Veni, Vidi, Vintage

Auf seinem neuen Album „Vom Vintage verweht“ zeigt sich Dendemann in eigenartiger Bestform. Ein Gespräch über Rap-Konjunktive, Bringschuld und Wolfmother
daniel-schieferdecker

jetzt.de: Der Titel deiner ersten Single-Auskopplung lautet “Stumpf ist trumpf 3.0”. Dass stumpf trumpf ist, ist aber auch keine ganz neue Erkenntnis, oder? Dendemann: Das ist eine Lebensweisheit, die ich über die Jahre von vielen verschiedenen Menschen zu hören bekommen habe, wenn ich mal wieder allzu abgefahrene Text-, Cover- oder T-Shirt-Ideen hatte. Aber du hast recht, neu ist die nicht, daher ja auch der 3.0-Zusatz im Titel. Denn vor mir gab es schon gleichnamige Stücke von der 80er-Jahre-Punk-Band KFC mit Sänger Tommi Stumpf und von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung.

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Illustration: Julia Schubert

Dann bedeutet „Stumpf ist trumpf“ in deinem Fall also vor allem eine Reduzierung aufs Wesentliche. Genau. Weniger ist mehr, obwohl ich eher der Typ bin: „Warum einfach, wenn’s auch schwierig geht?“ Mein ewiger Kampf mit dem Konjunktiv: Ich hätte, könnte, müsste. Damit konfrontiere ich natürlich auch den Hörer und sage ihnen: „Ich hätte einen hohen Anspruch an euer KnoffHoff.“ Aber wer diese fordernde Kritik abkann, der schafft auch noch den Rest. Ich bringe es ihnen zwar nicht sonderlich schonend bei, aber man ist eigentlich bereits aus dem Gröbsten raus, wenn man diesen Track erfolgreich hinter sich gebracht hat. „Stumpf ist trumpf 3.0“

Wenn das Stück der Soundtrack für eine bessere Welt wäre, wie sähe die aus? Ein Soundtrack für eine bessere Welt ist für mich die Musik von Daft Punk. Daft Punk sind die Komponisten für deinen Soundtrack einer besseren Welt? Ja, das ist eben Alien-Musik. Daft Punk kommen zu uns runter, lachen einmal über uns und zeigen uns dann, wie es besser geht: Mit ganz viel Liebe. Das sind so sympathische, geleckte Roboterdiplomaten. Deine ungebrochene Freude am Spiel mit der Sprache wird auch auf dem neuen Album in Titeln wie „Vom Vintage verweht“ oder „Metapher Than Leather“ wieder deutlich. Wunderst du dich manchmal darüber, wenn naheliegende Phrasen noch nicht verbraten wurden? Ich überlege mir auf jeden Fall immer ganz genau, wann ich nachgucke, ob es bestimmte Sachen schon mal gegeben hat. Ich hatte zum Beispiel eine wahnsinnig gute Idee für einen Buchtitel, aber den gab es leider auch schon: „Döner For One“. Klar, der ist nicht sonderlich weit hergeholt, aber das sind die guten Dinge eben meist auch nicht. Ich ärgere mich über so was aber nicht, sondern freue mich vielmehr darüber, dass es noch andere Bekloppte gibt wie mich, die diese Sprache so feiern. Denn was bitte geht mit dieser Sprache!? Ich bin jetzt seit 15 Jahren im HipHop-Business damit beschäftigt, Doppeldeutigkeiten zu suchen. Und je mehr ich davon habe, desto qualitativ hochwertiger wird von bestimmten Leuten meine Arbeit bewertet. Ich habe da mittlerweile ja schon eine regelrechte Bringschuld. Als mir „Metapher Than Leather“ eingefallen ist, war ich deshalb schon ein wenig stolz. Aber erklär das mal jemandem, der es nicht sofort rafft: Es gibt eben ein Run DMC-Album ähnlichen Namens, meint aber gleichzeitig auch, dass meine Metaphern zäh sind wie Leder, weil der Groschen eben nicht immer gleich auf Anhieb fällt. Wie stehst du denn dazu, dass sich die hiesige Rap-Szene in den letzten Jahren immer weiter davon entfernt hat, das Potenzial der deutschen Sprache in all seinen Facetten wirklich auszunutzen? Ich war damals ein so großer Fan von Rappern, die in Sachen Reimen und Wortspielen ähnlich unterwegs waren wie ich, dass ich deren Platten auswendig konnte. Deshalb ist die Recherche, ob es bestimmte Reime schon gab, immer sehr kurz ausgefallen. Das hat dazu geführt, dass ich sogar von anderen Rappern regelmäßig angerufen wurde und gefragt worden bin, ob es diesen oder jenen Reim schon gibt. Ich war einfach Experte. Aber heute brauche ich das nicht mehr machen. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand denselben Reim so brauchbar benutzt hat, dass ich Skrupel hätte, ihn noch mal zu verwenden, ist verschwindend gering. Bist du nicht traurig darüber, wie sich die Dinge entwickelt haben? Nein, warum? Ich habe zuhause einen kompletten Ikea-Schrank voll mit tollstem HipHop. Außerdem verlässt man durch so eine Stagnation auch mal seine HipHop-Welt und kramt in dem riesigen Fundus dessen, woraus HipHop einst entstanden ist und kauft plötzlich nur noch Jazz, Funk und Soul. Man kommt plötzlich beim Original an und das ist mindestens genauso schön. Hast du so auch versucht, deine Inspiration für diese Platte woanders zu finden? Nein, überhaupt nicht. Die letzte wirkliche Inspiration aus der HipHop-Szene waren die Kopfnicker-Beats, verzögerten Handclaps und unquantisierten Rhythmen aus Detroit von 2001. Stattdessen stand ich dann irgendwann auf einem Wolfmother-Konzert und hatte das Gefühl, seit Jahren nicht mehr so einen Bass erlebt zu haben. Und was macht man dann? Natürlich feiern. Ich habe mit der HipHop-Szene doch seit Jahren nichts mehr zu tun, aber ich rappe einfach zu gut, um außen vor zu bleiben. Dieses Album ist ja auch keine HipHop-, aber eben eine Dendemann-Platte. Das Nischen-Grabbing ist das einzige, was jemandem wie mir am Ende übrig bleibt. Dieses Album stellt für mich das perfekte Dreiviertelstundenkonzept für einen Auftritt dar. Diese Platte ist letztlich eine logische Konsequenz aus dem, was ich in den letzten Jahren gemacht habe. Wolfmother haben dich also diese Platte machen lassen? Nicht direkt Wolfmother, aber Rock. Rap und Rock waren 1985 schließlich mal die dicksten Freunde, und ich habe sie nun nach langer Zeit wieder zusammengebracht. Irgendwann habe ich mich gefragt, warum ich mich ohne Gitarre eigentlich so rockig fühle. Na, weil es eben rockt! Und diese Rock-Vokabel gibt es ja auch im HipHop, wenn man davon spricht, das Haus oder sein Publikum zu rocken. Plötzlich hat alles wieder Sinn ergeben. Das Stück „Nesthocker“ habe ich dennoch als ein Lossagen von der HipHop-Szene verstanden. Zumindest aus dessen Zwängen, ja. HipHop ist ein bisschen wie ein Elternhaus. Es gibt eben diese Typen, die mit 35 noch bei Muttern wohnen, sich da hinsetzen, ihren Braten fressen, irgendwas zu nörgeln haben, aber eben auch nichts Positives zum Haushalt beitragen. Und so in etwa habe ich mich in diesem HipHop-Nest gefühlt. Deswegen ziehe ich jetzt aus. Aber: Wir kommen alle wieder. Und wenn auch nur zu Weihnachten und Ostern.

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Illustration: Julia Schubert

"Vom Vintage verweht" von Dendemann erscheint heute auf Yo Mama/Four Music/SonyBMG.

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