"Wenn ich morgen aufstehe, wird Mumbai nicht mehr dieselbe Stadt sein."

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Bitte beschreibe die Situation in Mumbai im Moment. Die Situation ist weitgehend die gleiche, wie in der vergangenen Nacht, als der erste Anschlag statt gefunden hat. In den Nachrichten werden die Opferzahlen immer weiter nach oben korrigiert und es wird von den Terroristengruppen berichtet, die sich zu den Anschlägen bekannt haben. Wir können eigentlich nur abwarten, bis das alles endet. Abgesehen von diesen Ereignissen, ist es in den Vororten, wo ich lebe relativ ruhig. Hier wird versucht, zur Normalität überzugehen. Das ist wirklich komisch. Die kleinen Geschäfte haben geöffnet, die Shopping-Malls und Multiplexkinos sind hier geschlossen. Der Süden Mumbais dagegen ist komplett abgeriegelt. Dort sind nur die Polizisten, Reporter und die Terroristen auf der Straße. Wie hast du von den Geschehnissen der letzten 24 Stunden erfahren? Meine Schwester bekam einen Anruf von ihrer Freundin, die von Schießereien in Colaba erzählte. Wir schalteten gleich die Nachrichten ein. Und dann wurden wir Zeugen eines der größten Terroranschläge in Indien. Ich habe dann gleich meine Freunde angerufen, um herauszufinden, ob sie in Sicherheit sind, denn einige meiner Freunde arbeiten sogar in diesen Hotels, aber zum Glück hatten beide gestern ihren freien Tag. Heute Morgen habe ich Zeitung gelesen, aber gestern saß ich noch die ganze Nacht vor dem Fernseher. So gegen fünf bin ich dann kurz eingedöst. Als ich aufwachte war der Fernseher immer noch an und ich sah wieder dieselben schrecklichen Bilder.

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Illustration: Julia Schubert

Auf flickr.com gibt es eine Fotostrecke des Nutzers Vinu, der wenige Minuten nach dem Anschlag im Touristenviertel Colaba vor Ort war und das Szenario mit seiner Kamera dokumentierte. Was denkst du, angesichts dieser Entwicklungen in deiner Stadt? Das Wesentliche besteht für mich in der Frage: Was ist die Freiheit, von der wir so oft sprechen, noch wert? Die Vorfälle haben uns wieder zum Nachdenken darüber gebracht, wie wir unsere Stadt sehen. Es ist erschreckend zu wissen, dass die Stadt, in der du dich immer so sicher gefühlt hast, es langsam nicht mehr ist. Wie gehst du damit um? Ich weiß es nicht genau, ob ich mir wünschen soll, dass die Leute einfach weitermachen wie bisher, denn so viele haben ihr Leben verloren oder sind verletzt. Andererseits ist Mumbai auch bekannt, als eine Stadt, die nicht schläft und einfach weiter macht. Hier in den Vororten zeigt sich heute dieser Geist, sich nicht unterkriegen zu lassen. Aber ich finde das auch etwas verstörend. Wie fühlst du dich, wenn du darüber nachdenkst, dass die Terroristen angeblich auch sehr jung waren? Ich überlege, wie leicht junge Menschen zu beeinflussen sind und ich kann nicht verstehen, woher dieser Hass kommt, so viele Menschen kaltblütig zu ermorden. Ist das Mumbais 11. September? In ganz Indien haben wir so etwas noch nicht gesehen. Sicher gab es in Mumbai schon Anschläge, aber das alles wird von den Terrorakten der letzten Nacht übertroffen. Das Wahrzeichen für Mumbai - das Taj Mahal Palace Hotel - in Flammen. Die Bilder, die ich letzte Nacht im Fernsehen gesehen habe, erinnerten mich schon an das brennende World Trade Center in New York. Natürlich gab es dort viel mehr Opfer, aber ich denke die Symbolkraft ist ähnlich hoch. Jetzt schaut die ganze Welt nach Mumbai - und das Drama ist noch nicht vorbei. Was bedeutet Mumbai für dich und denkst du, dass diese Ereignisse das Gesicht der Stadt verändern werden? Mumbai hat für mich immer eine frische Brise der Freiheit bedeutet - eine liberale Stadt, in der jeder seine Meinung haben kann. Jetzt ist alles völlig unvorhersehbar und im Grunde muss ich es mir das nächste Mal überlegen, ob ich mich in ein Café setzte oder ein Einkaufscenter besuche. Wenn ich morgen aufstehe, wird Mumbai nicht mehr dieselbe Stadt sein. Wie setzt du dich als Filmemacher mit dem Problem des Terrorismus auseinander? Ich will keine eskapistischen Filme machen, wie Bollywood es tut. Und damit habe ich es schwer, denn die Leute wollen unterhalten werden, sie wollen ihrem Alltag entfliehen. Wer sieht schon gerne einen Film über einen Bombenanschlag oder über Krawalle. Ich möchte aber das alltägliche Leben in meiner Stadt zeigen. Vor dem Hintergrund der Anschlagsserie 2006 in Bombay auf einige Vorortszüge, habe ich habe einen Kurzfilm namens "Tea Break" gemacht, darin geht es um ein Gespräch zwischen zwei Freunden, während einer Teepause. Sie sehen gemeinsam einen Bericht über einen Bombenanschlag in Mumbai und geraten dann in eine Diskussion über den Terrorismus. In diesem Film geht es mir darum darzustellen, wie die Medien die öffentliche Meinung beeinflussen und durch Spekulationen manipulieren. Und das ist es, was heute auch passiert. Immer wieder dieselben schrecklichen Bilder der Terroristen von den Überwachungskameras des Hotels. Und dazu nichts als die Frage: Warum?

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