Herr Sigurdsson, man hört häufig, Männer seien schwanzgesteuert. Sie auch? 
Hjortur Gisli Sigurdsson: Ja, mein Leben ist ziemlich kontrolliert davon. Penisse geben mir meinen Lebensinhalt und mein Gehalt. Aber nicht unbedingt mein eigener.  

Frau Rajnar, man hört häufig, Frauen fänden ihre Vaginas hässlich. Stimmen Sie zu?  
Kerstin Rajnar: Nein. Meine gefällt mir gut. Sie gehört zur Persönlichkeit.  

Sie beide leiten je ein Museum über die Vagina und den Penis. Wie kommt es dazu? 
Sigurdsson: Ich übernahm es vor drei Jahren von meinem Vater, der es 1974 gegründet hat. Ich war damals zehn Jahre alt. Es begann als Witz, doch die Idee wuchs. Am Anfang war es komisch für mich. Einige meiner Freunde wollten mich damit ärgern. Aber ich brachte sie ins Museum und sie begannen es zu respektieren. Vor drei Jahren ging mein Vater in Rente. Ich arbeitete bis dahin als Logistik-Manager. Es war Zeit für eine Veränderung. Das Museum zu leiten war schon immer mein Traum. 

Rajnar: Ich habe an einem Kunstprojekt namens „Bewegte Standpunkte“ anlässlich des Themas 100 Jahre Frauenrechte mitgearbeitet. In dem Zusammenhang habe viel recherchiert und mit Menschen geredet, und fand heraus, dass das weibliche Geschlechtsteil für viele nach wie vor ein Tabu ist. Sie werden rot, wenn es darum geht. Sie verhalten sich unsicher, haben Angst oder sind völlig perplex. Ich dachte mir: ok, ich will etwas tun. Ich will den Leuten vermitteln, dass es gut ist, die Vagina zu erkunden. Also habe ich mir ein Konzept überlegt. Herausgekommen ist ein Museum.  
Sigurdsson: Ist es ein Kunstmuseum?  
Rajnar: Ja, das ist der Unterschied zu Ihrem. Momentan konzentriere ich mich auf Kunst. Doch in ein paar Jahren soll das Vagina-Museum eine große, informative Plattform werden. Ich möchte Sektionen über Gesundheitsthemen und das tägliche Leben eröffnen. 



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Was gibt es in Ihren Museen zu sehen?  
Sigurdsson: Wir zeigen 283 Penisse von verschiedenen Lebewesen und etwa 300 Artefakte. Mein Lieblingsstück ist unser neuestes: Ein wirklich großer Penis von einer afrikanischen Giraffe aus Namibia. Er ist 70 Zentimeter lang und weiß.  
Rajnar: Mein Museum ist virtuell. In der Galerie zeige ich digitale Kunstwerke von 17 internationalen Künstlern, die sich unterschiedlich mit der Vagina auseinandergesetzt haben. Im kunsthistorischen Archiv zeige ich 94 Werke, die einen Überblick von Perspektiven der Vagina aus der Altsteinzeit bis zur Gegenwartskunst bieten.  

Welche Botschaft wollen Sie Ihren Besuchern mitgeben?  
Rajnar: Die Vagina wird häufig mit Pornografie assoziiert. Aber Vagina und Penis sind nicht pornografisch. Es gibt laut Studien nach wie vor Frauen, die ihre Vagina noch nicht gesehen haben. Das Museum soll den freien Umgang fördern. Ich möchte keine Radikalisierung, sondern Modernisierung. Ich möchte nicht werten, sondern aufklären.  
Sigurdsson: Wir wollen mit dem Museum informieren und bilden. Mein Vater ist Lehrer. Er hat sich die Frage gestellt: Warum können wir über die Anatomie des Penis nicht so offen reden wie über die Anatomie der Hand? Wenn du den Penis abschneidest, ist er ein Teil wie jeder andere am Körper. Es geht nicht um das Sexuelle. Sexualität ist im Kopf. Wir sollten die Möglichkeit haben, den Penis aus der Nähe anzusehen. Wenn der Penis von Tabus, Aberglaube und altem Denken überdeckt wird, kommen wir nicht weiter.  

Herr Sigurdsson, wie konservieren Sie die Penisse?
Sigurdsson: Manche sind getrocknet. Die meisten konservieren wir in Aldehyd. 

 Wie sammeln Sie die besten Stücke?  
Sigurdsson: Wir haben gute Kontakte. Zum Beispiel arbeiten wir mit dem Marine Biology Department der Universität Island zusammen. Wenn ein Wal strandet, lassen sie es uns wissen. Unser Museum ist inzwischen sehr bekannt. Die Leute bringen uns Teile aus der ganzen Welt. 

 Frau Rajnar, woher stammen Ihre Werke?  
Rajnar: Wir haben online einen Aufruf gestartet, auf den sich Künstler bewerben konnten. Die Medienkünstlerin Doris Jauk-Hinz hat die Einreichungen kuratiert.  

Soll es Ihr Museum auch physisch geben? 
 Rajnar: Ja, das wäre toll, ist aber wohl erst in ferner Zukunft der Fall.  

Sie haben Fördergelder einiger großer österreichischer Kulturinstitutionen. Wie haben Sie sie überzeugt? 
Rajnar: Ich habe mehr geschrieben, als je in meinem Leben zuvor: Ideenskizzen, Zeitpläne, Finanzpläne. Zusätzlich habe ich viele Gespräche geführt. Es gab viele Hürden zu bewältigen. Es hat drei Jahre gedauert. Doch letztlich ist das Konzept aufgegangen. Jetzt ist es so weit und ich bin aufgeregt.  




Gibt es etwas, das Sie in Ihren Museen bewusst ausklammern?  
Rajnar: Nein. Wir sind offen für alles, solange es künstlerisch überzeugt und die Vagina nicht abwertet.
Sigurdsson: Wir auch nicht. Man kann nicht weit genug gehen.  

Haben Sie Videos?  
Sigurdsson: Haben wir nicht.  

Erregte Penisse?  
Sigurdsson: Nein, aber das liegt daran, dass wir die technischen Mittel bisher nicht hatten. Es gibt inzwischen die Möglichkeit des Plastinierens. Aber darum geht es uns ja nicht. Es geht um die Vielfalt der Formen und Größen.  

Stellen Sie menschliche Penisse aus?
Sigurdsson: Ja, einen. Es war eine Spende eines isländischen Gentlemans 2011. Wir haben auch schon zertifizierte Zusagen von fünf weiteren Spendern.  

Frau Rajnar, ist bei Ihnen auch eine echte Vagina dabei, wie bei Herrn Sigurdsson?  
Rajnar: Nein, aber dafür viele virtuelle. 

 Wie ist die Resonanz?  
Rajnar: Mich enttäuscht, dass viele Leute negativ reagieren. Besonders wenn sie hören, dass die österreichische Regierung das Museum unterstützt. Was ich mir schon alles anhören musste: Pornoseite, Fotzentempel, dubioses, beklopptes Projekt.  
Sigurdsson: Wir haben zu Beginn auch negative Resonanz bekommen. Als die Leute herausgefunden haben, dass es in unserem Museum nicht um Pornografie und Unanständiges geht, sondern um Information, Interessantes und Humor, war die Negativ-Presse weg. Jetzt bekommen wir nur noch positive Resonanz.  
Rajnar: Hoffentlich verstehen das die Leute auch bei mir bald. Ich will nicht provozieren. Ich hoffe, sie beruhigen sich, wenn sie sehen, dass mein Museum einen künstlerischen Ansatz verfolgt. 

 Was wünschen Sie sich für den Umgang mit Geschlechtsorganen? 
Rajnar: Sorgfalt. Die Vagina ist etwas Heiliges. Sie ist so stark mit uns verbunden. Beschneidung, Prostitution, Vergewaltigung, Schönheitsoperationen - hört doch endlich auf damit. Lasst sie uns nicht kaputt machen, sondern so lieben und schätzen, wie sie ist.  
Sigurdsson: Die Diskussionen über das weibliche oder männliche  Geschlechtsteil sollten nicht mit Angst verbunden sein. Wir müssen ja nicht gleich alle nackt sein. Aber lasst uns doch nicht so sehr dafür schämen, sondern intelligent und gebildet darüber reden. Wir haben etwa Schülergruppen ab acht Jahren, die mit ihren Lehrern ins Museum kommen. Natürlich wird viel gekichert - aber sie sind auch sehr interessiert und stellen intelligente Fragen.  

Zurück zur Eingangsfrage: Hat der Kopf also das Geschlechtsteil im Griff?
Sigurdsson: lacht. Ich glaube, dass wir heutzutage gebildet genug sind, um zu erkennen, dass die Größe nicht das Kriterium ist. Es gibt diesen Witz: Gott gab Männern ein Gehirn und einen Penis. Aber nicht genug Blut um beides gleichzeitig zu durchbluten. Ich glaube, das funktioniert nicht mehr. Dennoch habe ich manchmal Paare, die zu Besuch kommen. Häufig gehen die Frauen rein, und die Männer warten draußen. Wenn ich sie frage, warum, sagen sie: „It gives me the willys“. Das heißt so viel wie: Es macht mich verrückt. 

Herr Sigurdsson, was wollen Sie Frau Rajnar mit auf den Weg geben?  
Sigurdsson: Ich finde die Idee toll. Mein Vater sagte: Jemand muss es tun. Ich gratuliere und wünsche das Beste.  
Rajnar: Ich würde gerne kooperieren. Vielleicht können wir eine gemeinsame Ausstellung planen?
Sigurdsson: Ja, lass uns in Kontakt bleiben.