Vor kurzem ging ein Video zweier russischer Roofer um die Welt, die auf den Shanghai Tower kletterten. Marcel ist einer der wenigen Roofer aus Deutschland. Im Interview spricht er über Adrenalin und die Ästhetik der Höhe - und erzählt von einem Mädchen, das davon gar nicht beeindruckt war.

jetzt.de: Du kletterst auf Kräne, stehst in schwindelerregenden Höhen ohne Sicherung an Dächerkanten. Wie ist es, da oben in den Abgrund zu blicken?

Marcel: Das klingt jetzt scheiße irgendwie, aber es ist ein Gefühl von Freiheit. Es ist das perfekte Chaos unter mir. Wenn du die Stadt von oben siehst, siehst du die Leute entlang laufen, wie sie dem System folgen. Von oben sehe ich, wie die ganze Stadt funktioniert. Es ist schön zu sehen, dass die Anordnung der Häuser nicht so perfekt ist, wie zum Beispiel in New York. Berlin ist durcheinander und wild. Und die Sonnenaufgänge sind natürlich der Hammer von da oben.

Du bezeichnest dich als Roofer, auf Deutsch heißt das Dachdecker. Was ist Roofing für dich? Für mich ist es Extremsport. Es geht darum, ungesichert auf Gebäude zu klettern, aber auch darum, Fotos zu machen. Am besten steht man möglichst weit an der Kante und fotografiert nach unten, die Beine mit auf dem Bild. Die Betrachter des Fotos sollen ein Schwindelgefühl bekommen. Natürlich geht es auch darum, möglichst hoch zu kommen. Das ist das Geile daran: Nach oben ist immer Platz, man kann mir nicht vorschreiben, wohin ich gehe.

Aber Roofing ist verboten, es gilt als Hausfriedensbruch.

Ja, das ist die Ironie dabei. Es ist ein Ausbrechen aus dem Alltag mit seinen Regeln. Aber klar, wenn ich auf ein öffentliches oder privates Gebäude gehe und erwischt werde, dann kann ich sogar ins Gefängnis kommen. Wäre ich vorbestraft, gäbe es dafür zwei Jahre Haft.

Wie bist du zum Roofing gekommen?

Durch das Internet natürlich. Auf Youtube habe ich Videos von Marat Dupris gesehen, er ist Russe und der bekannteste Roofer überhaupt. Dann habe ich gedacht: „Mensch, das ist ja echt Hammer, was der macht.“ Der Typ, der lebt sein Leben. Ich mag die Idee, dass er die Welt aus einem anderen Blickwinkel sieht. Alle Welt sieht von unten nach oben, aber er, er sieht von oben nach unten. Plötzlich habe ich angefangen, beim Zug fahren auf die Hausdächer zu schauen und beim Laufen durch die Stadt nach oben zu gucken. Und wenn ich denke, da muss ich hoch, dann geht’s ans Observieren.

Wie läuft das ab?

Ich plane meine Tour Wochen im Voraus. Die Vorbereitung ist das A und O. Ich sehe ein Gebäude, das mir gefällt, zum Beispiel den Kalhoff Tower mit seiner Aussichtsplattform.  Dann stelle ich mir vor, welchen Blick ich von da oben habe und ob etwas im Weg ist. Also den Fernsehturm aus einer anderen Perspektive oder die seitliche Sicht auf den Tiergarten und die golden angestrahlte Siegessäule. Ich schaue aber nicht nur auf Wahrzeichen, sondern auch auf die Symmetrien. Die geben den künstlerischen Effekt auf dem Bild. Und dann checke ich die Faktoren: Ist das Wetter gut, ist das Objekt abgeschlossen, gibt es Security? Ich mache Sicherheitskameras ausfindig. Und ich muss ja auch bedenken: Wie komme ich wieder herunter? Wenn eine Dachluke zufällt, was mache ich dann?

Hast du Lieblingsorte zum Roofen? 

In Köpenick gibt es ein verlassenes Fabrikgebäude, früher war da eine Filmfabrik drin. Das ist mein erstes Mal gewesen, am 8. September 2011 bin ich da hoch. Der Sicherheitszaun hatte ein Loch und durch die Steintreppe und ein paar Leitern konnte ich nach oben steigen. Seitdem war ich über 50 Mal dort. Es ist nicht hoch, 50 Meter vielleicht, aber es ist traumhaft schön. Von da sehe ich die ganze Stadt, Adlershof, den Fernsehturm, Hellersdorf. Es ist auch super zum Picknicken mit Freunden.

Roofst du denn oft mit Freunden?

Nein. Auf verlassene Gebäude kann ich meine Freunde zwar mitnehmen, aber weil es sonst illegal ist, ist es schwer, eine Community zu bilden. Ich habe eine Facebookgruppe gegründet, in der andere ihre Fotos veröffentlichen können. Doch im Moment fühle ich mich noch sehr alleine mit dem Hobby. Ich hätte gerne jemanden, mit dem ich das teilen kann. In Deutschland kenne ich nur einen einzigen Roofer– der wohnt in Düsseldorf. Und wenn du auf Leute zugehst und sagst: „Hey, ich klettere gerne auf Dächer, magst du nicht mal mit?“, dann reagieren viele ablehnend und sagen, ich sei ein Psycho. Der Freund meiner Mutter sagt zum Beispiel, dass ich vollkommen irre bin.  

Beeindruckt dein Hobby nicht auch viele?

Das könnte man denken. Auf einer Party habe ich mal ein Mädchen kennengelernt, das mir gefiel. Am nächsten Morgen das typische Klischee: Sie bei mir, wir sitzen beide am Frühstückstisch. Ich habe ein Panoramabild vom Sonnenuntergang in Mariendorf, das an der Wand hängt, drei Meter lang. Sie hat gefragt, ob ich das gemacht habe, dann habe ich erzählt, dass ich dafür auf das Hausdach geklettert bin. Sie war total schockiert davon. Sie hat mich dann in Facebook gelöscht und ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. 

Noch ein Roofer: