Vom Master of Ceremony zur Stand-up-Comedy: MC Rene schult um.

Mit „Renevolution“ hat MC Rene deutsche HipHop-Geschichte geschrieben. 15 Jahre später hat er seine Wohnung gekündigt und eine BahnCard 100 gekauft. Damit reist er durchs Land und will binnen eines Jahres Stand-Up-Comedian werden. Ein Interview
daniel-schieferdecker
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Illustration: Julia Schubert

jetzt.de: Was waren deine Beweggründe dafür, alles auf eine Karte zu setzen? MC Rene: Ich wollte aus meiner alltäglichen Routine ausbrechen, zumal ich schon länger mit der Stand-Up Comedy geliebäugelt habe. Allerdings brauche ich immer irgendetwas, um meinen inneren Schweinehund zu besiegen. Wenn ich das Gefühl habe, bestimmte Dinge auch später noch erledigen zu können, lebe ich gerne die Prokrastination. Durch den Kauf der BahnCard 100 und die Auflösung meiner Wohngemeinschaft habe ich mich jedoch in eine Situation begeben, in der es plötzlich kein Zurück mehr gab. Was reizt dich denn an dieser Situation? Ich bin total flexibel, habe absolute Mobilität und kann viele offene Bühnen bespielen, ohne die ganzen Fahrtkosten an der Backe zu haben. All die damit verbundenen Neuerungen geben mir außerdem wahnsinnig viel Energie, das ist toll. Als ich meinem damaligen Mitbewohner von der Idee erzählt habe, meinte der: „Ich würde jedem davon abraten – außer dir. Denn wenn einer so bescheuert ist, dann du.“ Damit war die Sache besiegelt. Stimmt es, dass du sämtliche Besitztümer verschenkt hast? Ja, das ist richtig. Ein paar Klamotten und alte Fotos habe ich natürlich behalten, aber ich habe bestimmt zehn Kleidersäcke zum Jugendwerk Arche gebracht und Fernseher, Stereoanlage, Bett etc. meinen Freunden vermacht. Ich hänge nicht sonderlich stark an meinen Sachen, und als das ganze Zeug dann weg war, habe ich mich sogar irgendwie erleichtert gefühlt. Trotzdem war es natürlich ein komisches Gefühl, in der leeren Wohnung zu stehen, die BahnCard 100 in der Hand zu halten und zu merken: Die Idee ist real geworden.

Alles auf eine Karte (Trailer) from rene el khazraje on Vimeo. Wo übernachtest du denn nun ohne eigenes Dach überm Kopf? Und wie finanzierst du das alles? Geld verdiene ich nach wie vor durch Bookings. Man kann mich als MC oder Party-Host buchen. Das ist für mich relativ wenig Arbeit für relativ viel Geld. Ich habe ja auch keine hohen Fixkosten und bin kein sonderlich verschwenderischer Mensch. Schlafen tue ich immer bei verschiedenen Freunden. Durch meine Zeit als MC habe ich sehr viele Leute in ganz Deutschland kennengelernt und mir dadurch ein sehr gutes Netzwerk aufgebaut – anders wäre so eine Aktion auch überhaupt nicht möglich gewesen. Wenn ich nun in eine Stadt komme, habe ich direkt zwei Schlüssel in der Tasche. Eigentlich habe ich also viel mehr Wohnungen als vorher (lacht). In einem Videobeitrag auf deiner Homepage sagst du: „Viele Leute folgen ihrem Verstand. Ich folge meinem Herzen.“ Kannst du das ein wenig näher erläutern? Wenn jemand erzählt, er möchte seinen Job an den Nagel hängen, seine Wohnung kündigen und durchs Land reisen, um Stand-Up Comedian werden, fragt man sich doch zuerst einmal: Hat der seinen Verstand verloren? Aber ich wollte immer auf der Bühne stehen und über HipHop hinaus mein Ding machen. Ich möchte meine Kunst weiterentwickeln und auf ein neues Plateau heben. Etwas machen, mit dem ich auch älter werden kann, und das nicht nur auf eine Altersklasse beschränkt ist wie beim HipHop. Hätte ich den Verstand meine Entscheidung treffen lassen, hätte ich mich fragen müssen: Welche Sicherheiten habe ich? Was, wenn ich krank werde? Was ist, wenn es nicht klappt? Mein Herz hat mir jedoch gesagt, dass ich es machen muss. Ich habe nichts zu verlieren. Ich kann nur gewinnen. Du hast einen Trailer zu deiner Aktion gedreht, in dem du sagst, dass du eine Frau, zwei Kinder, einen Berg Schulden und ein langweiliges Leben zurücklässt. Kann man es sich da leisten, seinen Verstand komplett auszuschalten? Wenn das alles wahr wäre, wahrscheinlich nicht. Aber ich bin weder verheiratet, noch habe ich Kinder oder einen großen Berg Schulden. Wir haben da ein bisschen übertrieben, und es kamen tatsächlich schon einige böse Mails deswegen (lacht). Einzig und allein am langweiligen Leben ist etwas dran. Ich hatte das Gefühl, mich in den letzten Jahren nicht mehr weiterbewegt zu haben. Die Musik hat mir kein wirkliches Ziel mehr geboten. Ich hatte ja bereits die Veröffentlichung eines neuen Albums namens „Smells Like Reen Spirit“ angekündigt, aber mir hat einfach die nötige Motivation dazu gefehlt. „Rehn“:

REHN from rene el khazraje on Vimeo. Wie muss man sich dein Comedy-Programm denn nun vorstellen? Am Anfang habe ich eine übertriebene HipHop-Figur in riesigen Klamotten gespielt und den Leuten erzählt, dass ich früher eigentlich Beamter werden und bei der Post arbeiten wollte, mich meine Eltern aber zu HipHop gezwungen haben. Ich habe die ganze Fallhöhe ausgenutzt, dass meine Eltern die Assis sind und ich eigentlich ein Intellektueller bin – reingeboren in eine Hartz IV-Familie. Mittlerweile gehe ich aber als MC Rene auf die Bühne und mache sowohl die BahnCard-Aktion als auch HipHop zum Teil meines Programms. Ich erzähle von meinem persönlichen HipHop-Verständnis, spiele aber selbstverständlich auch mit den gängigen Klischees. Außerdem mache ich immer wieder auch ein paar Freestyles und streue ein paar spontane Rap-Einlagen ein. Welche Ziele hast du damit? Ich möchte innerhalb eines Jahres ein eigenes Soloprogramm auf die Beine stellen. Nur dann bietet sich schließlich eine realistische Perspektive, davon auch irgendwann leben zu können. Ich möchte mir ein Standing erarbeiten und mich etablieren. Ich gehe nicht davon aus, dass ich nach einem Jahr schon ganz oben angekommen bin, aber ich bin mir sicher, nach einem Jahr auf einem ganz anderen Level zu sein, als ich es heute bin. Wie sehr profitierst du von deiner Bühnenerfahrung als Rapper nun bei deinen Stand-Up Comedy-Auftritten? Ich profitiere insofern davon, als dass ich keine Angst vor den Leuten habe, wenn ich auf der Bühne stehe. Jemand ohne Bühnenerfahrung lässt sich relativ leicht verunsichern. Ich weiß jedoch, wie es ist, vor 10.000 Leuten zu stehen und kenne es genauso, vor 20 Leuten zu stehen. Ich habe alle Extreme durchgemacht, von totaler Euphorie bis hin zu absolut toter Hose. Du bist jetzt seit über zwei Monaten unterwegs. Was waren bisher die schlimmsten Momente? Die ersten Auftritte waren teilweise schon heftig. Ich hatte zum Beispiel eine Show im Landgasthof „Karpfen“ bei Hürth. Der Moderator hat mich als „Rehn“ angekündigt, dann bin ich mit meinem übertriebenen HipHop-Outfit auf die Bühne gegangen und es herrschte Totenstille. Ich habe bestimmt fünf Minuten gebraucht, bis die Leute das erste Mal gelacht haben. Das hatte was von „Tote bespaßen“. Das war wirklich zäh. Ich habe einfach keinen Zugang zu den Leuten gefunden, aber wahnsinnig viel daraus gelernt. Heute, zwei Monate später, würde mir das mit Sicherheit nicht mehr passieren. Renes Werdegang zum Stand-Up-Comedian kann man auf seinem Blog mitverfolgen.

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