Von der Rätselhaftigkeit der Welt

Zehn Platten hat die Berliner Liedermacherin Dota Kehr bereits veröffentlicht. Ihr neues Album "Wo soll ich suchen" ist bereits das elfte ihrer Karriere. Ein Interview.
daniel-schieferdecker

jetzt.de: „Wo soll ich suchen?" lautet der Titel deines neuen Albums. Da stellt sich unweigerlich die Anschlussfrage: Wonach denn eigentlich?
Dota Kehr: Genau darum geht es – dass wir Menschen im Leben häufig auf der Suche sind, aber oft gar nicht so genau wissen wonach. Der Titel reflektiert die Rätselhaftigkeit der Welt.

Befindest du dich gerade in einer Phase der Suche?
Ja, immer. Es gibt doch nichts Langweiligeres als Leute, die angekommen sind und bequem werden. Gerade als Künstler ist es wichtig, auf der Suche zu sein. Wie soll sonst etwas Neues entstehen?

Du bist 1979 geboren, befindest dich also in einem Alter, in dem viele Gleichaltrige sich wohl als angekommen bezeichnen würden. Merkst du das in deinem Umfeld?
Klar. Da kommt dann die größere Wohnung oder das Haus, da kommen Kinder, die Hochzeit.

Die Leute werden also langweiliger?
Das würde ich so nicht sagen, ich möchte ja nicht meinen Freundeskreis beleidigen. Aber eigentlich: ja (lacht).

Für viele Leute ist das vollkommen okay, die vermissen ja nichts. Zumindest behaupten das viele von ihnen.
Ja, kann schon sein. Aber als Künstler kann man es sich nicht erlauben anzukommen – ohne deshalb kategorisch eine neue Wohnung, Kinder oder Hochzeiten ausschließen zu wollen. Aber man muss sich und seine Kreativität schützen. Ich hoffe daher sehr, auch mit 60 noch auf der Suche zu sein - zumindest nach der perfekten Ausdrucksform und dem besten Lied, das ich schreiben kann.

Hattest du schon mal das Gefühl, das perfekte Lied geschrieben zu haben?
Ja, das gab es – bei „Sommer" vom neuen Album zum Beispiel. Man sieht die Bilder im Kopf, wenn man den Text hört. Die Worte verschmelzen in dem Song mit der Musik zu einer perfekten Einheit. Aber so eine Einschätzung ist nie von Dauer. Und das ist gut so, sonst würde wohl auch der Antrieb zum Weitermachen fehlen.

Wie schwierig ist es, ein neues Lied zu schreiben, wenn man gerade ein perfektes zustande gebracht hat?
Ein gutes Lied zu schreiben ist nie leicht. Vieles landet direkt in der Tonne.

Wird es denn über die Jahre weniger Papiermüll, weil du generell besser geworden bist?
Nein, im Gegenteil: es wird mehr, weil es immer schwerer wird sich selbst zu toppen. Einen Text, den ich vor zehn Jahren vielleicht noch durchgewunken hätte, würde ich heute wegschmeißen. Die eigenen Ansprüche wachsen, zumal man über viele Dinge bereits geschrieben hat.

http://www.youtube.com/watch?v=7gZRZhwS6AI

Du hast als Kleingeldprinzessin angefangen und führst den Namen mittlerweile mit deinem Label fort. Auch den deutschen Kleinkunstpreis hast du erhalten. Das Kleine scheint bei dir demnach eine große Rolle zu spielen – denn auch textlich sind es bei dir oft die kleinen Dinge, die einen Song groß werden lassen. Ist Größe überschätzt?
Oft ist sie das, ja. Beim Texten zum Beispiel. Nimm lauter große Worte wie Liebe, Sehnsucht, Schmerz, Leid und Glück – dann wird es ein ganz schlechter Text. Ich versuche eher, aus kleinen Beobachtungen große Bilder zu bauen. Wenn ich so etwas sage wie „da ist noch Platz auf dem Handtuch", hat man sofort eine Szene vor Augen die viel stärker ist als ein plakatives „Ich liebe dich".

Das klingt sehr handwerklich. Gibt es so etwas wie „goldene Texter-Regeln", die du dir über die Jahre erarbeitet hast?
Klar. Ein Text muss immer auf einer wahren Beobachtung beruhen, muss originell formuliert sein und einen guten Sprachklang und –rhythmus haben. Manchmal muss man natürlich auch Kompromisse eingehen und sich zwischen Klang und Inhalt entscheiden. Es ist aber wichtig, dass man die Texte nicht nur an ihrem Inhalt misst, denn die Form macht die Kunst. Wenn der Inhalt stimmt, aber die Reime schlecht sind, ist auch die gute Aussage nichts wert.

In „Du musst dich nicht messen" singst du über die Monotonie des Arbeitnehmertums, die Ellenbogengesellschaft und den Irrsinn des Ganzen. Gab es einen konkreten Auslöser für den Song?
Ja, ich habe mich mit dem Prinzip des bedingungslosen Grundeinkommens auseinandergesetzt, wollte aber eigentlich ein Liebeslied schreiben. Das Resultat daraus ist dieser Song.

Das Prinzip des bedingungslosen Grundeinkommens als Ausgangspunkt für ein Liebeslied – das klingt nach dem Gegenteil von dem, was viele Menschen unter Romantik verstehen.
Ja, mag sein. Aber viele Menschen haben auch falsche Vorstellungen davon.

Du hast mal gesagt, ein Song bräuchte immer einen emotionalen Bezug. Wo kommt der her, wenn man über das bedingungslose Grundeinkommen schreibt?
Die Aussage des Songs ist heruntergebrochen ja die, dass man nichts leisten muss, um etwas wert zu sein. Die heutige Leistungsgesellschaft versucht dir jedoch das Gegenteil weißzumachen. Dass dieser Mechanismus in zwischenmenschlichen Beziehungen außer Kraft gesetzt wird, sollte zwar selbstverständlich sein, aber das ist es nicht, weil die kapitalistische Verwertungslogik auch aufs Private übergreift. Und aus solchen Überlegungen heraus kommt dann der emotionale Bezug.

Du hast ein abgeschlossenes Medizinstudium. Gibt es Parallelen zwischen Musik und Medizin? Die Medizin macht genauso viele Menschen krank wie sie gesund macht, die Musik macht die Leute aber im Zweifelsfall nur gesund. Mit Musik richtet man keinen Schaden an. Wenn du mich eine Stunde lang mit David Garret oder David Guetta quälst, nehme ich definitiv Schaden. Na gut, beziehen wir es auf meine Musik. Damit versuche ich, keinen Schaden anzurichten. Und wenn es einem leicht fällt, auswendig zu lernen, ist das ebenfalls sowohl in der Musik als auch in der Medizin von Vorteil.

Das Album „Wo soll ich suchen" von Dota erscheint am 30. August über Kleingeldprinzessin Records/Broken Silence. 

Text: daniel-schieferdecker - Foto: Sandra Ludewig

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