"War die Frau schwanger, wurde sie gefeuert"

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Seit 1990 gibt es die Kampagne Clean Clothes in den Niederlanden, fünf Jahre später startete sie auch in Deutschland unter dem Titel Saubere Kleidung: Ein Netzwerk aus Nichtregierungsorganisationen, kirchlichen Gruppen oder Verbraucherorganisationen will die Arbeitsbedingungen in der Kleidungsindustrie verbessern. Mit Hilfe einer Postkartenaktion wirft sie zum Beispiel Discountern vor, unterbezahlte Arbeitskräfte für sich arbeiten zu lassen. Wir haben mit Christiane Schnura von der deutschen Kampagne über Soziale Verantwortung von Unternehmern und Erfolge ihrer Arbeit gesprochen. [b]jetzt.de: Frau Schnura, in vielen Ländern herrschen katastrophale Bedingungen für Arbeiterinnen. Wie erfahren Sie zum Beispiel davon, dass Frauen in einer Fabrik in Indonesien geschlagen werden, wenn sie das Tagespensum nicht schaffen?[/b] [b]Frau Schnura:[/b] In den betroffenen Ländern setzen sich Partnergemeinden oder der Internationale Gewerkschaftsbund mit unserer Zentrale in den Niederlanden in Verbindung. Wenn es um eine deutsche Firma geht, fangen wir an zu recherchieren und starten Protestaktionen. Zum Beispiel stellen wir uns vor Filialen des betroffenen Konzerns, verteilen Flyer und versuchen die Öffentlichkeit und die Medien zu mobilisieren.

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Illustration: Julia Schubert
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Motive einer Postkartenaktion von "Saubere Kleidung" [b]Warum dulden die großen Discounter solche Missstände?[/b] In erster Linie geht es denen natürlich um Profit. Ein Problem ist oft die „Just in Time“–Produktion: Lagerhallen gibt es nicht mehr, ein Auftrag kommt rein und muss abgearbeitet werden. Ist eine Bluse gerade besonders gefragt, muss die sofort für den nächsten Tag nachproduziert werden. Die Folge für die Arbeiterinnen ist ein enormer Arbeitsdruck, das Pensum muss erfüllt werden. Ob das alles dann noch menschlich abläuft, interessiert oft nicht. Viele Firmen rühmen sich zwar, dass sie eigene Kontrollen durchführen, das Problem ist aber, dass diese nicht unabhängig ablaufen. [b]Was sollte an den Arbeitsbedingungen dringend verändert werden?[/b] Viele große Kleidungshersteller produzieren in Billiglohnländern wie Asien, China, Bangladesch, El Salvador oder Osteuropa. Die Fabrikarbeiter müssen oft sieben Tage die Woche 16 Stunden am Stück arbeiten. Das alles für einen Hungerlohn, der nicht zum Überleben reicht. Wir fordern deshalb eine größere Transparenz seitens der verantwortlichen Firmen, existenzsichernden Lohn und einen Verhaltenskodex, der von allen Zulieferbetrieben eingehalten wird. [b]Hat ihre Kampagne Verbesserungen bewirkt?[/b] Auf jeden Fall: Bis vor kurzem zum Beispiel mussten Arbeiterinnen in Honduras monatlich einen Pflichtschwangerschaftstest machen, das heißt regelmäßig Urinproben abgeben. War das Ergebnis positiv wurde die Frau sofort gefeuert. Diese Regelung wurde dank uns abgeschafft. Das sind kleine Erfolge aber eigentlich ist das ganze ein strukturelles Problem. Wir können leider niemals alle Produktionsstätten überprüfen - allein Karstadt/Quelle hat über 1000 Zulieferer. Unser größtes Ziel ist es eigentlich, die Bevölkerung wachzurütteln, um so öffentlichen Druck aufzubauen.

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Illustration: Julia Schubert

Christiane Schnura [b]Die Feuerwehr in Düsseldorf hat sich als erster öffentlicher Auftraggeber in Deutschland dazu bereit erklärt, soziale Kriterien beim Einkauf zu berücksichtigen. Fast 420.000 Euro wurden für Dienstkleidung ausgegeben, die unter fairen Bedingungen hergestellt worden ist. Wie sieht es in anderen Städten in Deutschland aus?[/b] Bereits 130 Kommunen haben beschlossen, keinerlei Textilien zu beziehen, die durch ausbeuterische Kinderarbeit entstanden sind. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wie Belgien oder Frankreich beschäftigen sich Kommunen und Gemeinden in Deutschland erst seit kurzer Zeit mit dem Thema. Nordrhein- Westfalen und die Gemeinde Neuss ist als besonders engagiert hervorzuheben. Auch der Bundestag debattiert über eine verbindliche Verankerung sozialer, ökologischer und entwicklungspolitischer Kriterien in der öffentlichen Auftragsvergabe. [b]Wie kann ich denn sicher gehen, dass meine Kleidung „sauber“ hergestellt wurde?[/b] Wir haben leider noch kein übergreifendes Zertifikat. Es gibt aber die Fair Wear Foundation: Die Firmen, die hier Mitglied sind erfüllen alle unsere Voraussetzungen, zahlen also korrekte Löhne oder haben humane Arbeitszeiten und Arbeitsverträge. [b]Wie ist das Feedback in der Bevölkerung auf ihr Engagement?[/b] Wir spüren auf jeden Fall, dass die Empfänglichkeit für dieses Thema immer größer wird. Es interessiert die Leute einfach mehr, wie und wo ihre Jeans oder der neue Pulli hergestellt wurde. Das ist auch genau das was wir uns wünschen.

Text: natalie-berner - Fotos: Screenshots, privat

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