"Weinen? Schreien? Hilft ja alles nicht."

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Kim (gespielt von Helen Woigk) ist 15, kleidet sich schwarz und geht gerne auf den Friedhof. Ihre schützende Fassade droht zu bröckeln, als ihre Mutter stirbt und Kim sich kurz darauf mit ihrem Vater verkracht. Sie kann nicht verstehen, dass der ganz anders trauert als sie. Und dann erkrankt auch noch ihre Oma an Krebs. Kim brennt durch, mit ihrer neuen Liebe Alex, den sie aus der Schule kennt: Ein Reichenkind, das seine Eltern hasst.

jetzt.de: Helen, im Film spielst du Kim, ein oberflächlich toughes Mädchen mit Hang zu schwarzer Magie. Aber ihre Fassade ist nur ein Schutzschild, dass irgendwann bricht.
Helen Woigk: Das muss es ja auch! Man kann sich nicht durch seine äußere Erscheinung vor starken Gefühlen schützen. Wenn man emotional berührt wird, hilft eigentlich nichts. Nur eine genauso emotionale Reaktion. Die zeigt Kim aber erstmal nicht. Sie flüchtet stattdessen.  

Ein bisschen naiv, oder?
Ich kann sie schon verstehen. Jeder kennt ja diese Situationen, in denen man einfach nur wegrennen will. Das macht man dann, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.  

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Illustration: Julia Schubert

Helen Woigk, 21, als trauernde Kim.

Kim flüchtet, zeigt aber im Stillen doch ihre Trauer über den Tod der Mutter. Sie schreibt ihr Kurznachrichten auf dem Handy, verschickt sogar eine Flaschenpost. Sie ist verletzter, als es zunächst scheint.
Sie möchte nach außen einfach nicht viel von ihren Gefühlen zeigen, am liebsten gar nichts. Aber sie ist deswegen nicht kalt oder herzlos. Im Gegenteil: sie ist ein extrem emotionales Mädchen. Unheimlich verletzlich. Und durch das SMS-Schreiben hat sie einen Weg gefunden, loszulassen. Sich etwas von der Seele zu schreiben, ohne dass jemand merkt, wie groß ihr Schmerz tatsächlich ist. Früher hat sie über ihre Sorgen immer mit ihrer Mutter gesprochen. Die ist nun aber nicht mehr da, also versucht Kim, ihr auf einem anderen Weg ihren Kummer zu übermitteln.    

Wird Kim erst nach dem Tod ihrer Mutter klar, wie sehr sie sie geliebt hat?
Ich glaube, dass man oft erst in Extremsituationen merkt, wie sehr man bestimmte Menschen mag. Häufig gehören dazu auch die Menschen, zu denen man im Alltag manchmal etwas grob ist. Kim verkracht sich ja auch noch mit ihrem Vater, von dem sie zunächst glaubt, er würde sie in der Trauerphase unterstützen. Als sie aber merkt, dass er selbst nicht weiß, was er machen soll, setzt sie sich ab. Erst später wird ihr klar, dass sie das alles nur zusammen durchstehen können.  

Ist es eine Moral des Films, dass man netter zu Mama und Papa sein sollte – schließlich könnten sie irgendwann ganz plötzlich nicht mehr da sein?
Es gibt Momente, in denen jemand nur knapp einem Unglück entkommt, und man denkt: Er hätte sterben können! Was haben wir uns zuletzt gesagt? War das nicht Blödsinn? Und dann wünscht man sich, sich nicht gestritten sondern stattdessen einander gezeigt zu haben, wie sehr man sich liebt. In diesen Momenten könnte man sich tatsächlich mal vornehmen: Das nächste Mal, wenn wir uns verabschieden, sagen wir uns, wie lieb wir uns haben.  

http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=dUrns4nS8vo

Kim gelingt das im Film nicht. Im letzten Gespräch mit ihrer Mutter nennt sie sie noch "Hexe."
Das ist das Schlimmste für Kim – dass sie eben nichts Schönes zu ihrer Mutter gesagt hat, als die beiden sich das letzte Mal gesehen haben. Hätte sie einen grundsätzlich guten Umgang mit ihrer Mutter gehabt, hätte sie sich neben der Trauer um sie nicht auch noch mit Selbstvorwürfen konfrontieren müssen.  

War der Umgang mit diesen schwierigen Situationen als Kim neu für dich – oder hast du selbst schon ähnliche Erfahrungen machen müssen?
Ich habe schon Ur-Oma und Ur-Opa verloren. Das hat mich sehr traurig gemacht, aber emotional nicht so extrem umgeworfen wie Kim, die mit ihrer Mutter jemanden verliert, dem sie jeden Tag sehr nah war.  

Erinnerst du dich an deine allererste Verlusterfahrung?
Klar. Ich hatte mal eine Katze, die mir sehr am Herzen lag. Ich bin mit ihr aufgewachsen. Als ich dann zehn oder elf war, ist sie gestorben. Ich war zu Hause dabei, als sie im Sterben lag, das war schon sehr schlimm für mich. Weil ich gar nicht wusste, was ich tun sollte. Weinen? Schreien? Hilft ja alles nicht. Erst später habe ich herausgefunden, dass es die schönen Erinnerungen sind, die einen in einer solchen Situation trösten können, und der Glaube, dass man sich vielleicht irgendwann irgendwo wiedersieht. Natürlich ist auch die Zeit sehr wichtig. Es braucht eine Weile, bis es weniger weh tut.  

Kim hat für sich das Schreiben als Trostbringer entdeckt. Hast du so was auch? Etwas, das du machst und das dir hilft, wenn du trauerst?
Reden. Einfach reden. Wer es kann, sollte in Trauermomenten auf jeden Fall versuchen, mit jemandem darüber zu sprechen. Mit wichtigen Menschen, denen man vertraut und bei denen man sich sicher fühlt. Ansonsten: aufschreiben! Briefe, Tagebuch, Songs, Gedichte, Geschichten. Damit es rauskommt und man es nicht einfach runterschluckt und in sich verschließt. Alles muss raus!  

Was Kim in dieser Zeit auch zu schaffen macht: Sie verliebt sich. Das ist ihr peinlich. Sie findet, sie müsste trauern, anstatt glücklich zu sein. Wie siehst du das?
Ich finde, sie sollte sich fürs Verlieben auf keinen Fall schämen. Ihre Mutter würde es doch freuen, wenn sie wüsste, dass es ihr gut geht. Verliebtsein ist ein positives Gefühl, das man immer zulassen sollte. Es hilft! Wenn man sich dagegen wehren würde, würde das niemanden weiterbringen.  

Dann kommt ihr Alex, der Reichensohn, der seine Eltern hasst und wie Kim eine Fluchtmöglichkeit sucht, ja gerade recht.
Dramaturgisch gesehen schon. Aber sie hat ihn ja auch schon vorher gesehen, in der Schule, und fand ihn eigentlich schon immer ganz süß. Nur hat er sie lange Zeit kaum beachtet. Sie muss selbst etwas tun, um ihn dazu zu bewegen, sie anzusprechen. Erst dann bekommt sie die gewünschte Aufmerksamkeit.  

Ein wenig wirkt es im Film aber auch wie Schicksal, dass gerade die beiden sich gerade in dieser schweren Zeit finden. Glaubst du an so was? Ans Schicksal?
Ich glaube zumindest, dass es sich lohnt, ans Schicksal zu glauben. Das hilft in vielen Situationen. Zum Beispiel, wenn etwas Schlechtes passiert. Dann kann man daran glauben, dass das vielleicht einen Sinn hat, und dass in jedem Schlechten auch etwas Gutes steckt. Vielleicht hat etwas Schlechtes immer etwas Gutes zur Folge! Das ist ein Lebensmotto, das ich mir immer noch versuche, anzueignen. Weil’s hilft, das Positive in den Dingen zu sehen.  

Wie hast du dieses Motto für dich entdeckt?
Ich habe einfach irgendwann gemerkt, dass es nichts bringt, sich in negative Gedanken hineinzusteigern. Klar, immer positiv denken – das ist leicht gesagt. Aber trotzdem bringt es einem viel. Man sollte versuchen, das Positive im Leben zu erkennen.

"Das Leben ist nichts für Feiglinge" läuft seit Donnerstag im Kino.

Text: erik-brandt-hoege - Foto: NFP / Bernd Spauke

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