„Viele dachten, ich sei wirklich ein Perverser“

Willem Popelier fand auf einem öffentlich zugänglichen Ausstellungscomputer über 150 Selbstporträts zweier 14-jähriger Mädchen. Er machte eine Ausstellung daraus. Ein Interview
nadja-schlueter
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Illustration: Julia Schubert

jetzt.de: Wie bist du auf die Fotos gestoßen? War es Zufall oder hast du aktiv nach Material gesucht? Willem Popelier: Mir fiel auf, dass viele Menschen mit in einem Laden ausgestellten Computern Fotos von sich selbst machen. Du kannst sie dabei beobachten, wie sie vor den Kameras Grimassen schneiden und dabei alles um sich herum vergessen. Vor einem Spiegel im gleichen Laden würde das nie passieren. Diese Beobachtung war der Beginn des Projekts „Showroom", in dem ich eine Auswahl solcher Fotos gezeigt habe. Auf einem Computer fand ich so viele Bilder, die alle von zwei Mädchen stammten, dass ich beschloss, daraus ein eigenes Projekt zu machen – die „Showroom Girls".

Konntest du die Bilder einfach mitnehmen?

Ich habe mir Bilder runtergezogen, ohne, dass es jemand gemerkt hat. Der Computer gehört nicht den Menschen, die die Fotos gemacht haben, und in vielen Fällen gehört er genau genommen nicht mal dem Laden. Er ist ein Ausstellungsstück. Ich habe die Bilder auch einfach so genommen, um zu zeigen, wie leicht das ist.

Du hast die Mädchen über das Internet identifiziert. Wie genau hast du das gemacht?

Auf ein paar Bildern war die Halskette eines der Mädchen deutlich zu erkennen, auf deren Anhänger ein Name stand. Ich bin davon ausgegangen, dass es ihr Name ist, habe ihn gegoogelt und innerhalb von 15 Minuten die gleichen Bilder, die ich hatte, in einem sozialen Netzwerk gefunden. Davon ausgehend konnte ich weitersuchen.

Was hast du über die beiden herausgefunden?

Ich habe eine Menge über das Mädchen mit der Halskette herausgefunden, ohne viel Mühe und ohne etwas Illegales zu tun. Ich kenne ihren Namen, ihr Alter, ihre Telefonnummer, Schulnoten, Bilder von ihrem Zuhause, ihren Freunden, Geschichten von ihrer Familie und so weiter. Von dem anderen Mädchen weiß ich weniger. Sie hat ihre Accounts so eingestellt, dass nur „Freunde" und „Follower" Details sehen können.

Wie genau sah die Ausstellung „Showroom Girls" aus, was gab es zu sehen?

In der Ausstellung waren alle 153 Bilder zu sehen, die die Mädchen gemacht haben, auch die, die sie gelöscht haben, repräsentiert durch leere pinkfarbene Rahmen. Außerdem sah man die Uhrzeit, zu der das Bild gemacht wurde, sodass erkennbar war, dass die beiden ungefähr eine Stunde vor der Kamera verbracht haben. In der Mitte des Raums habe ich einen Drucker installiert, der mit dem Twitter-Account des Mädchens mit der Halskette verbunden war. Jedesmal, wenn sie etwas getwittert hat, wurde das sofort im Museum ausgedruckt.

Können die Mädchen auch von den Besuchern der Ausstellung identifiziert werden?

Nein, alles war anonymisiert. Man kann die Gesichter der Mädchen auf den Fotos nicht sehen. Ebenso ist die Halskette nicht zu erkennen. Und jeder Tweet wurde als grauer Balken in der Länge der getwitterten Nachricht gedruckt. Man konnte aber das Datum und die Zeit erkennen, sodass man ein Gefühl dafür bekam, wie viel sie twittert. Man sah, dass sie twittert, aber nicht, was sie twittert.

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Wieso hast du auch die Fotos ausgestellt, die die Mädchen gelöscht haben?

In der Nummerierung der Bilder gab es viele Lücken, man sah also zum Beispiel „photo1.jpg", „photo2.jpg", „photo5.jpg" und so weiter. Die Mädchen haben viele Bilder gelöscht. Dadurch wurden die Bilder, die man noch sehen konnte, um einiges interessanter: Wieso haben die Mädchen manche Bilder gelöscht und andere behalten?

In der Ausstellung hast du dich selbst folgendermaßen porträtiert: „ein schmutziger, 28 Jahre alter Mann, doppelt so alt wie die Mädchen, der sie sich angeschaut und ihre digitalen Spuren verfolgt hat". Wieso?

Es lenkt sofort die Aufmerksamkeit auf meine Arbeit. Viele waren darüber verärgert und dachten, ich sei wirklich ein Perverser, der hinter den Mädchen her ist, was absolut nicht der Fall ist. Für mich sind sie nur die perfekte Fallstudie über ein Phänomen, dass ich „Digitalen Narzissmus" nenne. Wenn ich Bilder erwachsener Menschen ausgestellt hätte, wäre nicht so deutlich geworden, wie komplex dieses Thema ist. Indem ich sage, dass ich ein „schmutziger Mann" bin, gebe ich den Menschen einen Begriff davon, welche Gefahren das Internet für Minderjährige birgt.

Wie hat das Publikum der Ausstellung reagiert?

Sehr unterschiedlich, aber vor allem waren die meisten schockiert, dass ich so viel herausfinden konnte und dass es so einfach ging. Einige hat es auch erschrocken, wie oft das Mädchen twittert. Viele Besucher haben erst den Begleittext gelesen, in dem steht, was ich über die Mädchen herausfinden konnte. Dann haben sie sich die Arbeiten angesehen und waren enttäuscht: „Das ist einfach, das hätte ich auch machen können, wie langweilig, dass man nichts sieht."

Was genau wolltest du dem Publikum denn vermitteln?

Diese Mädchen sind nicht allein mit dem, was sie tun. Ich habe gezeigt, wie nah man einer Person kommen kann, ohne, dass man sie kennt. Ich sage nicht, dass das gut oder schlecht ist. Im Internet gibt es kein Gut oder Schlecht, die Informationen sind einfach da und wir gehen mir ihnen um. Wir sind heute allerdings extrem geschult darin, etwas auf eine bestimmte Art und Weise zu sehen und zu erwarten. Man sagt uns, dass eine Erfahrung nur eine Erfahrung ist, wenn wir sie mit anderen teilen. Wir sind geübt darin, Informationen sehr schnell und auf einfachem Wege weiter zu verarbeiten. Und wir sind daran gewöhnt, alles in fertigen Portionen wahrzunehmen: dies passiert, darum passiert es und so funktioniert es. Da gibt es wenig Raum für Nuancen.

Wissen die Mädchen von deinem Projekt?

Zunächst wussten sie nichts darüber. Das wollte ich so, weil auch das Internet so funktioniert: Du lädst etwas hoch und wirst nie davon erfahren, wenn jemand deine Informationen oder Bilder verwendet. Während der Ausstellung gab es dann eine große Medienaufmerksamkeit und sie erfuhren davon. Wie haben sie reagiert?

Danach werde ich oft gefragt. Ich antworte darauf aber nicht, weil das nicht zu meinen Aufgaben als Künstler gehört. Wenn ich etwas über sie persönlich sage, könnte ich genauso gut ihre Gesichter zeigen. Ich hatte mittlerweile Kontakt mit ihnen, auch mit ihren Eltern. Alles, was das angeht, bleibt anonym, genauso wie ihre Identitäten. Denn ehe man sich versieht geht es nur noch um diese beiden spezifischen Mädchen und nicht mehr um das große Ganze.

Text: nadja-schlueter - Foto: willempopelier.nl

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