Voll von der Rolle

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[b]Matthias, wie kommt man darauf, eine „Wohnrolle“ zu bauen?[/b] Die Idee entstand im Rahmen eines Workshops der Fakultät für Architektur. Das Architekturstudium ist meistens sehr virtuell, da wird viel geplant, aber wenig realisiert. Außerdem sind mit diesen Plänen immer unheimlich viele Vorschriften und Regeln verbunden. Wir wollten uns davon mal freimachen. Unter dem Motto „Guerilla Housing“ haben wir die Studenten deshalb vor die Aufgabe gestellt, ein Wohnobjekt zu konzipieren, das ohne Grundstück auskommt. Man sollte damit binnen einer Nacht auf einer Grünfläche oder auch nur einem Parkplatz auftauchen und genauso schnell wieder verschwinden können. Das Besondere an „Rollit“ ist, dass diese liegende Tonne schon durch ihre Form anzeigt, dass sie nicht zum jeweiligen Ort gehört und jederzeit entfernbar ist.

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[b]„In mir kannst du wohnen!“ zeigt sie allerdings weniger an. Die Rolle hat einen Durchmesser von nur 2,5 Metern und ist gerade mal 3 Meter lang.[/b] Stimmt! Das funktioniert nur mit dem richtigen Innenleben. In der äußeren Rolle sind noch einmal drei Räder drin, die gleichzeitig die Möbel sind. Es gibt ein Bett- und Schreibtischmöbel und eins mit Küche und WC, die man sich immer so zurecht drehen kann, wie man sie gerade braucht. Wenn ich die Küche benutzen will, drehe ich das Rad so, dass das Klo über mir hängt. Das dritte Möbel, in der Mitte, ist ganz frei, damit man sich auch mal bewegen kann. Sozusagen ein Laufrad. [b]Es gibt auch Schränke, zum Beispiel für Geschirr. Aber gehen die Teller nicht alle kaputt, sobald ich an der Küche drehe?[/b] Das haben wir mit Containern gelöst, die auch rund sind und an denen ein Gewicht angebracht ist. So schauen sie immer nach oben, egal, wohin man das Rad dreht. Die eingebaute Toilette funktioniert genauso. [b]Und was ist, wenn ich mir abends mein Bett zurechtdrehe, einschlafe – und wegrolle?[/b] Es gibt Holzblöcke, mit denen man die Rolle von außen befestigen kann. Wenn die natürlich ein gemeiner Jemand wegnimmt, könnte man schon wegrollen… Aber dadurch, dass das Bettmöbel ja auch drehbar ist, würde man es womöglich gar nicht merken! Im Idealfall zumindest. [b]Habt ihr denn schon in „Rollit“ geschlafen?[/b] Nein, wir haben sie ja erst letzte Woche vorgestellt. Noch steht sie zur Besichtigung auf dem Campus. Aber demnächst werden Christian Zwick und Konstantin Jerabek, die das Ganze entworfen haben, dort auf jeden Fall mal probewohnen. Danach würden die Studenten gern ein paar Nächte darin versteigern. Wir möchten nämlich auch erforschen, wie man generell in dieser Enge leben kann. Zuerst müssen allerdings noch ein paar Details ausgebessert werden. [b]Wie lange hat es überhaupt gedauert, den Prototyp zu bauen?[/b] Die zehn beteiligten Studenten haben im August angefangen. Insgesamt waren es wohl um die 1500 Arbeitsstunden. [b]War euch dabei nicht furchtbar schwindelig?[/b] Oh ja, bei den Bauarbeiten hatten wir schon hin und wieder so eine Weltraumübelkeit, weil alles sich gleich drehte, sobald man sich bewegte. Inzwischen lassen sich aber alle Möbel fest verriegeln. [b]Aber jetzt mal ehrlich: Hat „Rollit“ eine ernstzunehmende Zukunft, oder wird der Prototyp ein Einzelstück bleiben?[/b] „Rollit“ richtet sich vor allem an Studenten oder Praktikanten, Leute, die von hier auf gleich den Wohnort wechseln und dort eine Bleibe suchen müssen – aber sie oft nicht sofort finden. Natürlich können die es sich nicht leisten, eine „Rollit“ zu kaufen. Man könnte sie aber zum Beispiel vermieten. Das einzige Problem ist momentan noch, dass sie so schwer ist – die Tonne wiegt auch eine Tonne. Wir brauchen allein sechs Leute, um sie vom Anhänger zu wuchten. Da müsste man noch mal über andere Materialien nachdenken. [b]Wenn man „Rollit“ mal ausrollen würde, hätte man eine Fläche von 24 Quadratmetern, auf der alles untergebracht ist: Schlaf- und Arbeitsplatz, Kochstelle, Bad. Warum müssen Studentenbuden immer so klein und praktisch sein?[/b] Die Faszination, mit Raum extrem ökonomisch umzugehen, ist etwas, das Bauen und Architektur seit Urzeiten begleitet. Was die Studenten betrifft, wird es gesellschaftlich einfach erwartet, dass sie eine gewisse Verzichtsbereitschaft während ihrer Ausbildung haben – dafür sind sie ja dann nachher mal besser gestellt. Darauf basiert auch das Bild des grundsätzlich armen Studenten. Trotzdem kann man sich in Deutschland eigentlich nicht beklagen. In osteuropäischen Studentenwohnheimen sieht es noch viel schlimmer aus. [i]Der Entstehungsprozess von "Rollit" haben die Studenten unter rollit-09.de dokumentiert.[/i]

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