"Viele Freiberufler haben am Wochenende ein schlechtes Gewissen"

Frank Oberhäußer ist freier Theaterregisseur. An der Berliner Schaubühne inszeniert er derzeit das Stück „Entgrenzung“, bei dem es um die großen Fragen der Freiberufler geht.
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Illustration: Julia Schubert

Frank, was bedeutet „Entgrenzung der Arbeit“? Es gibt ja von der Bundeszentrale für politische Bildung diese Hefte über Politik und Zeitgeschichte. Vor einem Jahr bin ich in einem davon auf diesen Begriff gestoßen: Entgrenzung der Arbeit. Es hieß darin, dass die Trennung zwischen Privat- und Arbeitsleben wegfallen und sich diese Bereiche immer mehr vermischen würden. Ich hab dann mal ein bisschen recherchiert. Soziologen beschäftigen sich schon seit zehn Jahren mit dieser Thematik und den Phänomenen des modernen Lebensgefühls. Einige dieser Phänomene bestimmen mehr und mehr unseren Alltag, zum Beispiel in dem wir eine immer größer werdende Anzahl von Rollen spielen müssen. Auch die Geschlechterrollen verwischen immer mehr. Und dadurch, dass viele Firmen ihre Mitarbeiter outsourcen, entfallen die Grenzen zwischen den einzelnen Unternehmen. „Entgrenzung der Arbeit“ bedeutet also ein Ineinanderfließen von verschiedenen Bereichen. Sollte man sich deiner Meinung nach über diese Entwicklungen freuen – oder eher beängstigt sein? Diese Frage haben wir uns bei den Proben auch gestellt – und wir haben bisher keine eindeutige Antwort darauf gefunden. Es gibt bestimmte Berufsgruppen, für die dieses Ineinanderfließen von Arbeit und Privatleben eigentlich ein wunderbarer Zustand ist. Gerade in künstlerischen Berufen und im Bereich der Medien, bei denen es sehr viel um Netzwerke geht. Aber es gibt auch Berufsgruppen, für die diese Entwicklungen eher bedenklich sind. Viele Leute, die früher fest angestellt waren, müssen jetzt die gleiche Tätigkeit freiberuflich ausüben und deshalb sehr viel mehr Verantwortung übernehmen. Wie stellst du dir das perfekte freiberufliche Arbeiten vor? Das entsteht zum einen durch eine perfekte Auftragslage, so dass es nicht dazu kommen kann, dass ein Freiberufler irgendwann nicht mehr weiß, was er oder sie zu tun hat. Und zum anderen kommt es darauf an, wie ein Freiberufler mit sich selbst umgeht, ob er für sich selber doch wieder Grenzen zieht. Viele Freiberufler, ich zähle mich dazu, haben selbst abends oder am Wochenende ein schlechtes Gewissen. Man denkt ständig: Eigentlich hätte ich dies und das ja auch noch machen können! Oder: Auf der und der Party wäre es jetzt doch gut zu sein, denn da ist ja der und der, da könnte ja vielleicht irgendwann irgendwas mal gehen, projektmäßig. Wenn man selbst eine Grenze zieht und anerkennt, dass das, was man leistet, gut ist und auch reicht, hat man viel gewonnen. In einer Festanstellung wird einem ja mehr oder weniger von jemand anderem gesagt, wann man sich zurücklehnen darf. In der Ankündigung eures Theaterprojekts fällt der Begriff „Life Coach“. Was verstehst man darunter? So was gibt es vor allem in Amerika, in Deutschland würde man dazu vielleicht „Therapeut“ sagen. Also ein Mensch, mit dem man regelmäßig Gespräche führt, und der einem hilft, die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern, neue Ziele im Leben zu suchen und zu überprüfen, ob die Menschen, mit denen man sich umgibt, auch die richtigen sind. Ein Life Coach ist eine Art Trainer. Im Arbeitszusammenhang nimmt ein Chef seine Position ein, der sagt: Dies und das könntest du besser machen! Wenn man frei arbeitet, muss man das natürlich selber machen, sich selber anspornen, aber auch sich selber zum Aufhören bringen und erkennen, dass man nicht unbedingt der Allerbeste auf seinem Gebiet sein muss. Was kann ein angehender Freiberufler von Schauspielern und Regisseuren am Theater lernen? Schauspieler haben eine ganz hohe Selbstverantwortung, was die eigene Leistungsfähigkeit angeht. Außerdem arbeiten sie immer projektbezogen. Alle sechs bis acht Wochen beginnt für sie die Arbeit an einem neuen Stück, und sie müssen sich die Art und Weise, wie sie spielen, jedes Mal von Neuem beibringen. Außerdem gibt es ständig wechselnde Teams, in denen Hierarchien hergestellt werden. Ein Schauspieler muss auch Emotionsarbeit leisten. Er muss dem Zuschauer ein gutes Gefühl geben. So wie eine Stewardess dem Gast im Flugzeug, oder ein Arzt seinem Patienten. Klingt anstrengend. Ist die Entgrenzung der Arbeit am Ende ein Hauptgrund für das Scheitern vieler Schauspieler am Theater? Ja, wobei man dazu sagen muss, dass die Theater natürlich auch nicht die Honorare zahlen können, die Schauspieler beim Film oder Fernsehen bekommen können. Andererseits hat man im Theater die einmalige Chance – und das genießen ja auch viele Schauspieler – mit Kollegen über einen längeren Zeitraum zu arbeiten, wenn sie einem klassischen Ensemble angehören. Theater ist eine Kollektivkunst. Du bist freier Theaterregisseur, warst zuvor aber unter anderem Regieassistent bei Thomas Ostermeier. Wünschst du dir heute manchmal einen richtigen Chef zurück? Nein. Einerseits gab es mit Thomas Ostermeier Stunden, in denen man ganz klare hierarchische Situationen hatte. Und dann wiederum sitzt man nach der Probe zusammen und trinkt gemeinsam ein Bier. Da haben sich die Grenzen also auch aufgelöst. Oder: Mit unserem Produktionsleiter habe ich auch ein gutes Verhältnis – aber irgendwann sitzt man auch am Tisch und muss eine Gage aushandeln. Dieses Verschwimmen der Grenzen ist nicht immer von Vorteil.

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Illustration: Julia Schubert

Szene aus "Entgrenzung" Wie inszenierst du das Thema „Entgrenzung der Arbeit“ auf der Bühne? In den ersten Woche haben wir vor allem viele Artikel zu dem Thema gelesen. Danach haben wir eine lange Liste mit Begriffen angefertigt, die uns dabei begegnet waren. Wir merkten schnell, dass diese Entgrenzung letztendlich alle Lebensbereiche betrifft. Ich habe als nächstes kleine Improvisationsaufgaben verteilt, für welche die Schauspieler entweder alleine oder zu zweit kleine szenische Skizzen entwickelt haben. Die meisten dieser Miniaturen handelten vom Arbeitsleben des Schauspielers. Auch davon, wie die Arbeit am Theater vor fünfzehn Jahren noch war. Jetzt zeigen wir auf der Bühne zum Beispiel, wie man sich gut sichtbar machen kann. Es gibt eine Auftrittsszene, in der sich zwei Schauspieler geradezu battlen, unter der Fragestellung: Wer kriegt die Aufmerksamkeit des Publikums? Auf der einen Ebene handelt das alles von Schauspielern, auf der anderen kennt natürlich jeder, der sich als Freiberufler anbietet, die Frage: Wie kann ich mich oder mein Produkt am besten positionieren? Es geht also um Selbstvermarktung und Selbstdisziplinierung. Inszeniert ihr auch das von dir angesprochene Verhältnis zum Chef, das auf der einen Seite freundschaftlich, auf der anderen auf Verhandlunsgbasis besteht? Da haben wir auch eine Szene: Einer unserer Schauspieler berichtete, wie wertvoll das Nichtstun auf der Bühne sein könne. Das wird jetzt zum Beispiel in einer Liebeszene gezeigt, in der einer der beiden Beteiligten einfach nichts tut. Das ist natürlich grotesk: Der eine Liebhaber spricht den anderen immer wieder an, und der andere reagiert nicht darauf. In einer Gehaltsverhandlung, die wir auch darstellen, kann dieses Nichtstun dann sogar von Vorteil sein. Wenn man dem Chef ungern widersprechen möchte, kann man auch einfach nicht reagieren. Der Chef bekommt daraufhin den Eindruck von einer Verneinung seines Angebots und steigert dieses weiter nach oben. Wir wirkt sich denn das Web 2.0 derzeit aufs Theater aus? Sehr begrenzt, dadurch dass das Theater eine Live-Kunst ist. Ich könnte mir eher vorstellen, dass sich etwas auf der ästhetischen Ebene verändert. Menschen geraten über ihre Computer in eine immer aktivere Rolle. Das ist im Grunde genommen das, was sich Bertolt Brecht vor 70 Jahren in der Radiotheorie schon mal erträumt hatte. Er dachte damals, dass das Radio das Medium wäre, über das man in beide Richtungen kommunizieren würde. Es wird mehr interaktive Formen von Theater geben, bei denen das Publikum mitentscheidet und aktiver teilnimmt. "Entgrenzung" hatte am Donnerstag an der Schaubühne in Berlin Premiere. Aufführungstermine im Februar: 22., 23. / Im März: 11., 12.

Text: erik-brandt-hoege - Fotos: Heiko Schäfer, privat

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