses in Florida. Er war schuldig befunden, 1984 Delbert Baker ermordert zu haben. Ende 2000 schließlich gestand der tatsächliche Mörder – und am 3. Januar 2002 wurde Juan Melendez entlassen, als 50-jähriger Mann. Derzeit reist Juan Melendez durch Deutschland und erzählt seine Geschichte – am Mittwoch endet seine Tour in Hamburg.
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Illustration: Julia Schubert

Foto: juan-melendez-tour.de Herr Melendez, wie kam es damals zu Ihrer Verurteilung? Der Besitzer eines Schönheitssalons wurde umgebracht. Dann behauptete jemand, er hätte mich am Tatort gesehen. Das war eine Lüge, er wollte sich persönlich an mir rächen. Eine andere Person sagte, ich hätte ihr den Mord gestanden. Warum er das tat, war offensichtlich. Er war selbst verurteilt. Durch seine Aussage musste er statt vier nur zwei Jahre ins Gefängnis. Vor Gericht haben mir zwei Leute ein Alibi gegeben. Sie konnte bezeugen, dass ich zur Mordzeit nicht am Tatort war. Aber es waren Schwarze – daher hat man ihnen nicht geglaubt. Das Ganze ging schnell. Am Montag begann der Prozess, am Donnerstag wurde ich zum Tode verurteilt. Wie sind sie schließlich frei gekommen? Ich war inhaftiert in einem District, der für rassistische Urteile berüchtigt ist. Es war so gut wie aussichtslos. Im Jahr 2000 hatte ich das Glück, dass mein Pflichtverteidiger zum Richter ernannt wurde. Damit galt er als befangen und mein Fall wurde verlegt. Als eine neue Rechtsanwältin, Barbara Fletcher, den Fall übernahm, entdeckte sie eine Tonbandaufnahme. Sie befand sich bei den Unterlagen für meinen Fall. Auf der Kassette war das Geständnis des wahren Mörders. Die Kassette stammte aus dem Jahr 1984, dem Jahr meiner Verurteilung. Damals wurde sie unterschlagen. Es hätte einen Imageschaden für den Ankläger bedeutet, wenn sich herausgestellt hätte, dass der Fall ein abgekartetes Spiel war. Wie sieht der Alltag im Todestrakt aus? Man steht auf, bekommt irgendwann das Essen in die Zelle geschoben, versucht etwas zu lesen. So ist es von Montag bis Sonntag, jeden Tag gleich. Es ist sehr einsam. Man wird schnell vertraut mit den anderen Insassen des Todestrakts, vertrauter als mit der eigenen Familie. Das ist schlimm. Man muss mitansehen, wie sie zur Hinrichtung abgeholt werden, einer nach dem anderen. Die meisten wurden auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Bei der Hinrichtung gibt es Spannungsschwankungen – im ganzen Gefängnis flackert dann das Licht. Während meiner Haft habe ich miterlebt, wie 41 Menschen hingerichtet wurden. Aber unter Ihren Mitinsassen waren doch auch tatsächliche Mörder? Früher hatte ich Vorurteile gegen Mörder. Aber durch meine Haft habe ich dazugelernt. Ich weiß jetzt, dass Menschen sich ändern können. Meine Mitinsassen haben sich um mich gekümmert. Zu Beginn meiner Haft konnte ich nur Spanisch. Sie haben mir Englisch beigebracht und Lesen und Schreiben. Sie haben mir viel Liebe und Fürsorge entgegengebracht. Vor allem haben sie mir vermittelt, wie man verzeiht. Diese Menschen zu töten ist eine Sünde. Wie haben Sie die Haft überstanden? Meine Mitinsassen haben mich aufgefangen. Außerdem hat mir meine Familie viel Halt gegeben. Auch das Bewusstsein, dass ich unschuldig bin, hat mir geholfen. Manchmal stand ich kurz vor dem Selbstmord. In solchen Phasen hatte ich plötzlich besondere Träume – schöne Bilder aus meiner Kindheit. Das hat mich wieder aufgebaut. Ich bin überzeugt, dass Gott mir diese Träume geschickt hat. Wie verlief Ihre Freilassung? Es hat sich angefühlt wie im Cartoon, wenn einer Comicfigur ein Hammer über den Kopf gezogen wird und sich die Sterne drehen. Ein Schock, man kann es einfach nicht fassen! Das erste, was ich als freier Mann gemacht habe, war, zu Burger King zu gehen. Ich habe den Mond und die Sterne angeguckt. Ich bin barfuß auf Gras gelaufen. Die ganzen einfachen Dinge im Leben, die wir für selbstverständlich halten. Sie müssen sehr wütend sein. Ich verwandele meine Wut in politisches Engagement. Ich bin schwer enttäuscht vom Rechtssystem in den USA. Eine Reform ist dringend nötig. Geändert werden muss zum Beispiel die Regelung, dass Kriminelle für eine Zeugenaussage Haftminderung bekommen. Da geschieht viel Missbrauch. Außerdem sind in den USA Recht und Rechtssprechung rassistisch. Rassismus ist oft ein bewusstes Spiel mit Ängsten. Ein Spiel, auf das sich auch Politiker einlassen. Um die Todesstrafe abzuschaffen, müssen andere Länder Druck auf die USA ausüben, besonders Europa. Wir brauchen eure Hilfe. Wie sieht Ihr Engagement aus? Ich halte Vorträge, auch im Ausland. Ich versuche Abgeordnete zu überzeugen, dass sie sich für Gesetzesänderungen einsetzen. Zum Beispiel, dass die Todesstrafe an Jugendlichen verboten wird. Und ich suche den Kontakt zu Befürwortern der Todesstrafe. Wenn ich die überzeugen kann, dass die Todesstrafe sinnlos ist, ist das mein größter Erfolg. Wie ist Ihr Leben nach der Entlassung? Es ist nicht leicht. Ich bin 54 Jahre alt und lebe bei meiner Mutter, wie ein kleines Kind. Nachts habe ich Alpträume und wache schweißgebadet auf. Es gibt bestimmte Dinge, die ich nicht mehr ertragen kann nach all den Jahren in der Todeszelle. Ich halte es nicht aus, auf etwas zu warten. In Menschenmassen kriege ich Panik. Viele, die aus der Todeszelle freigekommen, machen Ähnliches durch. Viele werden Alkoholiker. Einige begehen Selbstmord, nachdem sie entlassen wurden. Mehr über Juan Melendez gibt es auf der Seite juan-melendez-tour.de

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