Was muss ich über Marcel Proust wissen, Jochen Schmidt?

Ein Schriftsteller setzt sich ein halbes Jahr hin und liest das literarische Monumentalwerk durch. Von vorne bis ganz hinten, jeden Tag zwanzig Seiten „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.
max-scharnigg

Herr Schmidt, wie ist das gedacht, soll man erst ihre Notizen zu Proust lesen und dann das Hauptwerk, oder andersrum? Ich habe das vor allem für mich selbst geschrieben, weil man beim Lesen ja gleich wieder so viel vergisst. Im Prinzip bin ich nicht für dicke Bücher, ich lese langsam und sitze immer da und denke: Hä wie ging der vorige Satz noch mal zu Ende? Man kann mein Buch aber unabhängig von Proust lesen, finde ich. Es ist alles sehr aktuell, was er da schreibt, im Grunde gibt es keinen großen Unterschied zwischen meiner Weltsicht und seiner. Warum ist die „Suche nach der verlorenen Zeit“ dann so ein vergleichsweise selten gelesener Klassiker? Es ist anstrengend. Im Grunde ist das Service, was ich damit mache. Es ist ja nur das, was jeder im Prinzip im Kopf macht, wenn er liest. Man kann heute von niemandem verlangen, dass er solche Bücher liest. Unser Leben ist so interessant, wenn man sich dann ein halbes Jahr für ein Buch wie dieses Zeit nehmen muss, dann ist das einfach ein bisschen viel verlangt. Die großen Bucherfolge heute kommen von Lesern, die lesen um abzuschalten – bei Proust wird man aber eher wach, es gibt eine Menge festzuhalten und zu merken, wenn man das liest.

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Illustration: Julia Schubert

Sie setzen neben die Zusammenfassung jeweils ihre eigenen Erlebnisse, beim Lesen merkt man da irgendwann eine seltsame Überschneidung mit den Romangeschehnissen. Irgendwie war es schon so geplant, ein bisschen Lektüre und bisschen eigene Chronik zu haben. Dass meine eigene unglückliche Liebesgeschichte dann aber zum roten Faden geworden ist, das war natürlich nicht geplant. Das hat es auch für mich an manchen Tagen auch sehr schwer gemacht, das Pensum durchzuhalten. Sie haben ein halbes Jahr ganz in dieser Proust-Welt gelebt, wie reagiert die Außenwelt auf das Projekt? Also richtig begeistert waren sie nur bei der Deutschen Proust-Gesellschaft. Die allermeisten Menschen aber kennen den gar nicht groß. Dann traf ich einige, von dene ich nicht erwartet hätte, dass sie ihn auch ganz gelesen haben. Viele sind dabei schneller als ich, manche schaffen das in ein bis zwei Monaten. Und viele sind auch steckengeblieben, manche im zweiten, manche im fünften Band. Ich muss sagen, vieles steckt auch schon im ersten Band, das ist schon gut, wenn man den liest. Kann man Frauen damit beeindrucken, wenn man sagt, dass man gerade Proust liest? Nein, überhaupt nicht, wenn man einen Autor erwähnt, der anstrengend klingt, ist das meistens nicht gefragt. Aber vielleicht treffe ich auch nur die falschen Frauen. Es sind übrigens meistens auch Frauen, die die Vorstellung von Liebe, die Proust formuliert, ganz falsch finden. Klar, weil Marcel in dem Buch alle Frauen ja nur als Projektionsflächen missbraucht. Was ist denn das Tolle an Proust und an der "Suche..."? Jede Seite ist großartig und sehr genau. Seine Konzeptionen von Eifersucht und Liebe habe ich bisher noch nirgends widerlegt gefunden. Er ist in allem sehr klug. Er formuliert alle Dinge besser, als ich sie hätte sagen können. Aber er regt nicht unbedingt zum Rätseln oder Nachdenken an, bei ihm ist alles ziemlich klar, es gibt Autoren die, naja, tiefgründiger schreiben. Absolut einverstanden bin ich auch mit der Konzeption von Gedächtnis und Bewusstsein und wie er über das Altern schreibt. Wir leben ja auch in einer Proust-Welt heute, die Werbung arbeitet ständig mit dem Proust-Effekt – mit Produkten Assoziationen zu erzeugen. Warum schaffen so wenige, das ganze Buch zu lesen? Jeder Satz ist gleich brillant und schwierig, man kann nichts weglassen, sonst hat man den Faden verloren. Gleichzeitig passiert über weite Strecken nicht viel, da gibt es gerne mal 200 Seiten lang Gespräche von irrelevanten Personen in einem Salon. Es gibt fünf Beispiele, wo auch eines gereicht hätte. Unter uns gesagt, man hätte das schon noch mal überarbeiten können, er hatte schon die Tendenz das aufzublähen. Warum weiß man so wenig über Proust selber? Bei Thomas Mann kennt man ja jede Erkältung. Es erscheint jetzt bald eine neue, 1000-seitige Biographie. Aber komisch, bei Proust interessiert mich die Biographie gar nicht, bei anderen Autoren ist es eher andersrum, bei Heiner Müller zum Beispiel. Aber bei Proust will ich gar nicht wissen, ob das jetzt in echt ein Stück Brot war und kein Kuchen. Man versteht aus den paar nüchternen Lebensdaten auch überhaupt nicht, warum der zu so einem Genie geworden ist. Anfangs hat er sogar ziemlich peinliche Briefe geschrieben. Wenn man als Schriftsteller in das Werk eines schreibenden Genies eintaucht, ist das dann ernüchternd? Naja, man kann sich vor allem einfach bestimmte Sachen selber sparen, auch manch andere Autoren muss man danach nicht mehr lesen, Schilderungen von Partys oder eben einen aristokratischen Salon zu beschreiben, das wird kein anderer so können wir er, das ist klar. Und man läuft danach durch die Gegend und denkt ständig – ah ja, genau wie bei Proust. Komisch oder? Seine aristokratische Kulisse wirkt ja eher museal. Aber das Oberflächliche an sich bleibt bestehen. Heute sind fast alle Ästheten. Jeder versucht sich einzurichten, man kleidet sich ausgewählt, überlässt nichts dem Zufall. Die ganze Popliteratur, das war im Grunde ein Abklatsch der Fin de Siècle-Zeit, nur auf unsere Warenwelt angewendet. Mich hat immer gewundert, dass Popliteratur noch ein Skandal werden konnte. Sie laufen auch Marathon – gibt es Parallelen zwischen Langlaufen und Langlesen? Im Grunde höchstens, dass man bei beidem eine gewisse Disziplin an den Tag legen muss. Und genau wie Muskeln nach zwei Tagen Nichtbenutzung abbauen, wird man ständig dümmer und unkonzentrierter. Es ist schwer, sich geistig fit zu halten, die Kunst einer Konversation, die einen fordert, geht leider völlig verloren. Man verlernt, sich beim Sprechen Mühe zu geben. Lesen ist da das oft Einzige, um sich geistig ein wenig wach zu halten. Sie haben nach Proust angefangen, Niklas Luhmanns „Liebe als Passion“ zu lesen. Wo liegen die Unterschiede in der Lesepraxis, im Gegensatz zu Proust? Ich wollte noch eine andere Stimme zum Thema Leidenschaft und Liebe hören. Luhmann ist ein harter Brocken, eine große Herausforderung. Ihn zu verstehen ist mir schon mal gar nicht möglich, trotzdem spürt man, dass er immer recht hat. Er definiert Liebe, wo andere immer nur so vage reden. Aber man braucht eigentlich Luhmann-Vorbildung um dieses Buch zu verstehen. Zum Schluss bitte noch ein Wort der Aufmunterung für alle die, die irgendwo mitten in „Suche nach der verlorenen Zeit“ feststecken. Das letzte Buch ist eine große Belohnung. Man muss gelitten haben, um das so richtig zu genießen, die letzten 50 Seiten sind pure Lust. Wenn Marcel findet, was er sucht.

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Illustration: Julia Schubert

"Schmidt liest Proust" ist im Verlag Voland&Quist erschienen. Jochen Schmidt liest außerdem regelmäig in der Chaussee der Enthusiasten in Berlin.

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