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Warum die Karlsruher Uni-Bib plötzlich vier Mal mehr Besucher hat

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Herr Schütte, sind Sie der Chef der ersten deutschen 24-Stunden-Bibliothek? Nicht ganz, in Konstanz gibt es ein ähnliches Konzept bereits, allerdings nicht mit vollautomatischer Ausleihe. Sitzen bei Ihnen noch Bibliothekare am Schalter? Nur von 9 bis 19 Uhr, in der Zeit ist auch das Magazin geöffnet. Nachts aber ist niemand da. Bis auf das Wachpersonal.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Auf dem Weg in die Karlsruher Uni-Bib. Wie funktioniert die automatische Ausleihe? Die Bücher sind mit RFID-Etiketten versehen. RFID steht für Radio Frequency Identification. Ein Buchungssystem automatisiert Ausleihe und Rückgabe. Soweit ich weiß, wurde das System vorher auch schon in der Stadtbibliothek München getestet. Ich kann also aus dem Lesesaalbestand Tag und Nacht ausleihen? Ja, und Bücher aus dem Magazin können Sie im Internet bestellen, wir legen es in einem Regal bereit und sie können es, wenn sie wollen, nachts um drei abholen. Und es wurde noch kein Buch geklaut? Nein. Ich kann Ihnen aber auch sagen: Die Alarmsirene, die losgeht, wenn sie das Haus mit einem Buch verlassen, das nicht registriert wurde, ist sehr unangenehm.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Ausleihbar. Den ganzen Tag. Dann würden mich die Wachleute hauen. Na, das vielleicht nicht gleich. Aber die passen auf und geben den Studenten ein sicheres Gefühl. Wir haben extra die Wachzentrale der Uni in die Bibliothek verlegt. Sind die nicht auch ein bisschen Bibliothekarsersatz? Ja! So langsam bekommen die einen Einblick in die Bibliotheksarbeit, nehmen Bücher an und helfen bei Schwierigkeiten beim Abholen. Die finden das richtig gut, weil nun die Zeit schneller vergeht. Wieviele Studenten tauchen in der Nacht auf? Also zur echten Geisterstunde gegen drei Uhr morgens sind es immer um die 10 bis 15 Studenten. Viel bemerkenswerter ist aber auch die Entwicklung am Sonntag.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Die vollautomatische Ausleihe. Erzählen Sie. Am Sonntag vor einer Woche haben 3400 Studenten ihre Chipkarte am Leser vorbeigeschoben und die Bibliothek genutzt. An einem Sonntag? Jawohl. Aber klar: Wer rausgeht und unter dem Vordach seine bestellte Pizza isst und wieder reingeht, der wird auch doppelt gezählt. Aber 3.400, das ist ein echter Werktagswert. Unter der Woche haben wir jeden Tag zwischen 3000 und 5000 Besuchern. Wieviele Studenten gibt es an der Uni Karlsruhe? 18.000. Nicht schlecht ... Der gravierendste Unterschied in den Zahlen zeigt sich aber, wenn man die Wochenzahlen anschaut. Im alten Bibliotheksgebäude hatten wir je Woche etwa 8.000 Besucher. Jetzt sind wir in Spitzenwochen bei 35.000! Es ist ein sehr großer Erfolg – vorher wollte das keiner glauben. Ihre Erklärung? Jeder Mensch hat einen eigenen Bio- und Arbeitsrhythmus. Hier wird man nicht abgelenkt, wir haben genug Arbeitsplätze – tausend insgesamt, an jedem Platz stehen Bürostühle, so dass die Studenten das Gefühl haben, an einem richtigen Schreibtisch zu sitzen. Außerdem gibt es an jedem Platz Netzwerkstecker und Stromanschlüsse. Vielleicht eine doofe Frage, aber: Gab es schon mal spontane Partys? Das nicht, aber wenn am Campus Feste sind, können die Studenten natürlich rein. Die werden aber von den Wachleuten, wenn sie nicht wirklich arbeiten wollen, freundlich hinauskomplimentiert. Das sind gestandene Männer.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Die Karlsruher Uni-Bib von außen. Was ist das für eine Atmosphäre, in der Nacht? Eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Neulich habe ich in unserem Campusfernsehen eine Studentin im Interview gesehen, die nachts in der Bibliothek war. Sie stand in Socken vor der Kamera. Wie zu Hause. Ja, sie meinte, sie fühle sich hier in der Nacht absolut sicher. Wir haben Sprechsäulen, an denen man im Notfall Hilfe holen könnte. Der Knopf wurde aber erst einmal betätigt. Aus Versehen. Wann werden die letzen Bücher geliehen? Morgens um halb zwei. Die ersten Bücher werden gegen halb fünf Uhr morgens abgeholt.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Uni-Bib-Direktor Schütte. Hört sich so an, als sei ihre Bibliothek zu einem echten Treffpunkt geworden. Kann man so sagen. Im Sommer treffen oder verabreden sich die Leute vor der Bibliothek, was wohl damit zu tun hat, dass sie so hell erleuchtet ist. Wir mussten schon größere Mülltonnen aufstellen … Wissen Sie, ob in anderen Städten auch 24-Stunden-Bibs geplant sind? Soweit ich weiß, stellen die Fachhochschulen in Bayern gerade Überlegungen an. Und Ihre Bib, wird die jetzt auf alle Tage offen bleiben? Am 24. April um 10 Uhr ist sie in Betrieb gegangen – und wir wollen sie nie mehr schließen. Fotos: Universität Karlsruhe

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