„Weil wir uns mit unseren Eltern vertragen.“

Die blutjungen Vierkanttretlager aus Husum klingen schon auf ihrem Debütalbum rau und schlau genug für die deutsche Indie-Rock-Elite.
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Illustration: Julia Schubert



Max und Christian, sprechen wir über eure Band, müssen wir auch über Husum sprechen, eure Heimatstadt. Dort habt ihr gerade euer Abitur gemacht. Wie muss man sich eine Jugend in Husum vorstellen: spannend oder anstrengend? Max: Spannend und anstrengend. Das wirklich Positive, was ich über die Jugend in so einem kleinen Örtchen wie Husum sagen kann, ist dass man fern ist von allem, was irgendwie mit Jugendkultur und Trends und damit zu tun hat, sich früh festlegen zu müssen. Das alles gab es bei uns nicht. Und das fand ich eigentlich sehr erfrischend. Weil es uns die Möglichkeit gab, uns sehr eigen zu entwickeln.  

Habt ihr nie nach irgendwas gesucht? Wolltet ihr euch nicht auch mal irgendwo zuordnen?
Max: Wollten wir schon, aber wir haben nie etwas gefunden. Ich weiß auch gar nicht, wo zum Beispiel die Skater und die Popper in Husum rumhängen. Vielleicht hätten wir uns sonst mal dazugesetzt.  

Und die Band? Sollte die ein Hobby sein, mit dem ihr irgendwann aus Husum rauskommen könntet?
Max: Darüber haben wir uns gar keine Gedanken gemacht. In Husum gibt es zwar nicht viel zu tun, aber es war auch nicht so, dass wir gedacht haben, wir müssten jetzt irgendetwas finden, das wir tun können. Die Band ist eher aus dem Zufall heraus geboren. Wir waren schon immer Freunde und sind alle auf dieselbe Schule gegangen. Es ist einfach so passiert.  

Wann habt ihr denn angefangen, euch für Musik zu interessieren?
Christian: Wir haben immer bei Karstadt in der CD-Abteilung rumgehangen ...
Max: … und ich habe immer die Angebote gekauft. Wenn es welche gab. Leider hat der einzige richtige Plattenladen im Ort irgendwann dicht gemacht, Disko-Express hieß der, sein Besitzer legt immer noch in Husum auf Ü-40 Partys auf, als DJ Peter Panik. Was Musik angeht, haben wir in Husum leider nicht viel, was man auch betanzen könnte. Wir haben eine Großraumdisko und einen kleinen Club mit Gitarrenmusik, der auch Der Club heißt. Dort sind wir schon mit 13 hingegangen, die haben nie die Ausweise kontrolliert, also konnten wir jedes Wochenende zu „Smells Like Teen Spirit“ unsere Schnäpse trinken. Die haben da auch immer „Song 2“ von Blur gespielt. Den Song habe ich zwar nicht verstanden, aber die Platte habe ich mir bald gekauft. Erst ein paar Jahre später habe ich kapiert, wie krass diese Musik war. Die ersten Berührungen mit guter Musik sind also ein bisschen an uns vorbeigeschwappt.  

Ein Frühwerk:

http://www.youtube.com/watch?v=FzT6BtEvUIs&feature=related


Noch ein paar Jahre später werdet ihr nun selbst hoch gehandelt. Raue Rockgitarren, schlaue Texte auf Deutsch, manche sehen in euch ja schon die nächsten Tocotronic …
Christian: Von den Verkaufszahlen her wäre das natürlich nicht schlecht. Aber ich kann mich mit denen nicht identifizieren, wenn ich sehe, dass die auf der Bühne rosa Hemden tragen.
Max: Da kommen wir auch noch hin. (lacht) Aber im Ernst, ich glaube, dass das noch mehr Punk ist, als alles andere. Ich weiß noch, als ich mal auf dem Hurricane-Festival stand und Tocotronic auf die Bühne kamen. Das Konzert war großartig, und der Sänger hatte halt diese weiße Hose und ein rosa Hemd an. Ich fand das eigentlich ganz geil! Gerade beim Hurricane-Festival, wo Ärzte-Hörer in Dreiviertelhosen rum stehen und mit Bierbechern werfen. Ich fand, das war eine gute Geste.
Christian: Textlich sind Tocotronic aber schon sehr elitär, so dass ich mich manchmal ein bisschen ausgeschlossen fühle.  

Die betonen ja auch gerne, dass ihre Kunst nichts mit ihrem Leben zu tun habe.
Max: Das Gefühl kenne ich. Ich habe auch oft Angst, zu persönlich zu werden. Natürlich geht es bei mir oft um Beobachtungen und das, was ich selbst erlebt habe. Aber wenn es heißt, in Worte zu fassen, was ich fühle, bekomme ich Berührungsängste. Ich kann schon nachvollziehen, dass man Kunst und Leben trennen möchte.
Christian: Bei dir habe ich aber trotzdem nicht das Gefühl, dass da eine Kunstfigur auf der Bühne steht.
Max: Irgendwer hat das mal ganz schön beschrieben. Bei mir könne man nicht sagen, ob das nun David Bowie oder doch Michel aus Lönneberga ist, der da oben steht.  

Eure Agentur wirbt für euch jetzt mit den Worten, ihr wärt „ausgestattet mit dem Wissen und den Regeln unserer Zeit“. Ist damit mehr als nur euer Abitur gemeint?
Max: Es geht darum, dass wir mit dem Abitur eine Allgemeinbildung erworben haben und jetzt ausgestattet sind mit Wissen, vollbepackt mit irgendwelchen Formeln und Phrasen. Darum geht es auch auf dem Album. Es geht darum, dass wir in einer Phase sind, in der wir viel wissen und nun überlegen, wie viel wir davon eigentlich wissen müssen und was wir davon wissen wollen.  

Ein Song auf diesem Album heißt „Gib deinem Leben keinen Sinn“. Darin heißt es: „Ohne Ziel und ohne Zweck, zieh dieser Zeit die Beine weg.“ Welche Einstellung steckt dahinter?
Max: Am Anfang denkt man, das sei jetzt so no-future-mäßig gemeint, und dass da jetzt womöglich der Punk mit uns durchgeht. Aber eigentlich ist das ein sehr versöhnliches Lied, es endet ja auch damit, dass die Zeit ins Krankenhaus gefahren wird. Ich will damit sagen, dass man aufhören sollte, sich ständig Pläne zu machen. Wir erleben das ja gerade bei unserer Abiturgeneration. Viele schlagen zwei Wochen nach dem Abi schon irgendwo in Deutschland eine Offizierslaufbahn ein. Die klopfen ihren Lebensweg jetzt schon fest! Wir liefern ein Plädoyer dagegen und sagen: Nicht wir sind diejenigen, die dem Leben einen Sinn geben sollten, sondern das Leben wird uns – auf einer ganz esoterischen Ebene – irgendwann einen Sinn geben. Wir werden schon eingesetzt werden.

Woran denkt ihr liegt es, dass eure Generation so schnell Anschluss finden will? Max: Wir leben in einer Zeit, die sehr sicher ist. Wir können, müssen uns aber nicht mit großen Bedrohungen befassen. Wir müssen uns um wirklich wenig Sorgen machen, und wahrscheinlich denken viele, sie müssten diesem System irgendwie gerecht werden. Christian: Elementare Fragen wie: Bin ich Spießer? Oder bin ich gegen meine Eltern? gibt es ja gar nicht mehr. Weil wir uns mit unseren Eltern vertragen. Wir sehen nicht erst mit 40 ein, dass sie vieles richtig gemacht haben, sondern schon jetzt.  

Könnt ihr ein Beispiel nennen?
Max: Mein Vater hat mir oft von seinem Zivildienst erzählt, und seitdem weiß ich, dass ich das auch machen werde, auch jetzt noch, obwohl ich es gar nicht mehr machen muss. Ich mache es, weil ich es gut fand, wie mein Vater mir davon erzählt hat. Ich habe großen Respekt davor, was er gemacht hat, und möchte an gewissen Stellen meines Lebens etwas Ähnliches machen.
Christian: Und dann ist aber auch wieder kein schönes Gefühl, wenn ich merke, dass mein Vater ein Stück weit nicht weiß, wie er mit mir umgehen soll. Er hat damals mit seinem Vater total gerungen, es war eben eine komplett andere Generation, es gab kein Vater-Sohn-Verhältnis. Wenn ich mit meinem Vater über die Zukunft rede, merke ich, dass er sich irgendwie wünscht, dass ich alles komplett anders mache als er. Ich glaube, unsere Generation ist irgendwie unnormal. 

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Illustration: Julia Schubert


 „Die Natur greift an“ von Vierkanttretlager erscheint am 27. Januar auf Unter Schafen Records/Alive. 




Text: erik-brandt-hoege - Foto: Jenny Schäfer

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