Waffenstillstand in der WG

Wenn es in der WG kracht und keine Versöhnung in Sicht ist, können sich die Mieter des Kölner Studentenwerks an den Mediator Ludger Büter wenden. Im Interview erzählt er davon
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Wer in einer Wohngemeinschaft lebt, weiß, dass es dort hin und wieder zu Reibungen kommt und dass sich diese zu handfesten Streits auswachsen können. Wenn in einer Wohnung des Kölner Studentenwerkes mal keiner mehr mit dem anderen spricht, können sich die verfeindeten Mitbewohner an Ludger Büter wenden: Er ist Diplompsychologe und WG-Mediator. Im Interview hat er mit uns über seine Arbeit, Putzpläne und das uneinsichtigere Geschlecht gesprochen.

 

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Illustration: Julia Schubert



jetzt.de: Herr Büter, haben Sie mal in einer WG gewohnt?
Ludger Büter: Ja, auch ich habe mal in einer WG gewohnt.

Wie lief's?
Es lief ganz gut, aber dann gab es Probleme, weil eine Frau dazwischentrat. Da war es dann mit der Freundschaft und der WG vorbei.

Seit wann bieten Sie das Mediatorenprogramm an und wie kam es dazu?
Das Angebot gibt es seit März 2009. Zuvor habe ich 29 Jahre in der psychologischen Beratung des Studentenwerks gearbeitet. Als sich die Konflikte in WGs zu häufen begannen, hat man nach jemandem mit einer professionellen Ausbildung gesucht, der sich dem Problem widmen kann, und ich sagte zu.

Nehmen die Studenten das Angebot an?
Sie nehmen es immer besser an. Ich bearbeite etwa 30 bis 40 Anfragen im Jahr. Darunter gibt es dann einige, die ich intensiv betreuen muss. Der Gipfelpunkt war dabei eine Schlichtung mit 69 Vorgängen, das heißt Anrufen, Gesprächen und Besuchen.

Wird Ihre Hilfe eher von sogenannten Zweck-WGs oder von Wohngemeinschaften, die Freunde gegründet haben, in Anspruch genommen?
Ich werde in beide WG-Formen eingeladen. Es passiert aber recht häufig, dass eine WG freundschaftlich beginnt und man sich nach Unstimmigkeiten oder Streitigkeiten voneinander distanziert.

Was sind die Hauptprobleme, derentwegen es zum Streit kommt?
Zum einen zu laute Musik oder Lärm in irgendeiner Form, zum anderen Ordnung und Sauberkeit.

Aber führt dann wirklich der nicht eingehaltene Putzplan zum Streit oder doch ein persönliches Problem, das sich darin nur entlädt?
Ich denke, es geht dabei eher um die verschiedenen Wertehierarchien. Wenn eine Person, für die Sauberkeit wichtig ist, in eine WG gerät, in der das nicht so wichtig ist, wird sie sich dort auf Dauer nicht wohlfühlen.

Wenn es in einer WG Ärger gibt und Ihre Hilfe gebraucht wird, wie ist dann der gewöhnliche Ablauf der Mediation?
Erstmal lade ich die Streitenden getrennt voneinander ein. Diese Einzelgespräche sind problemorientiert, man kann seine Wut herauslassen und seinen Standpunkt darlegen. Dann erfolgt eine Einladung zu einem gemeinsamen Gespräch, das lösungsorientiert sein soll. Dafür werden schon im Einzelgespräch Regeln aufgestellt und man kann sich darauf vorbereiten. Ich bestehe auch strikt darauf, dass man im Gruppengespräch nicht wieder von vorne anfängt, sondern direkt versucht, Lösungen zu suchen und auszuformulieren. Dabei gibt es das Modell der abgestuften Lösungshierarchie, also von der Ideallösung abwärts bis zur Abmahnung, dem Einstieg in eine mögliche Kündigung.

Wer braucht denn eher Ihre Hilfe: Jungs oder Mädchen?
Wenn ich auf die letzten zwei Jahre zurückblicke, dann muss ich sagen, dass sich Frauen weniger versöhnlich zeigen als Männer, sie sind nachtragender und darin beharrlicher. Männer gehen schon mal aufeinander los, versöhnen sich dann aber eher wieder. Bei Frauen geht es manchmal auch um Kleinigkeiten, sie hadern zum Beispiel, weil sie einander an die Pflegemittel gehen oder jemand zu viel Platz auf der Ablage beansprucht.

Melden sich Einzelpersonen bei Ihnen oder kommen die WGs meistens als Gruppe auf sie zu?
Manchmal kommt jemand einzeln zu mir, holt sich Rat und möchte auch nicht, dass die anderen davon wissen. Wenn er allerdings ein gemeinsames Gespräch wünscht, bitte ich ihn natürlich, den anderen mitzuteilen, dass er bei mir war, damit sie nicht überrumpelt sind, wenn ich mich an sie wende. Manchmal kommen WGs auch gemeinsam auf mich zu und sagen „Wir brauchen Hilfe!"

Was war denn Ihr letzter Fall?
Das war letzte Woche. Es ging um zwei Jungs, die ein Standardproblem hatten: Einer war penibel sauber, der andere nicht so sehr. Es gab einen großen Streit, sie haben durch die Wohnung gebrüllt, sich geschubst und gedroht. Beide kamen zum Einzelgespräch. Ich bot ein gemeinsames Gespräch an, aber dazu kam es gar nicht mehr, weil beide mir eine Mail geschrieben haben, dass sie sich ausgesprochen und vertragen hätten.

Die Versöhnung ist ja sicher das große Ziel – klappt das denn oft?
Es kommt schon mal vor, meistens gibt es aber eher eine Art Waffenstillstand. Den wiederum kann es auf Dauer geben oder, bis einer der beiden auszieht.

Also raten Sie auch schon mal zur Trennung?
Ja, manchmal sagen die Streitenden, dass es nicht mehr funktioniert oder wir raten ihnen dazu, nicht mehr zusammen zu wohnen. Aber meistens kann man ja nicht sofort ausziehen, dann geht es darum, die Zeit bis zur Trennung zu überbrücken. Es gibt allerdings auch Fälle, in denen jemand nicht ausziehen will, obwohl er aufgefordert wurde und gegen Mietvertragsrecht verstößt, also immer und immer wieder den Putzplan ignoriert oder zu laut Musik hört. Dann kommt es zur Kündigung.

Der Putzplan gehört zum Mietvertrag?
In den Verträgen, die die Studenten bei uns unterschreiben, gibt es einen eigenen Paragraphen, in dem es um gegenseitige Rücksichtnahme geht. Dazu gehören zum Beispiel Ruhezeiten, wie im Gesetz geregelt.

Welcher ihrer bisherigen Fälle hat Sie am meisten erstaunt?
Bei dem Beispiel von letzter Woche war ich erstaunt, weil ich nicht erwartet hätte, dass die beiden sich wieder vertragen. Ein anderes Mal kam es bis zur juristischen Intervention, weil jemand alle Ermahnungen und Abmahnungen ignoriert hatte. Derjenige musste dann aus der Wohnung geklagt werden. In dem Fall ist man als Mediator natürlich gescheitert, aber es klappt eben nicht immer.

Gibt es manchmal auch andere Streitpunkt als den Putzplan und die laute Musik?
Einmal hat mich eine Frau angerufen, weil sie sich sehr gut mit einem Mitbewohner angefreundet hatte, die Freundschaft dann aber zerbrach und es schlimm für sie war, mitzubekommen, wie er ein neues Mädchen mit in die WG gebracht hat. Ich riet ihr, es so zu machen wir er, wenn sie es könne, wenn nicht, es mit einem Umzugsantrag zu versuchen.

Was kann man schon bei der Auswahl der Mitbewohner beachten, damit es später gut läuft?
Jeder, der in eine WG zieht, sollte sich erst mal klar machen, wo er steht, und sich fragen: Was ist mir wichtig? Bin ich kompromissbereit? Wie reagiere ich, wenn ich nicht ohne Abstriche bekomme, was ich will? Danach folgt, ähnlich wie bei der Partnersuche, die Frage: Wer passt zu mir? Aber wie bei jeder Beziehung gibt es auch hier keine Garantie. Manchmal setzt man sich eben erst füreinander ein und dann gibt es trotzdem einen Riesenkrach.

Können Sie uns drei goldene Regeln für eine friedliche WG nennen?
Erstens sollte die WG sich ein Schema geben, nach dem sie funktionieren möchte. Dazu gehört vor allem zu klären, in welchem Rhythmus man die Gemeinschaftsräume säubern will, und dass jedem klar ist, was „das ist sauber" bedeutet. Man muss also nicht nur einen Putzplan, sondern auch eine Checkliste aufstellen. Zweite Regel: Alle müssen sich daran halten, und drittens: Wenn man eine Distanzierung bemerkt oder es Streit gab, dann sollte man sich noch genauer daran halten und selbst mit gutem Beispiel vorangehen.

Text: nadja-schlueter - Foto: leonrojo / photocase.com

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