„Wenn man mit sich im Reinen ist, hat man auch guten Sex“

Gemeinsame Band trotz geschiedener Beziehung. Die Elektro-Pop Band Frida Gold aus Bochum über innere Konflikte und das offensive Zurschaustellen von Weiblichkeit.
daniel-schieferdecker
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Illustration: Julia Schubert


jetzt.de: Ihr wirkt sehr glamourös, wenn man sich eure Fotos und Videos ansieht. Euer Herkunftsort Bochum steht allerdings eher für das Gegenteil. Wie habt ihr von Bochum aus zum Glamour gefunden?
Andi: Dazu muss man wissen, dass wir zwischendurch alle mal woanders gewohnt haben, uns jedoch bewusst wieder für das Ruhrgebiet als Lebensmittelpunkt entschieden haben. Wir haben uns natürlich gefragt, wo der Puls der Zeit schlägt, aber die wichtigere Frage war eigentlich, an welchem Ort wir zu uns selbst finden. Und das ist für uns Bochum.  

Der Glamour ist also aus einer Art inneren Zufriedenheit entstanden?
Andi: Ja, ich glaube, so kann man das sagen. Das Ruhrgebiet hat uns die Ruhe, die Zeit und den Rückhalt gegeben, um uns aus uns selbst heraus zu entwickeln. Deshalb ist die Band Frida Gold auch so nah dran an jedem einzelnen von uns. Unsere Entwicklung wäre sicherlich eine andere gewesen, wenn wir in Berlin oder Hamburg gewesen wären, weil die Einflüsse von außen dort viel größer sind. So konnten wir uns jedoch viel stärker auf das konzentrieren, was in uns selbst geschlummert hat.  

Ihr habt mal gesagt, dass ihr versucht, durch euren Style die Musik zu unterstreichen, bestimmte Elemente hervorzuheben und eure Emotionen zu visualisieren. Wie sieht das konkret aus?
Andi: Allem, was wir tun, liegt natürlich eine Emotion zugrunde – und das spiegelt sich auch in unserem visuellen Erscheinungsbild wider. An unseren beiden Videos kann man ja sehr gut sehen, wie wir uns präsentieren wollen.
Alina: Wenn ich mich für die Bühne style und meine Outfits auswähle, ziehe ich mir damit eben auch ein Trikot an, das Identifikation zur Band schafft. Das schweißt uns als Mannschaft zusammen, gibt uns Kraft und wappnet uns für das, was da kommt. Das macht uns bereit für den Moment. 

Alina, bist du diejenige, die die Jungs zum Klamotteneinkauf prügelt?
Andi: Das kommt durchaus vor, ja.
Alina: Die Jungs entdecken das aber gerade für sich. Sicherlich war ich am Anfang federführend, mittlerweile probieren die aber auch selbst ganz viel aus. Gerade Andi zeigt reges Interesse und gibt sich sehr wandlungsfähig. Das Bewusstsein, dass Mode und Styling Mädchensache ist, verschwindet so langsam. In dieser Hinsicht habe ich sehr gute Arbeit geleistet (lacht). 

 http://www.youtube.com/watch?v=ZbsqG_R3ySE&feature=relmfu 

Eure erste Single heißt „Zeig mir wie du tanzt“. Da drängt sich eine Anspielung auf das „Wie ein Mann tanzt, so ist er auch im Bett“-Klischee zwangsläufig auf. Andi: Natürlich. Das Stück schwankt in dieser Hinsicht zwischen Provokation und Sinnlichkeit. Es geht darum, sich fallen zu lassen, frei zu sein und den Körper zum Spiegelbild der eigenen Seele werden zu lassen. Dafür muss niemand den Ricky-Martin-Hüftschwung auf der Pfanne haben, sondern lediglich mit sich im Reinen sein. Und wenn das der Fall ist, hat man auch guten Sex. 

Der Musikwissenschaftler Dietrich Helms hat Tanzen auch mal als unverbindliche Erprobung von Erotik bezeichnet. Seht ihr das auch so?
Alina: Ja, auf jeden Fall. Ich würde das selbst zwar nicht wissenschaftlich begründen, aber diese Erfahrung habe ich selbst auch gemacht.  

Kannst du das konkretisieren?
Alina: Ich hatte durchaus schon Begegnungen auf der Tanzfläche, die zu mehr geführt haben. Und dabei habe ich festgestellt: Wenn man auf der Tanzfläche gut miteinander harmoniert, klappt es im weiteren Verlauf des Abends auch.

Alina, du spielst in der Band sehr offensiv mit deiner Weiblichkeit und deinen Reizen als Frau. Gab es dazu mal negative Reaktionen von deiner Verwandtschaft?
Alina: Nein, gar nicht. Jeder, der mich gut kennt, der weiß auch, dass ich zu unterfüttern weiß, was ich da von mir preis gebe. Deshalb sieht auch niemand etwas Verwerfliches darin. Das ist keine Reduzierung auf meinen Körper, sondern eine Erweiterung meines Geistes. Für mich ist das etwas ganz Natürliches. Ich bin eine Frau, ich gebe mich als Frau und fühle mich sexy. Damit gehe ich offensiv um. Warum sollte ich diese Seite von mir auch verbergen?  

Alina ist die einzige Frau in der Band und für die Texte verantwortlich. Habt ihr Jungs manchmal Probleme damit, euch mit den Inhalten zu identifizieren?
Andi: Natürlich ist es nicht ganz unkompliziert, wenn eine Frau in einer Band mit drei Jungs über eine Selbstfindungsphase schreibt. Aber Alina schafft es mittlerweile, ihre Texte so zu formulieren, dass sie zwar ganz klar weiblich sind, trotzdem aber so gehaltvoll und stark, dass sie auch Identifikationsmöglichkeiten für Männer bieten. Das war uns auch wichtig, denn wir Jungs müssen uns mit ihren Texten schließlich auch wohl fühlen – und das tun wir.  

Im Stück „Verständlich sein“ geht es um den ewigen Konflikt zwischen der männlich konnotierten Rationalität und der weiblichen Emotionalität, die in einer Beziehung immer wieder aufeinanderprallen. Hat es dafür einen speziellen Anlass gegeben?
Alina: Dazu muss man wissen, dass Andi und ich ein Paar waren, als wir die meisten Songs für die Platte geschrieben haben. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Song damals wirklich aus den Konflikten unserer Beziehung heraus entstanden ist. Ich glaube, es war eher der Konflikt mit mir selbst. Der Kampf zwischen dem Gefühl, immer alles analysieren und reflektieren zu müssen, sich auf der anderen Seite aber auch davon freimachen und selbst spüren zu können. Dieses Stück bringt diese Dualität sehr schön zum Ausdruck.

Es dürfte nicht ganz einfach gewesen sein, nach einer gescheiterten Beziehung die gemeinsame Band weiterhin am Leben zu halten. Wie habt ihr das geschafft?
Andi: Wir waren bereits vor der Band ein Paar. Als wir dann mit der Musik angefangen haben, war uns klar, dass die Möglichkeit bestehen kann, dass eines von beiden auf der Strecke bleibt. Als es dann tatsächlich so kam, war es natürlich schwierig, aber wir wollten uns die Chance geben, im Bandkontext trotzdem weiter als Team zu funktionieren. Und was soll man sagen: Wir haben es geschafft.

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Illustration: Julia Schubert



"Juwel" von Frida Gold erscheint am 15.04. bei Warner Music.

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