Wer schön sein will, muss...

Carolin Schmitz interessiert sich eigentlich nicht für Schönheit. Dennoch hat sie einen Film darüber gemacht. Ein Interview über Schönheitsideale, sozialen Druck und Anal-Bleaching.
daniel-schieferdecker

jetzt.de: Wie lautet deine persönliche Definition von Schönheit?
Carolin Schmitz: Das ist von tausend Faktoren abhängig: Von meiner Tagesform, von der Tagesform anderer, das kann ich nicht definieren. Ich sehe mir zwar gerne Schönes an, aber sonderlich interessieren tut es mich eigentlich nicht.

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Illustration: Julia Schubert



Warum hast du dann einen Film darüber gemacht?
„Schönheit“ ist ein Film über Lebensentwürfe. Mich interessiert es, wie Menschen ihre Umwelt gestalten – sowohl im öffentlichen wie auch im privaten Raum, weil man dadurch viel über diese Menschen, aber auch über eine Gesellschaft und ihre Utopien erfahren kann. Eine ästhetische Operation ist, weil es "nur" um Ästhetik geht, ein bewusst gestaltender Akt und hat gleichzeitig einen existenziellen Rang, weil der Körper dafür verletzt wird. Diese OPs dienen im Film als eine Art Startpunkt zu einer Reise durch die Lebenswelten verschiedener Menschen.

Schönheit ist ja immer auch eine Frage des persönlichen Geschmacks. Wer bestimmt denn überhaupt, was schön ist?
Das ist eine sehr offene Frage, die man sicherlich aus vielen Perspektiven heraus angehen könnte. Ich beschränke mich darauf, festzustellen, dass in meinen Filmen immer zunächst die Annahme gilt, dass die Menschen Autoren ihres eigenen Schicksals sind. Der Zuschauer muss allerdings seinerseits entscheiden, ob diese Annahme der Autonomie im Einzelfall gerechtfertigt war.

Warum ist „Schönheit“ heutzutage ein so wichtiger Faktor in sämtlichen Lebensbereichen geworden? Oder war das immer schon so?
Fast jeder Artikel über Schönheit oder Schönheitsoperationen fängt ungefähr so an: „Die Sehnsucht nach Schönheit ist so alt wie die Menschheit.“ Und wahrscheinlich stimmt das.  

http://www.youtube.com/watch?v=59LcYqGRMys  

Einer der Protagonisten sagt in deinem Film, er sei es sich und seiner Umwelt schuldig gewesen, sich operieren zu lassen. Wie stehst du zu dieser Aussage? Gibt es eine gesellschaftliche Pflicht zur Schönheit?
Eigentlich müsste die Frage heißen: Gibt es eine gesellschaftliche Pflicht zur Selbstoptimierung? Ich glaube nicht, dass es diese Pflicht gibt. Aber ich glaube, dass es einen immer stärker werdenden Trend gibt, Störendes zu korrigieren, und dass derlei Korrekturen immer selbstverständlicher werden, zumal permanent an einer Verbesserung entsprechender Methoden gearbeitet wird. Ob man schon von dem einst beschworenen "Machbarkeitswahn" sprechen muss, kann ich nicht abschließend sagen.  

Wo hast du die Protagonisten deines Films gefunden?
Die meisten Protagonisten habe ich über ihre Ärzte gefunden. Denen habe ich erklärt, worum es mir geht und war dann auf ihren guten Willen angewiesen, den Kontakt zu ihren Patienten aufzunehmen, weil die deren Daten natürlich nicht einfach an mich herausgeben konnten. Da gab es viel Hilfsbereitschaft.  

War es schwierig, Menschen zu finden, die offen über ihren „Schönheitsfimmel“ sprechen wollen?
Als ich nach Protagonisten gesucht habe, war klar, dass ich Menschen brauche, die eine gewisse Lust an der Selbstdarstellung haben. Danach habe ich gezielt gesucht. Ich habe allerdings auch mit Menschen gesprochen, die mir von ihrer Situation erzählt und gleichzeitig betont haben, dass sie das nie öffentlich sagen würden. Für viele Menschen sind ästhetische Eingriffe nach wie vor ein Tabuthema.  

Du sprichst es gerade selbst an: Schönheitschirurgie wird zwar immer mehr zur Normalität, ist aber dennoch verpönt. Wie ist deine Einstellung zu der moralischen Frage nach dem Eingriff aus ästhetischen Gründen in die Natur?
Aus meiner Sicht sollte sich jeder nach Neigung operieren lassen. Moralisch habe ich da keine Bedenken.  

Nahezu alle beteiligten Personen betonen, dass sie die OP für sich und nicht für andere gemacht hätten. Ist das nicht Selbstbetrug?
Wie gesagt: Ich arbeite mit der Vermutung, dass es selbstbestimmte Entscheidungen gibt. Natürlich entsteht hier aber ein interessantes Spannungsfeld. Es geht den Protagonisten offensichtlich nicht darum, den ganzen Tag alleine vor dem Spiegel zu stehen und ihre Schönheit nur für sich selbst zu genießen. Ich habe versucht, im Film verschiedene Arten aufzuzeigen, sich selbst durch das Territorium zwischen Narzissmus und Ich-Auflösung zu navigieren.

Grund für Schönheits-OPs ist häufig sozialer Druck aufgrund aktueller Schönheitsideale, dem manch einer nicht standhalten kann. Wäre es statt einer OP nicht ratsamer, an seinem Selbstvertrauen zu arbeiten?
Ich bin mir nicht sicher, ob diese Aussage stimmt, und möchte mir grundsätzlich kein Urteil über das Ausmaß der psychischen Belastung auf Grund von körperlichen Merkmalen herausnehmen, dem manche Menschen ausgesetzt sind. Ich habe aber durchaus auch Leute getroffen, die ohne OP genauso gut gelebt hätten, die es operiert aber einfach besser finden.  

Interessanterweise würde man über kaum einen der Protagonisten im Film landläufig sagen, dass er schön sei. Ist das ein Beleg dafür, dass die es daher nötig haben?
Landläufig fällt der Großteil der Menschheit nicht unter die Kategorie „schön“. Ich würde deshalb nicht sagen, dass es alle nötig haben. Die, die es für nötig halten, machen es, wenn sie es können. Egal wie sie aussehen.  

Schönheit ist ja vor allem eine optische Angelegenheit. Im Film ist aber auch die Rede von Eingriffen wie dem Aufspritzen des G-Punktes oder Anal-Bleaching. Bewertest du solche Eingriffe anders als „offen sichtbare“?
Ich fand diese Eingriffe deshalb erwähnenswert, weil sie etwas über das Ausmaß der Möglichkeiten erzählen. Ob sichtbar oder nicht, spielte dabei keine Rolle. 

Eine Schönheitschirurgin im Film sagt, was sie tue, sei Kunst. Siehst du das auch so?
Ich würde es nicht als Kunst bezeichnen, eher als Kunsthandwerk. Ein Gespür für Proportionen ist bei manchen OPs auf jeden Fall von Vorteil.  

Jede OP birgt Risiken, die offensichtlich aber von sehr vielen Menschen in Kauf genommen werden. Wie ist deine Einstellung dazu?
Die Risiken sind wohl der Grund, dass ich selbst von ästhetischen Operationen absehe. Für den Film hat es mich aber sehr interessiert, da ich wissen wollte, wie Menschen, die dieses Risiko auf sich nehmen, ihr Leben sonst noch gestalten.

Oft folgen nach einem ersten erfolgreichen schönheitschirurgischen Eingriff weitere. Haben derlei Formen der Perfektionierung des eigenen Körpers Suchtpotenzial?
Bei den Menschen in „Schönheit“ sind die Eingriffe gelungen. Und alle haben bestätigt, dass die Hemmschwelle für weitere Eingriffe sinkt. Oft wird der Drang allerdings durch die finanzielle Situation reguliert.

Das ist ein weiterer Punkt: Schönheits-OPs sind teuer. Sind sie demnach ein Privileg der Reichen?
Die meisten Protagonisten in „Schönheit“ würde ich nicht als reich bezeichnen, sondern als solide mittelständische Bürger. Viele von ihnen haben für eine OP Geld gespart. Natürlich sind solche OPs keine basisdemokratische Angelegenheit. Aber das Klischee, dass nur Reiche sich operieren lassen, ist falsch.  

Beispiel High Society: Die meisten vielfach operierten Menschen sehen furchtbar aus, und ich habe auch noch nie jemanden getroffen, der der Meinung war, aufgespritzte Lippen sähen gut aus. Worin liegt dieser offenbar vorhandene Unterschied in der Wahrnehmung und Bewertung eines solchen Eingriffs?
Was gut aussieht oder nicht, liegt immer im Auge des Betrachters. Aus eigener Anschauung kann ich sagen, dass Eingriffe, die offensichtlich sind, oft eine merkwürdige Anmutung haben. Es gibt aber Eingriffe, die man nicht sieht, die den behandelten Menschen aber tatsächlich besser aussehen lassen. Über diese Eingriffe wird aber öffentlich nicht geredet. Es weiß ja niemand.

"Schönheit" von Carolin Schmitz läuft seit dem 4. Oktober im Kino.

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