Warum Pablo den Winter im Eismachertal verbringt

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Ende Oktober wird Pablo Slis in Oyten bei Bremen die letzten Eisbecher ins Regal stellen, alle Sonnenschirme in den Keller tragen und dann wird er plötzlich weg sein. Wie viele seiner Kollegen, die in deutschen Eisdielen arbeiten, verbringt der 27-Jährige seine Winter in den Dolomiten. Genauer: in einem der „Eismachertäler“, die sich ab den 50-er Jahren von der Stadt Longarone aus gebildet haben. Dort lebt etwa die Hälfte aller Eisdielenbesitzer in Deutschland – von November bis Februar. jetzt.de: Pablo, wieso sind die ersten italienischen Eismacher im Winter eigentlich nicht einfach hier in Deutschland geblieben? Pablo Slis: In erster Linie war der Betrieb einer Eisdiele ja saisonbedingt. Und man darf das Heimweh nicht unterschätzen. Mein Vater zum Beispiel ging mit 14 Jahren von seiner Familie weg und war dann jeweils ein halbes Jahr in Deutschland. Mit 14! Und Heimweh ist auch immer noch ein großes, großes Thema. Wir Italiener sind einfach ein bisschen heimatbezogener – und familienbezogener ja sowieso. Und deine Generation packt nach wie vor im Herbst ihre Sachen? Viele tun es. Aber viele der unter 30-Jährigen befinden sich jetzt auch in einer ganz anderen Situation, weil sie die Eisdielen ihrer Eltern gar nicht übernehmen. Wegen der Freizeit – die findet in diesem Job eben im Frühling und Sommer einfach nicht statt. Dieser Preis ist einigen in meinem Alter zu hoch. Von 20 Eisdielen bei mir in der Umgebung werden vielleicht zehn übernommen, fünf werden geschlossen, fünf werden anderweitig verwendet, zum Teil von Deutschen oder anderen Landsleuten übernommen. Leider.

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Illustration: Julia Schubert

Wieso leider? Die können das einfach nicht so gut. Das ist so, wie wenn ich eine Imbissbude für deutsche Bratwürste aufmachen würde. Da kann man sagen, das ist nicht schwer, das kann ja jeder. Aber man verfälscht über kurz oder lang das Originalkonzept und die Originalrezepte. In einem tieferen Sinne habe ich von deutschen Gerichten eben keine Ahnung. Beschreib mal, wie es im Eismachertal so ist! In der Valzoldana meinst du? Das ist das Ur-Eismachertal. Naja, es ist im Sommer eben nur zu einem Drittel oder Viertel bewohnt. Und im Winter füllt sich es sich wieder. Man kennt sich, man trifft sich. Wobei sich das auch ändert. Das ist jetzt eine Floskel: Die Zeiten sind nicht mehr ganz einfach. Es gibt wenige Eisdielen-Besitzer, die es sich leisten können, im Oktober zu schließen. Viele schließen Anfang November, manche Mitte Dezember, manche machen sogar durch. Darunter leiden dann halt auch die Beziehungen im Heimatort. Aber das Hauptthema ist für uns alle, dass wir die Weihnachtszeit in Italien verbringen. Das ist einfach ein Muss und da sehen sich dann so wirklich alle wieder, auch die Cousins zweiten Grades und so. Sind deine Freunde auch alle Eismacher? Nicht alle, aber schon einige. Doriano in Frankfurt, Igor in Verden, Davide in Bremen, … Was wird aus eurer Eisdiele ab Oktober? Früher haben wir sie an Leute vermietet, die Weihnachtsartikel verkauft haben. Nur, mittlerweile gibt es diese Weihnachtsartikel auch im Schreibwarengeschäft nebenan. Deswegen haben wir die Eisdiele in den letzten Jahren einfach leer stehen lassen. Was macht ihr eigentlich den ganzen Winter über? Gute Frage. Also letztendlich ist es Urlaub. Wir gehen zu Messen, besuchen Fortbildungen, die Älteren geben selber welche, wir machen Besuche, feiern, gehen spazieren oder buchen Kreuzfahrten in Richtung der wärmeren Länder. Man muss sich ein bisschen was gönnen. Jeder der mal eine Saison lang sieben Tage die Woche zwölf Stunden gearbeitet hat, versteht das. Mit „Messen“ meinst du zum Beispiel die Eismesse in Longarone, oder? Wie ist das da? Wie im Schlaraffenland? Man kann schon viel schlecken. Das ist schön und süß. In erster Linie ist es aber ein schönes großes Wiedersehen mit den Kollegen. Und es sind ja oft mehr als nur Kollegen, weil man im gleichen Ort gelebt hat oder gemeinsam zur Schule gegangen ist.

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Illustration: Julia Schubert

Pablo und ein Stammkunde. Dein Lieblingseis? Mokka. Mit einem Klecks Sahne. Nicht übermäßig, ganz wenig. Hast du deine Frau eigentlich in der Eisdiele kennengelernt? Nein. Ich habe andere Frauen in der Eisdiele kennengelernt. Meine Frau war die Ex-Freundin eines Mannschaftskameraden beim Fußball. Mittlerweile arbeitet sie auch in der Eisdiele mit, und sie und mein Sohn fahren über den Winter mit mir nach Italien. Das ist einer der Unterschiede zwischen den Italienern und manchen Deutschen: Für meine Frau ist es völlig nebensächlich, ob sie ihre Eltern an Weihnachten nur anruft, oder ob sie mit ihnen feiert. Wie ist das, sein Leben so zu halbieren? Sommer hier, Winter da? Es hat Vor- und Nachteile. Cool ist, dass man mehr Leute kennenlernt, weil man nicht immer am gleichen Ort ist. Dass man eine gewisse Abwechslung im Laufe eines Jahres hat. Ich freu mich jedes Jahr auf Italien und ich freu mich dann wieder auf Deutschland. Nicht so cool ist, wenn es traurige Schicksale gibt innerhalb der Familie, dann ist man halt unter Umständen weit weg. Als zum Beispiel meine Oma gestorben ist, war ich nicht da.

Text: claudia-dambacher - Illustration: Judith Urban; Foto: privat

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