Warum liegt deine Kindheit auf dem Dachboden?

Erst die Helden der Kindheit, nun die Kindheit selbst: Bis zum 22. Januar soll man sein Profilbild durch ein Foto aus der Kindheit ersetzen - das wünschen sich die Münchner Florian und Matthias.
jurek-skrobala

jetzt.de: Erklärt mal, was euch motiviert hat, so eine Facebook-Aktion ins Leben zu rufen. Wieso soll man Kinderbilder von sich ins Netz stellen?
Matthias: Man soll das gar nicht machen, das ist einfach nur eine Idee. Die ist daraus resultiert, dass ich bei meinen Eltern auf alte Kinderfotos von mir gestoßen bin. Unsere Generation postet nur digitale Bilder von jetzt. Gut, poste ich mal ein Kinderfoto, hab ich mir gedacht. Von den Kindern, die heute aufwachsen, gibt es nur digitale Bilder; von uns nun mal nicht.
Florian: Es geht nicht darum, die ins Netz zu stellen und groß in der Weltgeschichte zu verbreiten. Wir haben uns gefragt, wie das wohl ausschaut, wenn viele Leute bei Facebook das so machen. Die Idee bei der Comicgeschichte war ja, dass man nur noch Comicbilder hat und dass der Look von Facebook sich so ändern kann. Es gibt neuerdings diese Hipstamatic-Apps für digitale Fotos. Wir wollten quasi Bilder, die ausschauen wie simulierte iPhone-Fotos, die aber echt sind. Ich fand spannend: Wie sahen die Leute früher aus? Zeigt mal! Sehr nett war das vor allem bei den Leuten, die ich noch nicht seit zwanzig Jahren kenne.
Matthias: Die Bilder sind viel spannender als die normalen Profilfotos. Da gibt es viele Details zu entdecken, z.B. im Hintergrund ein geiles Auto von früher. Heute ist das alles sehr kontrolliert. Die Fotos von früher sind charmanter.
Florian: Wir sind eben beide Retro-Fans.

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Illustration: Julia Schubert


Florian Decker und Matthias Edlinger, als es noch kein Facebook gab.

jetzt.de: Eine ähnliche Aktion hat es ja bereits im November gegeben, ihr habt das schon erwähnt: Da tauschten über 400.000 Facebook-Nutzer ihr Profilbild gegen das ihres Kindheitshelden. Erhofft ihr euch auch so viele Teilnehmer?
Florian: Bei der Comicaktion dauerte das für einen User 20 Sekunden, sein Profilbild zu ändern. Mit den Kindheitsfotos geht das nicht so auf die „Ich google mir mal schnell ein Bild“-Art. Das ist mit mehr Aufwand verbunden. „Die liegen auf dem Dachboden, ich hab keinen Scanner“, sagen viele. Ich frag dann: Warum liegt deine Kindheit auf dem Dachboden? Wir können kaum ersehen, wie viele mitmachen werden. Wir würden uns aber freuen, wenn es viele werden.

jetzt.de: Bislang habt ihr ja erst 41 Zusagen in der Veranstaltungsgruppe, 1.350 Antworten stehen aus. Könnt ihr überschlagen, wie viele Leute bei Facebook ihr Bild schon geändert haben?
Matthias: Am Montag hab ich das noch ganz wissenschaftlich-akribisch geprüft, da waren es 25, am zweiten Tag dieselbe Summe. Ich kann nur die Freunde von Freunden nicht sehen und weiß das daher nicht genau.
Florian: Die Veranstaltungsgruppe ist außerdem nicht alles; das verbreitet sich auch über andere Wege. Nicht alle, die mitmachen, sind auch Mitglied der Gruppe. Ich hab das bei Freunden von Freunden immer wieder gesehen, die Leute schicken die Veranstaltung rum. Schwer zu sagen, wie viele es sind. Bestimmt 150 werden’s sein.

jetzt.de: Wie wollt ihr mehr User dafür gewinnen?
Matthias: Über die üblichen Facebook-Taktiken. Man postet das bei sich selber, dann auf Pinnwänden von heavy Usern, schickt das weiter. Wir wollen niemanden damit belästigen. Die Aktion ist lustig, es geht um die Vergangenheit, es geht um Überraschungen. Eine Reise in die Kindheit. Wenn ich mit so was bombardiert werde, ist das doch ok. Ich geb mir Mühe, neue Bilder zu kommentieren – der Dialog ist mir wichtig. Aus dem Grund bin ich bei Facebook: Wegen des kreativen Potentials, nicht, weil jemand gerade Latte macchiato getrunken hat und ich das wissen will.
Florian: Aggressiv sind Sachen wie Farmville und Mafia Wars. Bei uns ist das keine stressige Anfrage, damit will niemand Geld verdienen. Erlaubt ist, was gefällt und keinem weh tut. Es gab auch schon cooles Feedback. Leute, mit denen ich auf der Schule war und zu denen ich ewig keinen Kontakt mehr hatte, haben sich aufgrund der Aktion wieder bei mir gemeldet.

jetzt.de: Kinderbilder geben sehr viel preis, vielleicht sogar mehr als Fotos von der Saufeskapade vom Wochenende. Oder wie denkt ihr darüber?
Florian: Ich finde, das ist nicht viel mehr Privatsphäre als eine Feier. Diese ganzen Urlaubsfotos, die sind ein viel größerer Eingriff in die Privatsphäre.
Matthias: Ich kann mir außerdem selbst auswählen, was für ein Foto ich hochlade. Ich kann das zensieren, ich bin der Redakteur. Bis jetzt sind alle Fotos so im Stil „Vorschulalter-Spielplatzgang“. Das ist weit weniger intim, als wenn mich jemand auf einem Foto taggt, das ich nicht gemacht habe. Wenn du so blöd bist und Urlaubsfotos reinstellst – „Wattwandern nackt“ – dann bist du selber Schuld.

jetzt.de: Habt ihr keine datenschutzrechtlichen Bedenken bei der Sache?
Matthias: Da wir einfach nur User sind, die andere Leute fragen, ob sie mitmachen wollen, haben wir keine Bedenken. Wir sind keine Firma, die die Leute anschreibt. Ich geh davon aus, dass Leute, die erwachsen sind und einen Facebook-Account haben, wissen, was sie tun.
Florian: Was man preisgeben will, gibt man preis, und was nicht, das eben nicht. Wenn nur die Freunde das sehen, ist das doch ok. Anders ist es vielleicht bei Leuten mit 4.000 Freunden, wo 2.000-3.000 das sehen. Wenn man „Freunde von Freunden“ einstellt, kann sich das auch schnell multiplizieren.


Text: jurek-skrobala - Bilder: privat

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