Von Henstedt-Ulzburg nach Hollywood

David Kross ist als Schauspieler wohl das, was man einen deutschen Exportschlager nennt: Ab heute ist er im neuen Film von Steven Spielberg zu sehen. Wir sprachen mit ihm über Geschichtslektionen, Schlachtszenen und weltmeisterliches Karottenschälen.
daniel-schieferdecker
Default Bild

Illustration: Julia Schubert


Du bist demnächst im neuen Steven-Spielberg-Film „Gefährten“ zu sehen. Wie war das Aufeinandertreffen mit der Regie-Ikone?
Toll natürlich. Da ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen, zumal Steven Spielberg ein sehr angenehmer Mensch ist. Aber noch schöner war eigentlich, als ich das Ergebnis unserer Zusammenarbeit nachher im Kino gesehen habe – denn ich hätte mir wirklich niemals träumen lassen, dass dieser Film mit den Farben, der Beleuchtung und den Einstellungen so tolle Kinobilder auf die Leinwand bringen würde.

Wie ist Spielberg denn auf dem Set? Wird der auch mal laut?
Der ist die ganze Zeit wahnsinnig cool und Zigarre rauchend übers Set gerannt und war immer sehr freundschaftlich. Der ist total enthusiastisch, geht vollkommen auf in seinen Geschichten und liebt seinen Job nach wie vor. Er ist ein sehr visueller Regisseur, und es war einfach toll, so einem Star mal bei der Arbeit zusehen zu dürfen. Außerdem war er lustig: Auf seinem iPhone hatte er diese „Fat Face Booth“-App, durch den fotografierte Gesichter verfettet werden. Er hat uns also alle abgelichtet, die App aktiviert und hatte sichtlich Spaß am Ergebnis.  

Die Castings haben in England stattgefunden. War Steven Spielberg bei den Castings dabei?
Nein – ich aber auch nicht (lacht). Ich habe eine Szene aus dem Drehbuch auf Video aufgezeichnet, dort hingeschickt, und nach drei Wochen bekam ich bereits die Zusage. Dieses Vorgehen spart den Studios Geld, weil sie keine Flüge bezahlen müssen. Dass ich eine Zusage bekomme, und dann auch noch so schnell, damit hatte ich allerdings nicht gerechnet.  

Im Film geht es ja nicht nur um eine bestimmte Geschichte, sondern auch um Geschichte als solche. Musstest du dich in die Thematik „1. Weltkrieg“ erst einmal hineinfuchsen oder hast du das aus der Schule noch auf der Uhr gehabt?
Viel wusste ich aus dieser Zeit nicht, wenn ich ehrlich bin. Ich hatte auch keine Ahnung, wie viele Pferde damals umgekommen sind. Die Engländer dachten damals ja, der Krieg würde mit klassischen Mitteln geführt – bis dann in Form von Maschinengewehren und Panzern plötzlich die ganze Technik dazukam. Dadurch hat der Krieg eine vollkommen neue Dimension von Gewalt angenommen, durch die im Laufe des vierjährigen Krieges wahnsinnig viele Menschen umgekommen sind.  

Hast du eine Art Ausbildung bekommen, um dich authentisch militärisch bewegen zu können?
Diejenigen Schauspieler, die Schlacht-Szenen hatten, waren eine Zeit lang in einem Boot-Camp, in dem ihnen das beigebracht wurde. Ich hatte allerdings keinerlei Kampfszenen, daher gab es für mich lediglich eine kurze Einführung von einem Spezialisten.  

Warst du traurig, dass du am Set nicht kämpfen durftest?
Ja, allerdings. Bei so einer groß gefilmten Schlachtszene wäre ich schon gerne mal dabei gewesen.  


Gab es denn beim Dreh mal Situationen, in denen du genervt warst?
Genervt nicht, aber in einer Situation ist mir ganz schön das Herz in die Hose gerutscht. Im Film gibt es eine Szene, in der ich mit zwei Pferden unterwegs bin – auf dem einem reite ich, das andere läuft neben mir her. Darauf habe ich mich zwei Monate lang in London vorbereitet und war mir sicher, dass ich das gut kann. Die Szene war dann eine meiner ersten, Drehbeginn war morgens um fünf Uhr. Leider haben die Stuntmen jedoch einen Fehler gemacht und mir die falschen Pferde gegeben – Stuntpferde, die viel aufgeheizter und temperamentvoller sind als die, auf denen ich gelernt habe. Und diese Pferde sind während der Szene auf einmal durchgedreht und haben angefangen, ein Rennen gegeneinander zu laufen. Und wenn solche Pferde erst einmal loslegen, sind die nicht mehr zu halten! Glücklicherweise ist alles glimpflich ausgegangen – auch wenn wir eines der Pferde später im Wald suchen mussten. Danach war ich erst einmal wahnsinnig verunsichert und habe am ganzen Körper gezittert. Geklappt hat es dann aber trotzdem.

Siehst du dich lieber in der Rolle des Helden oder wäre für dich auch mal das Spielen eines Bösewichts denkbar?
Das kommt immer auf die jeweilige Rolle und den dazugehörigen Film an. Beides kann reizvoll sein. Ich spiele aber durchaus nicht immer nur den Guten. Im Film „Into The White“, der dieses Jahr noch in die Kinos kommen wird, spiele ich beispielsweise einen mordlustigen Hardcore-Nazi.  

Im Film „Anleitung zum Unglücklichsein“, der ebenfalls bald in die Kinos kommt, spielst du einen Autisten. Wie bereitet man sich auf so eine Rolle vor?
Dafür habe ich einige Zeit im evangelischen Jugendhilfswerk zugebracht, einem Haus für autistische Kinder. Das war extrem spannend; und schön zu sehen, wie sich die Leute dort um diese Kinder kümmern, die rund um die Uhr betreut werden müssen. Ich habe dort wahnsinnig interessante und herzliche Menschen kennengelernt.  

In deiner Rolle als Autist bist du ja unglaublich gut im Karottenschälen. Wie viele schaffst du mittlerweile in der Minute?
Es gibt einen Weltmeister im Karottenschälen, den ich zur Vorbereitung auf die Rolle getroffen habe. Der kann in kürzester Zeit auch Rosen und dergleichen aus Möhren schnitzen. So richtig gut kann ich das aber, ehrlich gesagt, immer noch nicht und werde daher glücklicherweise auch zuhause nicht permanent zum Karottenschälen verdonnert.  


Deine Karriere hat relativ früh begonnen, bei deinem ersten Dreh warst du gerade mal 11 Jahre alt. Hast du das Gefühl, schneller erwachsen geworden zu sein als deine Altersgenossen?
Das wäre wahrscheinlich zu viel gesagt. Aber wenn man schon so früh eine Hauptrolle bekommt, trägt man natürlich eine Verantwortung, die man in diesem Alter sonst noch nicht trägt. Abgesehen von der Schauspielerei bin ich aber nicht so wahnsinnig anders als Andere in meinem Alter.  

Damals hast du das Bohei um deine Person als „Überdosis Ruhm“ bezeichnet, an die du dich erst einmal gewöhnen musstest. Hast du dich mittlerweile daran gewöhnt oder ist das immer noch befremdlich für dich?
Eigentlich hält sich das bei mir noch in Grenzen. Und wenn ich ab und an einmal erkannt werde, ist das schon okay. Ich kann aber immer noch total unbehelligt durch Berlin gehen. Bei Rupert Grint aus „Into The White“ ist das schon etwas anderes. Als wir für den Film in einer Kleinstadt in Schweden gedreht haben, haben die Mädchen wegen ihm stundenlang nachts vorm Hotel gestanden und sich die Kehle aus dem Leib geschrien. Und wenn er tagsüber durch die Straßen gegangen ist, lief die halbe Stadt hinter ihm her. Das sind Dimensionen, die bei mir nicht gegeben sind. Zum Glück.  

Hast du denn Angst davor, dass es bei dir auch mal solche Dimensionen annehmen könnte?
Ein bisschen, ja. Aber allzu viel denke ich nicht darüber nach. Warten wir erst mal ab, was noch kommt.

Text: daniel-schieferdecker - Foto: dpa

  • teilen
  • schließen