"Wer bringt mich schon mit Erotik in Verbindung?"

Sein fünftes Album heißt "S.O.S. Save Olli Schulz" und ist gerade erschienen. Im Interview spricht der gebürtige Hamburger über Humor, Fußball und Drogen.
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Illustration: Julia Schubert


jetzt.de: Das Hamburger Abendblatt hat dich als den „Meister des Unfertigen“ bezeichnet. Ist das ein Titel, mit dem du etwas anfangen kannst?
Olli Schulz: Ja, warum nicht. Bei mir ist sicherlich nicht immer alles bis ins letzte Detail ausgearbeitet. Was jetzt nicht so schlimm ist, da spontane und unüberlegte Dinge sowieso viel spannender sind.  

Von dir stammt ja auch der Ausspruch: „Richtige Dinge zur richtigen Zeit zu tun, kommt bei mir nicht vor“
(lacht) Stimmt. Natürlich mache ich auch viele Dinge richtig, nur meistens zu einem Zeitpunkt, an dem sie gar nicht nötig wären. Sind sie dann nötig, versaubeutle ich es oft.

Warst du früher ein Klassenclown?
Ich war ein sehr launischer Klassenclown. Entweder fand ich alles richtig scheiße und habe mich total aufgelehnt oder ich war sehr freundlich zu den Lehrern. Klar habe ich schon damals sehr viel geredet, aber es gab auch sehr stille Phasen bei mir. Heute als Künstler ist das sehr ähnlich. Wenn ich am Abend kein Bock auf meine Geschichten habe, erzähle ich auch auf der Bühne nur wenig.  

Wie schaffst du es, nicht als Blödelbarde abgestempelt zu werden?
Auch wenn das völlig abgedroschen klingt, ich habe einfach mein Ding gemacht. Natürlich gab es immer wieder Leute, die gesagt haben, mach mal etwas Lustigeres oder mach mal etwas Traurigeres. Diese Stimmen habe ich schlichtweg ignoriert.  

Wie klar trennst du eigentlich die Rollen als Erotikexperte oder Schulzowski bei Neoparadise von deiner Arbeit als Musiker?
Die Trennung kommt doch automatisch. Wenn ich Erotikgedichte vorlese oder mich als Schulzowski auf dem roten Teppich betrinke, muss ich natürlich schauspielern. So etwas würde ich auf der Bühne nie tun und auch der Diddel-Mösen-Humor meiner Wursterotik wäre bei meinen Konzerten deplatziert. Alles hat aber seine Daseinsberechtigung, nur eben mit einem festen Platz.  

http://www.youtube.com/watch?v=gkeDzvw535I

Wie bist du zu neoparadise gekommen? Du hattest ja schon mal eine Talkshow im NDR und danach war es einige Zeit still um dich geworden.
Ja, das stimmt. Eigentlich wollte ich auch nach meiner NDR Erfahrung gar kein Fernsehen mehr machen. Nun kam es aber so, dass Klaas Heufer-Umlauf ein guter Freund von mir ist und quasi nebenan wohnt. Bei einem Bierchen kamen wir auf die Idee für eine Erotikkolumne und dann haben wir einfach losgelegt. Völlig absurd eigentlich - wer bringt mich schon mit Erotik in Verbindung?  

Gibt es auch kritische Stimmen von Fans zu diesen Rollen?
Klar, das gibt‘s immer. Nach meiner zweiten Platte haben alle schon gesagt, ich wäre nicht mehr Indie. Dazu kommen noch diese Leute, die einen zwanghaft einordnen müssen. Der ist Comedian oder der ist Rocker - völlig Schwachsinn. Das kriegt man aber nicht aus den Leuten raus. Bestes Beispiel dafür sind diese Kommentare unter Youtube-Videos. Wenn man die liest, könnte man denken, die ganze Welt besteht nur aus Vollidioten. Zum Glück ziehe ich mit meiner Musik nicht so viele einfachgestrickte Menschen an, weil sie nichts mit mir anfangen können. Ich bin nämlich nicht nur trauriger Singer/Songwriter oder nur lustiger Blödelbarde.  

Fehlt deshalb auf deiner Platte auch ein bestimmter Grundtenor? Für mich wirkt sie ganz stark wie ein Anekdotenmix, jetzt mal ganz wertfrei gesprochen.
Wir hatten 40-50 Songs für die Platte zur Auswahl und davon haben wir dann die 15 besten und passendsten ausgewählt. Daraus ist glaub ich eine ganz stimmige Mischung entstanden, die keiner großen Grundstimmung bedarf. Manche Lieder auf dem Album sind auch schon etwas älter, wie zum Beispiel „Halt die Fresse und krieg ein Kind“. Das habe ich vor ungefähr drei Jahren geschrieben und zwar innerhalb von drei Minuten (lacht). An anderen Songs habe ich richtig lange gewerkelt, wie zum Beispiel an „Ich dachte, du bist es.“ Wenn ich eine Idee habe, nehme ich sie auf - ein echtes Konzept steckt da meistens nicht hinter. Ich bin einfach Songwriter und schreibe über meine Umgebung - den virulenten Verfall des Parlamentarismus in Italien anzuprangern, wäre nicht so mein Fall.

http://www.youtube.com/watch?v=tDBRO3pCBpw

 Ist diese entspannte Sicht auf die Dinge ein Produkt deiner schon längeren Karriere als Musiker?
Ja, das kann schon sein. Ich finde, die Platte hat eine gewisse Lässigkeit und drängt sich nicht so stark mit Hits auf. Man merkt, dass wir mit einem Lächeln im Gesicht produziert haben. Ich fand als junger Mensch genau solche Platten gut. Ärzte-Alben transportieren für mich ein ganz ähnliches Gefühl - so etwas wie eine angenehme Belanglosigkeit. Heute versucht man, für alles krampfhaft einen Sinn zu finden. Bestes Beispiel dafür ist doch Deichkind. Das Feuilleton macht aus den Müllsäcken gleich eine Kunstform und die Texte sind angeblich Kapitalismuskritik. Warum lässt man die Jungs nicht einfach schönen Schwachsinn machen? Das würde doch völlig ausreichen.  

Kommen wir mal zu deinen Songs. Wie kam es zu dem Fußballlied „Spielerfrau“?
 Ich schaue unglaublich gerne Champions League und bei den Übertragungen werden auch gerne mal die Spielerfrauen gezeigt. Die haben alle die gleiche Frisur, tragen ähnliche Kleidung und trinken manchmal noch ein Sektchen. Das ist eben schon ein sehr spezieller Menschenschlag. Ich hatte mal das Vergnügen ein Spielerpärchen kennenzulernen. Die leben schon in einer sehr oberflächlichen Welt, in der es vor allem um Geld und Statussymbole geht. Aus meiner Sicht ist das eine aussterbende Spezis von Menschen. Wer sich heute nur über das „Starsein“ und den Glamour definiert, ist nicht mehr zeitgemäß.  

Am Ende des Liedes bietest du, der Spielerfrau ja die Chance nach Hamburg Eidelstedt zurückzukehren.
Es geht darum, dass sie ihre große Liebe für den Starfußballer verlassen hat. Der Profi konnte ihr natürlich ein viel interessanteres Leben bieten, aber tief in ihrem Herz spürt sie auch, dass sie einen Fehler gemacht hat. Das ist die kleine traurige Geschichte, versteckt in dem lustigen Song.  

Du hast auch Fußball gespielt oder?
 Ja, aber nicht sehr erfolgreich.  

Wurdest du für einen HSV-Star verlassen?
Nein, damals war ich noch viel zu jung. Ich habe erst mit dem Fußball aufgehört und dann mit den Mädchen angefangen.  

Schade, das wäre doch mal eine schöne Schlagzeile gewesen. Ein Song, der ganz ähnlich funktioniert, ist „Koks & Nutten“. Ist das auch eine Geschichte, die du so gesehen oder vielleicht sogar erlebt hast?
Ich glaube, ganz viele Bekannte von mir haben ein bisschen Inspiration für diesen Song geliefert. Der beschriebene Musiker kommt mit Drogen in Kontakt, rutscht ab in eine Scheinwelt und ist nicht verankert genug in seiner Umwelt. Diesen Typus kennt man in der Musikbranche zu Genüge und entsprechend krasse Reaktionen habe ich auch schon von Kollegen bekommen. Ein Musiker hat mich sogar gefragt, ob der Song explizit von ihm handeln würde. Ich erkenne also in diesem Lied mindestens zehn Musiker, mich eingeschlossen.  

Sind „Koks & Nutten“ ein Musiker-Problem?
Ich glaube schon. Es ist sehr schwer, als junger und vielleicht noch erfolgreicher Musiker seine Unschuld und Kreativität zu bewahren. Frauen liegen einem zu Füßen und Stoff gibt es an jeder Ecke - vielen Kollegen aus meiner Generation ist das zum Verhängnis geworden. Ich hatte da Glück. Ich habe mit 27 Jahren meine erste Platte aufgenommen und war schon zu alt für richtig harten Rock‘n‘Roll. Die wilde Zeit fand für mich eher noch als Roadie statt, allerdings nie mit einem Drogenproblem oder zu vielen Frauengeschichten  

Aber heute gibt es diese Probleme in der Musikindustrie kaum noch oder? Tim Bendzko mit Drogen und wildem Sex in Verbindung zu bringen, fällt mir überaus schwer.
 Ja, das glaube ich auch. Die Bands von heute sind sehr viel bürgerlicher als früher. Ich nehme in Berlin im Transporterraum auf, dort haben auch KIZ und Kraftklub nebenan aufgenommen. Das sind alles sehr höfliche Menschen, die überhaupt nicht den Anschein erwecken als wären sie krass drauf. Das ist kein Vorwurf. Ähnlich sieht es auch im Fernsehen aus. Joko und Klaas zum Beispiel dagegen sind echt die Lieblinge aller Schwiegermütter. Das sind keine Rock‘n‘Roll-Typen im klassischen Sinne, aber das ist auch gut so. Mir scheint es, als wäre die junge Generation einfach viel vernünftiger und hat erkannt, dass es nichts bringt, sich das Gehirn weg zu kiffen.

Text: birk-grueling - Foto: Heiko Richard

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