„Verkaufe ich mich?“

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Caro, der „Union Investment“-Werbespot mit eurem Song „Sun And Rain“ läuft schon seit fünf Jahren im ZDF. Wie kam es dazu? Caro Garske:Es funktioniert so: Die „Union Investment“ will einen Spot machen und schickt dafür einen Musikagenten los. Der klappert verschiedene Labels ab, von denen die meisten eine Zusammenstellung ihrer Künstler mit kompatiblen Songs fertig machen, die eventuell zum Spot passen könnten. Der Agent hört sich diese Songs an und trifft nach Gefühl eine Auswahl. Und am Ende findet eine richtige Marktforschung statt. Wir haben uns damals mit Dirk Darmstädter ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert. Es wurde geprüft, welcher Song bei den Hörern besser ankommt. Wir hatten einfach nur Glück, dass sich die Leute für unseren entschieden haben. Das Lustige daran ist, dass dieser Song ursprünglich gar nicht von uns ist. Unser alter Schlagzeuger Björn Matthias und unser alter Gitarrist Felix Wiesner hatten vor uns eine Band, die sich Bata Express nannte. Eine deutschsprachige Band. Und „Sun And Rain“ ist eigentlich ein alter Bata-Express-Song. Wir haben den Jahre später nochmal neu interpretiert. Deswegen teilen wir bis heute den Gewinn auch nicht durch drei, sondern durch fünf.

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Illustration: Julia Schubert

Tenfold Loadstar, rechts sitzt Caro Viele Bands verkaufen ihre Songs als Werbemittel. Wie findest du diese Entwicklung? Wir haben das ja auch gemacht. Es ist ja schon ein paar Jahre her, als diese Sache mit „Union Investment“ zustande kam. Damals hatte ich schon auch ein paar Vorbehalte. Es hat sich komisch angefühlt, und wenn auch nur einer von uns gesagt hätte, er möchte das nicht, dann hätten wir es auch nicht gemacht. Nachdem ich lange mit mir gehadert und mich mit Freunden und Bekannten darüber ausgetauscht hatte, habe ich gesagt: „Gut, dann lasst uns das halt machen!“ Man muss dazu sagen, dass wir immer nah am Existenzminimum gelebt haben und es auch immer noch tun. Am Anfang habe ich mich gefragt: „Was mach ich hier? Verkaufe ich mich?“ Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass ich das gemacht habe, weil es mir sehr viele Dinge ermöglicht hat. Wie zum Beispiel die neue Platte zu produzieren. Kriegt ihr immer noch Geld für den Spot? Wir werden dadurch nicht reich, haben aber regelmäßige Einnahmen, die es zumindest ermöglichen, auch mal in den Urlaub fahren zu können, oder mal ein bisschen was für eine neue Waschmaschine auf die hohe Kante zu legen. Die Laufzeit des Spots ist auch gerade verlängert worden. Hier ist das Lied: "Sun and Rain"

Habt ihr in der Zwischenzeit häufiger Anfragen von anderen Firmen bekommen, die eure Songs für ihre Zwecke nutzen wollten? Nein. Wir dachten damals, wir nutzen das, um die Band zu pushen und in das Bewusstsein anderer zu bringen. Wir hatten ja auch eine Single mit so einem komischen Aufkleber drauf: „bekannt aus dem ‚Union Investment’“-Spot“. Und trotzdem ist nicht wirklich was passiert. Vielleicht ist es dazu einfach zu unspektakulär. Unser Name wurde zudem in der Werbung nie eingeblendet. Das gibt’s ja auch, dass unten drunter der Bandname läuft. Warum lief denn euer Name nicht da unten? Das wollten die nicht. Verdient ihr mehr an dem Spot als an Plattenverkäufen? An Plattenverkäufen verdienen wir gar nichts. Ich weiß ja nicht, wie es mit unserer neuen Platte laufen wird, aber mit den bisherigen haben wir nichts verdient. Gibt es eine Marke, für die ihr gerne mal einen eurer Songs hergeben würdet? Ich hätte zum Beispiel Lust – auch ohne dafür Geld zu bekommen -, für einen „Greenpeace“-Spot Songs zur Verfügung zu stellen. Das würde mir einfach Spaß machen, ohne dabei einen Verdienst daran im Hinterkopf zu haben. Und es gab ja auch schon einen ganz tollen Kinderfilm, der „Sun And Rain“ als Soundtrack hatte: „Hände weg von Mississippi“. Es gibt zwar immer noch „das Böse“ und „den Feind“, wofür man keine Musik hergeben möchte, aber ich würde heute und grundsätzlich nicht mehr so lange mit mir hadern, wenn es neue Anfragen gäbe. Ich sehe das so, dass ich damit das, was ich seit zehn Jahren betreibe, auch weiterhin gut betreiben kann. Ansonsten ist es schwierig, von der Musik zu leben. Kevin Barnes, der Sänger der Band of Montreal, sagt: „In der Indie-Welt gilt immer noch das alte Punk-Ethos, das besagt, dass jeder Anschein von Kommerz die Kunst befleckt. Aber wem die Band wichtig ist, der wird einsehen, dass wir von irgendwas leben müssen.“ Du kannst so ein Statement bestimmt gut verstehen, oder? Ja, genau so sah es bei uns ja auch aus. Man dachte: „Mmh, das geht eigentlich nicht!“ Und nach längerem Hin und Her kamen wir dann doch zu dem Entschluss, mitzumachen. Wovon schätzt du werdet ihr als Band in fünf Jahren am ehesten leben können? Das kann ich nicht einschätzen. Ich hoffe natürlich, dass wir mit unserer dritten Platte jetzt ein wenig Erfolg haben werden und dann auch wieder ein bisschen an Energie gewinnen können. Es ist ja auch so eine emotionale Geschichte: Wenn nie so richtig was passiert, zerrt das ganz schön an einem. Klar kann man sagen: „Wenn man ein echter Musiker ist, dann muss man einfach Musik machen – egal, ob man damit Erfolg hat oder nicht!“ Ich habe jetzt jedenfalls wieder Lust, auf Tour zu gehen, und ich würde mich freuen, wenn sich weiterhin Leute für uns und unsere Musik interessierten. Wir denken nicht so weit, eher bis ins nächste Jahr hinein. Glaubst du, dass ihr euch durch den boomenden Werbemittelmarkt dazu hinreißen lasst, mainstreamigere Songs zu schreiben? Das glaube ich nicht. Ich finde nicht, dass die Songs auf der neuen Platte mainstreamiger geworden sind. Ich finde sogar eher, dass die Platte davor, wo „Sun And Rain“ drauf war, mainstreamiger war. Die war schon sehr auf Hits produziert. Trotzdem sind auf der neuen Platte auch wieder viele Hits, weil für mich einfach eine besondere, starke und eingängige Melodie sehr wichtig ist, wenn ich Stücke schreibe. Das kommt einfach so aus mir heraus, ich kann’s gar nicht anders machen.

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Illustration: Julia Schubert

„It’s Cold Outside And The Gnome Is You“ von Tenfold Loadstar ist auf NORMAL Records/Indigo erschienen.

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