Warum die Umsicht-Bar die dunkelste Studentenkneipe Deutschlands ist

In Marburg gibt es mit der „Umsicht-Bar“ die einzige Studentenkneipe in Deutschland, in der es stockdunkel ist. Warum die Bar einen neuen Namen sucht und warum in Marburg so viele Sehgeschädigte studieren wie an keiner anderen deutschen Uni, sagt uns Svenja Fabian, 28. Sie studiert Psychologie in Marburg und ist Behindertenreferentin im AStA, der die Umsicht-Bar gründete. Svenja ist seit ihrer Geburt blind.
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Svenja, in Marburg studieren 150 Sehgeschädigte, so viele wie an keiner anderen Universität in Deutschland. Wie kommt das? Hier ist die Deutsche Blindenstudienanstalt mit dem ältesten Blindengymnasium Deutschlands. Die Schüler kommen von überall hierher, haben ihren Freundeskreis hier und viele studieren auch hier. Ich habe diese Woche auch zum ersten Mal von eurem Dunkelcafé mit dem Namen „Umsicht-Bar“ gehört. Ist das auch eines dieser Restaurants, in denen man im Dunkeln speist? Das Konzept dieser Restaurants ist schon älter, die gibt es seit 2001 oder so. Und die Umsicht-Bar? Gibt es seit drei Jahren. Wir machen aber keine Menüs, zu uns kommen eher Studenten. Wir halten da keinen Vortrag. Die Leute sollen Bier trinken und Baguette essen. Wir verdienen daran nichts.

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Illustration: Julia Schubert

Blick in die Umsicht-Bar. Wer bedient denn? Zwei Blinde und zwei Sehende. Wir sind im Kellerraum vom Bistro Caveau in Marburg, wo wir eine Theke und einen Kühlraum haben. Von den Sehenden lassen wir uns zeigen, wo die Flaschen drin sind. Becks Gold und Becks normal sehen zum Beispiel gleich aus – die muss man dann links oder rechts hinstellen im Kühlraum. Den Kühlschrank räumen wir nach Fächern ein: Jede Sorte ein eigenes Fach. Welche Flaschen sind besonders charakteristisch? Coca-Cola. Wie finde ich mich bei Euch denn zurecht, wenn es stockdunkel ist? Die Sehenden nehmen die Gäste oben in Empfang und geben eine kurze Einführung: Uhren und Handys müssen ausgeschaltet werden und alle Dinge die Leuchten, müssen versteckt werden. Dann werden die Leute durch den Vorhang die steilen Stufen in den Keller geführt. Dann nehmen wir die Gäste in Empfang und setzen sie an einen Tisch. Wie reagieren die Gäste? Die sind verwundert, dass man nichts sehen kann. Gar nichts. Nicht mal die Hand vor Augen. Ich glaube, dass viele das echte Dunkel nicht kennen. Sind die besonders vorsichtig? Die Leute kommen in Zweiergruppen rein und halten sich meistens aneinander fest. Sie sind unsicher, ob nicht doch noch Stufen kommen. Manche verkrampfen dabei, das geht aber auch erstaunlich schnell rum. Was gibt´s zu Essen? Baguettes. Kartoffeln mit Quark. Apfelstrudel. Suppe. Ui: Kleckergefahr. Nein, das klappt erstaunlich gut. Für die meisten ist es ein Experiment: Wie finde ich meinen Mund? Viele finden übrigens, dass das Essen anders schmeckt, wenn sie es nicht sehen. Wie läuft es mit dem Bezahlen? Wir hatten mal ein Mädchen, die wollte partout nicht im Dunkeln bezahlen. Die wollte unbedingt raus und im Licht ihr Geld abzählen. Und einer sagte mir: „Da muss ich dir ja vertrauen!“ Also lerne ich bei euch, mich anzuvertrauen? Bei mir ist es so: Ich gehe gern Klettern. Wenn ich draußen klettere, muss ich mich jemandem anvertrauen. Wenn ich nicht vertrauen kann, muss ich das lassen. Dann habe ich aber auch das Erlebnis nicht.

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Illustration: Julia Schubert

Svenja Fabian. Was hast du bei der Arbeit in der Bar gelernt? Das Spannende für uns ist: Nicht wir, sondern die Sehenden sind auf Hilfe angewiesen. Das ist schon eine gute Selbstbestätigung, denn im Alltag wird mir weniger zugetraut als in der Bar. Darf ich mich in der Kneipe frei bewegen? Eher nicht. Wir müssen schon gucken, dass wir uns abstimmen, dass wir uns nicht umlaufen. Wenn da Leute sind, die nicht blind sind – das ist zu stressig für uns. Schon mal über die Theke geflirtet? Och, vielleicht ein bisschen. Gibt schon Leute, die sagen: Hast aber interessante Hände oder eine interessante Stimme. Ist denn viel los bei Euch? Seit wir die Namenssache haben, ist mehr los. Ihr müsst Euch umbenennen. Es gibt in Köln, Hamburg und Berlin die „Unsichtbar“, ein Restaurant. Einmal hat sich eine Zeitung bei der Nennung unseres Namens verdruckt und die sind auf uns aufmerksam geworden und zu einem Anwaltsbüro gegangen. Deshalb haben wir bis Anfang Dezember eine Abstimmung auf unserer Homepage, bei der man für einen neuen Namen stimmen kann. Seid ihr sauer deswegen? Wir fanden es albern. Wir nehmen denen nix weg. Aber hilft ja nix, sich anzulegen. Verdient ihr denn gar kein Geld mit der Bar? Sie ist nicht auf Profit ausgelegt. Wir kriegen `nen kleinen Beitrag vom Behindertenreferat und jede Bedienung verdient 15 Euro am Abend.

Text: peter-wagner - Foto: privat

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