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Was ist der Sinn des Lebens? Interview mit dem Philosophie-Olympiasieger

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jetzt.de: Jan, die Philosophie-Olympiade - was ist das für ein Wettbewerb? Jan: Jedes Jahr werden Zitate von Philosophen vorgegeben, zu denen man einen Essay schreibt. Letztes Jahr habe ich schon mal teilgenommen und bin auch eine Runde weiter gekommen. Das heißt? Man fährt nach Münster zur sogenannten philosophischen Winterakademie – das ist der Landes- und Bundeswettbewerb. Dort wird festgelegt, wer zur Olympiade kommt. Wieviele Länder waren vertreten? 23. Wir hatten Philosophie an der Schule als Wahlfach – wie ist es an deiner Schule, dem Landfermann-Gymnasium in Duisburg? In der Jahrgansstufe 11, 12 und 13 kann man wählen, ob man Religion oder Philosophie haben will. Ich hatte aber seit der 9 sogenannte Praktische Philosophie …

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Jan bei der Philosophie-Olympiade. Was ist das? Da wird der Bezug zu Themen gesucht, die die Jugendlichen selbst angehen. Die Auseinandersetzung mit dem Tod, mit Liebe … erst in der Oberstufe wird es theoretischer. Nun unterliegt man leicht der Versuchung, zu sagen: Hm, ich küchenphilosophiere auch im echten Leben sehr gern – Philosophie ist mein Fach. War das bei dir so? Ach, ich interessiere mich schon sehr lange für wissenschaftliche Theorien. Für mich ist auch die private Beschäftigung mit Philosophie wichtiger als der Dialog im Unterricht. Was bedeutet „private Beschäftigung“? Dass ich sehr viel lese, dass ich mich selber mit bestimmten Büchern auseinandersetze. Wann hast du damit angefangen? Hm, relativ früh. So mit 14. Warum? Es ging um die Auseinandersetzung mit Religion und Gesellschaft – ich habe zu Zweifeln angefangen. Zweifeln an was? Erstmal war es grundsätzlicher Zweifel an allem. An Religion, an Werten usw. Das ist ja aber auch typisch für die Jugendphase. In der Zeit habe ich bestimmte philosophische Richtungen erfahren und mich weiterentwickelt. Auch wenn ich mich heute von diesen frühen Gedanken eher distanzieren würde. Welche meinst du? Von radikalem Atheismus zum Beispiel. Aber auch von radikaleren Philosophen wie Nietzsche oder Schopenhauer. Insgesamt von der Überbewertung von extrem aufklärerischen Gedanken. Über welche deiner Ansichten, deiner Haltungen wunderst du dich heute am meisten? Es gibt so Sachen von Schopenhauer … er war sehr frauenfeindlich, er hat ein Leben fernab von jeder Gesellschaft gesucht. Das ist mir heute fremder. Aber deswegen lehne ich ihn auch nicht rundweg ab. Auf der nächsten Seite: Jan über die klassischen Fragen von Kant und über die zahlreichen Elektrogeräte, die man in Rumänien gewinnen konnte.


Hat dir dein Interesse an der Philosophie beim Erwachsenwerden geholfen? 14 ist ja doch so was wie der Pubertätsstart. Das hilft schon, wenn man die eigene Weltsicht ordnen und systematisieren kann. Wie hast du dir deine Welt geordnet? Eine schwierige Frage. Dieser Ordnungsprozess ist niemals wirklich abgeschlossen. Und wie man die Welt sieht … das ist nicht so einfach darzulegen. Hat sich etwa deine Haltung zu der Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“ geändert, seit du 14 warst? Hm. Ich habe nicht den endgültigen Sinn gefunden. Die Beschäftigung mit Philosophie bedeutet für mich zu sehen, ob sich ein Sinn feststellen lässt oder nicht. Gibt es einen Pfad, auf dem man zu einer Antwort kommen könnte? Eine befriedigende Antwort kann ich darauf nicht geben. War es leichter, Antworten zu geben, als du noch weniger wusstest? Kann man sagen. Je weniger man weiß, desto leichter ist es, sich daran zu klammern. Wenn man nur Philosophen der Aufklärung kennt, wird man dazu neigen zu sagen, die Vernunft erklärt alles! Aber darüber bin ich mittlerweile auch schon hinaus. Du musstest auch in Rumänien einen Essay schreiben? Genau. Das heißt aber nicht, dass du munter aus deinem eigenen Erfahrungsschatz drauf zu schreiben kannst, oder? Doch, man kann hingehen und ohne Erkenntnisse von Philosophen drauf los schreiben. Allerdings ist es immer hilfreich, wenn man ein Vorwissen hat. Wenn man selber irgendwas schreibt, ist die Gefahr groß, dass man keinen Gedankenhintergrund hat, um einen Gedanken aufzubauen. Was war dein Zitat, dein Thema in Rumänien? Muss ich mal überlegen … es ging um Liberalismus und darum, ob die Person mit dem Körper identisch ist? Deine Antwort? Ich habe versucht, darzustellen, was die Idee von Freiheit und Moral in einer sehr technologischen Gesellschaft bedeuten kann … puh, es ist schwierig, das so knapp zusammenzufassen. Wieviele Leute haben denn teilgenommen? 53. Und du hast gewonnen. Was eigentlich? Das war absurd, ich hatte den Eindruck, dass die kurz vorher sehr viele Elektrogeräte eingekauft haben. Sehr viele haben DVD-Player bekommen, ich hab einen Laptop bekommen, ein Diktiergerät, irgendeine USB-Dockingstation … das Budget scheint in diesem Jahr sehr groß gewesen zu sein.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Elektrosachen für die Teilnehmer. Wer hat das mitbezahlt? Das Ministerium für Erziehung in Rumänien, glaube ich. Was willst du nach dem Abitur im nächsten Jahr werden? Ich hab noch bisschen Zeit zu überlegen. Ich bin auch an Naturwissenschaften interessiert und versuch mich da offen zu halten. Nochmal ganz simpel gefragt: Was ist für dich das Reizvolle an der Philosophie? Sie begleitet meine Entwicklung. Ich kann mit ihr immer weiter mein Weltbild erneuern und bleibe nicht stehen. Man lässt sich nicht von dogmatischen Positionen festhalten. Darf ich von der Philosophie Antworten erwarten? Meistens ist es so, dass man mehr Fragen als Antworten erfährt. Wobei: In moralischen Fragen kann man noch Handlungsorientierung geben. Das kann man von der Philosophie auch erwarten. Welche Frage in der Philosophie findest du am spannendsten? Diese typischen Fragen von Kant. Die wären? Was darf ich hoffen? Was kann ich wissen? Was ist der Mensch? Man kann sie nie richtig beantworten. Aber sie beschäftigen einen letztlich doch.

Text: peter-wagner - Fotos: philosophy-olympiad.org

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