Vermiss mich! Warum Jungs oft keine passenden Kleider finden

Seit Juli werden die Körper der Deutschen mit einem Scanner neu vermessen – die Klamottenindustrie braucht dringend neue Maßtabellen. Vor allem die Kleider für Jungs passen nie so richtig. Woran das liegt? Wer da vermessen wird? Rose-Marie Riedl erklärt, warum. Sie ist Sprecherin der Hohensteiner Institute, wo Wissenschaftler fast alles rund ums Thema "Kleidung" erforschen.
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Frau Riedl: Große Aktion, bis zum kommenden Sommer vermessen Sie die Körper von 12.000 Deutschen. Bekommen wir neue Konfektionsgrößen? Nein, die 38 oder 40 bleibt erhalten. Es geht darum, die Maßtabellen, die den Konfektionsgrößen zugeordnet sind zu überarbeiten. Wann wurden die Deutschen denn zum letzten Mal vermessen? Wir machen die Messungen für die Frauen schon seit 1957 und etwa regelmäßig alle zehn Jahre. Die letzte Reihenmessung für Frauen war 1994. Bei den Männern fehlt die Regelmäßigkeit. Und deswegen passen viele Anzüge nicht? Die letzte Messung, die in Maßtabellen umgesetzt wurde stammt aus den 60ern! Seitdem wurde nie mehr nachgemessen? Nein. Was ändert sich im Lauf der Jahre? Ich habe gelesen, dass die Körpergröße der Deutschen im Schnitt um einen Zentimeter je Jahrzehnt zunimmt. Das ist eine Annahme. Die Männer, die bei der Musterung gemessen werden, wurden im Schnitt größer. Aber wir müssen erst sehen, ob das auch bei der Gesamtbevölkerung so ist. Es gibt auch Forscher, die sagen: Da ist nichts dran. Jetzt muss ich nochmal fragen: Welche Rolle spielen die Maßtabellen? Die definieren die Größen. Sie legen fest, welche Körpergröße etwa der Frauenkleidergröße 38 zugrunde liegt. Im Moment definiert sich diese Kleidergröße über eine Körpergröße von 1,68 m. Dazu kommen noch bestimmte Angaben über Brust, Hüfte, Taille usw. Diese Angaben stehen in den Hohensteiner Maßtabellen – unsere Tabellen sind eine Art Grundlage für die Arbeit der Textil- oder Bekleidungsindustrie. Warum wurden denn die Männer nie mehr vermessen? Bei den Männern wurde in den 60ern der Körperumfang an die Körpergröße gekoppelt. Sie brauchen als Mann ihren Anzug eine Nummer größer, wenn etwa ihr Bauch dicker ist. Der Kopplung folgend müssten sie dann aber auch an Körpergröße zulegen. Bei den Frauen hat man es damals schon richtig gemacht – und Größe von Umfang entkoppelt. Na, das war tatsächlich sehr einfach gedacht. Deswegen machen wir den Spaß mit der Vermessung ja.

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Illustration: Julia Schubert

Ein Mann in einem der Scanner. Warum denn nicht schon früher? In 40 Jahren tut sich ja schon eine Menge. Das war schlichtweg ein Finanzierungsproblem. Diesmal haben viele Unternehmen, der Handel und auch die Autoindustrie als Partner gezeichnet. Wer ist dabei? Moment, ich suche mal die Liste … Adidas, Hugo Boss, C&A, Esprit, H&M, Lidl … Es sind mehr als 80 Partner bislang, die die Messung finanzieren. Die Rede war ja auch mal von einheitlichen Größen in Europa. Eine europäische Größenklassifizierung ist in Planung. Aber das ist hochkomplex. Eine Größe „38“ funktioniert da nicht als Gesamtaussage. Wie könnte ein einheitliches System aussehen? Grob gesagt wie bei der Jeans mit mehreren Angaben: Bundweite 28 Inch, Beinlänge 34 Inch zum Beispiel. So ähnlich wird es passieren. Das heißt dann aber nicht, dass Sie ihre Größe nach einem neuen System auch in allen Ländern finden können. Weil nicht alle Menschen in Europa gleich groß sind. Deswegen gibt es ja auch länderspezifische Reihenmessungen. Die Südeuropäer sind kleiner. 38 in Deutschland ist von der Aussage her nicht eine 38 in Italien. Unsere 38 heißt dort 42. Sie haben eine Abweichung von der Konfektionsgröße und von den Maßen dahinter. Wieviele Menschen messen sie in der aktuellen Aktion? 12.000. Und diesmal sind eben auch männliche Kinder und Männer dabei. Wie messen Sie? Wir haben mobile Scannermodelle an verschiedenen Standorten, um auch die Verteilung zwischen Stadt und Land berücksichtigen zu können. Am Ende werden wir vielleicht an bis zu 20 Messstationen. Wir müssen uns dem statistischen Querschnitt nähern. Kann ich mitmachen? Wir publizieren in den Medien, wenn wir bei einem Partner einen Scanner haben. (Siehe Link am Ende des Textes; Anm. d. Red.) Bekomme ich was für´s Mitmachen? Sie bekommen Infos zu ihrer Konfektionsgröße. Das ist vielen wichtig. Beim Großteil der Menschen gibt es ja einen Unterschied zwischen Oberkörper und Unterleib ... Was wird denn alles vermessen? Der Scanner misst 400.000 Punkte am Körper. Zum Beispiel? Den Taillenumfang, die Bein-Innenlänge, die Bein-Aussenlänge, die Armlänge … Können Sie schon sagen, was die Jugendlichen heute von den Jugendlichen früher unterscheidet? Wir machen keine Zwischenauswertung. Aber aus den Messungen aus unserem „Mieder“-Projekt wissen wir, dass die Frauen beim Brustumfang deutlich zulegen. Da muss man gucken, ob sich das weiter so fortsetzt. Das ist aber kein Thema der plastischen Chirurgie! Sondern? Mein subjektiver Eindruck ist: Das hat mit der Ernährungssituation zu tun. Ich muss aber auch sagen: Wir hatten bei den Messungen für Miederbekleidung bei Frauen auch viele Mädchen, die sehr schlaksig waren! Es wird interessant zu sehen, ob es da ein Stadt-Land-Gefälle gibt. +++ Alle Infos zur Reihenmessung gibt es auf der Website www.sizegermany.de. Die sogenannte "Reihenmessung" machen die Kleidungsforscher der Hohensteiner Institute in Bönnigheim gemeinsam mit Human Solutions.

Text: peter-wagner - Foto: www.sizegermany.de

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