Was ist eigentlich ein Piratensender?

Der jetzt.de-Radioschwerpunkt widmet sich heute einem aussterbenden Radiogenre: den Piratensendern. Björn Quäck, 38, hat sich mit dem Phänomen Ätherpiraterie seit einem Vierteljahrhundert beschäftigt: als Hörer, Journalist und Buchautor. Auf seiner Website vogelfreies-radio informiert er über aktuelle Entwicklungen, erklärt, warum Piratenradios illegal sind, was man an technischem Zubehör braucht und stellt einzelne Piratensender vor.
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Illustration: Julia Schubert

Was hat dich dazu gebracht, dich mit Piratensendern zu beschäftigen? Als ich elf oder zwölf war, hat mich das Kurzwellenradio sehr fasziniert. Ich fand es total spannend, Sender aus aller Welt zu hören, und bin dabei irgendwann über einen Piratensender gestolpert. Selber hatte ich nie einen. Als Jugendlicher fehlte mir dazu auch das nötige Kleingeld. Die Passion und das Interesse für die Thematik sind aber nie verschwunden. Gibt es überhaupt noch Piratensender oder ist das ein medialer Mythos? Piratensender sind in der deutschen Medienlandschaft immer eine Randerscheinung gewesen. Die meisten Leute hier zu Lande wissen gar nicht, dass es immer noch welche gibt. In Großbritannien und den Niederlanden ist das ganz anders. Dort ist die Sendepiraterie nach wie vor stark verwurzelt. Das liegt auch an den Sendeschiffen, die von der Nordsee aus vor allem in den 60er- und 70er-Jahren die Radioszene in England und Holland revolutioniert haben – Sender wie „Radio Caroline“ haben das Pop-Radio nach Europa gebracht. In London zum Beispiel gibt es nach wie vor sehr viele Piratensender, die auf UKW senden. Sie sind ein fester Bestandteil des Londoner Nightlife. Dort spielen DJs ihre Sets und machen Werbung für Clubs und Labels, von denen man annehmen darf, dass sie die Piraten finanziell tragen. So ein Sender ist dann eine richtig große Organisation, die ziemlich viel Aufwand betreibt, um nicht aufzufliegen. In Berlin gab es vor ein paar Jahren mit Twen FM den Versuch, das Londoner Modell zu importieren. Der Sender hat später auch ganz legal auf UKW gesendet, ist im Moment aber nur noch ein Podcaster. Wo gibt es denn heute noch in Deutschland Schwarzfunk? In Ostfriesland und im nördlichen Emsland gibt es nach wie vor einige Piratensender auf UKW, die aus ihrem Partykeller senden. Das Programm besteht meist aus Schlagern und Hörergrüßen – also Landfunk mit Community. Außerdem gibt es auch noch im ganzen Land verteilt ein ganze Reihe Kurzwellensender, die sporadisch am Wochenende senden und dabei ein internationales Publikum erreichen.

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Illustration: Julia Schubert

Das Studio von Radio Dreyeckland. Der Sender ist aus der badischen und elsässischen Anti-Atomkraft-Bewegung entstanden und startete im Juni 1977 als erstes Piratenradio in Deutschland. Mittlerweile ist Dreyeckland aber legal. Foto: dpa Welche technischen Ausstattungen brauche ich, wenn ich die Welt mit meinem eigenen Radio besenden will? Piratenradio ist handgemachtes Radio. Es hört sich ungeschliffen an und das ist auch so gewollt. Im Internet kann man sich für ein paar hundert Euro die Basics für eine eigene UKW-Station besorgen. Man braucht eigentlich nicht viel: Sender, Antenne, ein bisschen Zubehör. Ein Piraten-Studio kommt meist mit ein paar CD-Spielern, einem Mischpult und Mikrofon aus. Wie verhält sich die Gesetzeslage denn genau? Im Grunde ist die Gesetzeslage in der EU weitgehend vereinheitlicht. Es ist nicht erlaubt, eine Frequenz zu nutzen, ohne eine offizielle Zuteilung dafür zu besitzen. In Deutschland ist das eine Ordnungswidrigkeit, wie wenn man bei Rot über die Ampel fährt. In den Knast wandert man dafür nicht. Wer verfolgt die Piraten? In Deutschland ist das die Bundesnetzagentur. Das ist die Behörde, die für die Funküberwachung zuständig ist. Wenn überhaupt, dann wird die auf einen Sender erst aufmerksam, falls der eine Störung verursacht und zum Beispiel ins Telefon oder in eine Gegensprechanlage reinstrahlt. Dann ruft meist ein unwissender Nachbar die Servicehotline an. Wenn die Bundesnetzagentur einen Sender angepeilt hat, bittet sie die Polizei um Hilfe und besorgt sich einen Durchsuchungsbeschluss. Der Sender wird dann mitgenommen, und der Betreffende bekommt ein Ordnungswidrigkeitsverfahren. Eigentlich müsste der Sender danach wieder zurückgegeben werden, aber das Bußgeld fällt meist milder aus, wenn man ihn nicht zurückfordert. Weißt du von einem Fall, wo ein Piratensender aufgeflogen ist? Der heftigste Fall, der mir bekannt ist, ist noch gar nicht so lange her. Der holländische Piratensender KKA, Koning Keizer Admiraal hatte an der niederländisch-deutschen Grenze einen über 100 Meter hohen Antennenmast und einen richtig starken Sender aufgestellt. Dort wollte er aus einem Festzelt mit allem Drum und Dran ein verlängertes Wochenende Party machen und diese per Radio übertragen. Die holländische Funküberwachung hat das spitz bekommen und ist freitags angerückt, musste aber wieder einpacken, weil Sender und Antenne auf deutschem Boden standen. Dann schlossen sie sich mit ihren deutschen Kollegen kurz, und samstags standen die dann auf der Matte. Der Sender wurde konfisziert. Das Verfahren schwebt im Moment noch, aber die Bundesnetzagentur hat ein Bußgeld in Höhe von 53.000 Euro verlangt. Das ist meines Wissens die höchste Summe, die jemals für Schwarzfunk eingefordert wurde. Ein Abklatsch des Piratenradios sind die heutigen Internetradios. Sind die deswegen auch uncooler? Das ist ein schwieriger Vergleich. Internetradio und Podcasts sorgen auf lange Sicht dafür, dass den Piraten der Nachwuchs fehlt. Wer heute Radio machen will, der macht das im Web, und nimmt nicht das Risiko der Schwarzfunkerei auf sich. Weil man im Internet ja im Prinzip senden kann, was man will, ist das zwar auch eine gewisse Art medialer Anarchie. Bei einem Piratensender kann man aber dafür den Reiz des Verbotenen und ein bisschen Abenteuer spüren. Glaubst du, dass es einen neuen Trend hin zu Piratensendern geben wird, falls Internetradios illegal werden? Das hätte auf alle Fälle eine starke Reaktion zur Folge, die vielleicht eine neue Piratenära einleitet. Dann aber eben im Netz.

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