„Wer sich nicht meldet, wird trotzdem aufgerufen“

Andrea hat den Deutschen Lehrerpreis 2010 gewonnen - im Interview spricht sie über gelangweilte Schüler und das schlechte Image ihres Berufs.
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Informativer und unterhaltsamer Unterricht, großes Wissen, Spaß, Leidenschaft, Verantwortung und Vertrauen: All das bescheinigten die Realschüler aus Niederstetten in Baden-Württemberg ihrer Lehrerin Andrea Daßing und schlugen die 29-Jährige für den Deutschen Lehrerpreis 2010 vor. Der Deutsche Philologen-Verband hat sie als jüngste von 17 Preisträgern ausgezeichnet. jetzt.de hat Andrea in Slowenien angerufen, wo sie derzeit im Auslandsschuldienst unterrichtet. jetzt.de: Andrea, du hast dich beim Deutschen Lehrerpreis als 29-Jährige gegen viele ältere Kollegen durchgesetzt. Ist das ein Armutszeugnis für Deutschlands etablierte Lehrer?
Andrea Daßing: Nein, auf keinen Fall. Meine persönliche Erfahrung ist, dass ein Lehrerkollegium eine Mischung aus Jungen und Älteren braucht. Ich war jedenfalls immer sehr froh, wenn ich mir Rat von älteren Kollegen holen konnte. Und dass ausgerechnet eine junge Lehrerin wie ich ausgezeichnet wurde, hat mit dem großen Glück zu tun, dass meine Schüler in mir eine so engagierte Lehrerin gesehen und mich für den Preis vorgeschlagen haben. Warum, glaubst du, haben dich die Schüler vorgeschlagen?
Ich glaube, es hat ihnen gefallen, dass ich auch abseits des Unterrichts mit den Schülern gesprochen habe. Außerdem habe ich immer versucht, nicht nur Dinge zu vermitteln, die in den Lehrbüchern stehen. Denn trotz der Vorgaben durch den Lehrplan gibt es ja Möglichkeiten, aktiv und kreativ zu sein.
Warum bist du Lehrerin geworden?
Nach dem Abitur wusste ich eigentlich gar nicht so richtig, was ich studieren soll. Wegen meiner Begeisterung für das Fach Deutsch bin ich letztlich beim Lehramtsstudium gelandet. Es gibt Zahlen, wonach sich jeder vierte Lehramtsstudent aus bloßer Verlegenheit für diesen Beruf entscheidet. Es klingt ein bisschen so, als gehörst du auch dazu.
Nein, Verlegenheit war es bei mir nicht. Denn ich habe schon lange vor meinem Studium Kinder- und Jugendarbeit gemacht. Nur gehöre ich einfach nicht zu denjenigen, die schon mit Fünfzehn wussten, dass sie mal Lehrer werden wollen.
Hast du im Rückblick auf deine eigene Schulzeit eher von den Fehlern oder den Qualitäten deiner Lehrer gelernt?
Eindeutig mehr von den Qualitäten. Aber klar hatte ich auch weniger gute Lehrer, denen im Unterricht eine klare Struktur gefehlt hat. Wie wichtig diese Struktur ist, habe ich als Schülerin selbst gemerkt: In der Oberstufe war da plötzlich ein Mathelehrer, der unheimlich systematisch vorgegangen ist - und prompt war Mathe für mich kein Problem mehr.

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Illustration: Julia Schubert

Andrea unterrichtet in den Fächern Deutsch, Religion und EWG (kurz für Erdkunde, Wirtschaft und Gemeinschaftskunde)  An welche Negativbeispiele erinnerst du dich?
Ich fand es als Schülerin abschreckend, wenn ein Lehrer die ganze Stunde lang geredet hat und der Unterricht nur mit drei Schülern stattfand, die sich tatsächlich für das Thema interessiert haben. Der Rest der Klasse saß währenddessen gelangweilt da oder hat sich anderweitig beschäftigt, um die Stunde rumzukriegen.
Aber ist es denn überhaupt möglich, alle Schüler gleichermaßen zu begeistern?
Es ist natürlich schwierig, weil jeder Einzelne andere Interessen und Lieblingsfächer hat. Aber wenn Schüler die Möglichkeit haben, aktiv und selbständig mitzuarbeiten, anstatt immer nur dem Lehrer zuzuhören, dann kann sich durchaus Begeisterung entwickeln. Trotzdem ist mir natürlich klar, dass es immer Schüler gibt, die sich dem Unterricht entziehen, weil sie einfach keine Lust haben. Manchmal verstehe ich das ja auch, denn die Interessen sind eben verschieden. Ich hätte zum Beispiel auch meine Schwierigkeiten, mich für Atomphysik zu begeistern.
Bist du eine strenge Lehrerin?
Ich würde es nicht streng nennen, sondern konsequent. Denn manche Dinge muss ich einfach von den Schülern einfordern. Wer sich also nicht von sich aus meldet, der wird von mir trotzdem aufgerufen.
In Deutschland wird oft beklagt, dass viele Lehrer früher nur durchschnittliche Schüler waren. Darf ich nach deiner Abiturnote fragen?
2,0.
Findest du es bedenklich, dass die Jahrgangsbesten heute nur selten Lehrer werden möchten?
Ich finde nicht, dass es auf die Note ankommt. Wenn jemand das Abitur mit 1,0 abschließt, bedeutet das ja nicht, dass er gut mit Kindern und Jugendlichen arbeiten kann. Viel entscheidender ist es doch, dass man gegenüber den Schülern Respekt empfinden kann.
Warum haben Lehrer in Deutschland kein besonders gutes Image?
Vielleicht liegt es daran, dass die Medien eher über negative Einzelbeispiele berichten als über diejenigen Lehrer, die tagtäglich gute Arbeit leisten. Ich habe einige Kollegen, die unglaublich engagiert und innovativ sind und die den Deutschen Lehrerpreis eher verdient hätten als ich.
Wo liegen die Qualitäten der Lehrer deiner Generation?
Viele von uns sind mit den neuen Medien groß geworden und haben deshalb mehr Bezug zu den Schülern. Das ist sicher eine Stärke meiner Generation. Andererseits frage auch ich inzwischen schon die Schüler um Rat, wenn ich ein neues Handy brauche.
Derzeit bist du in Slowenien tätig. Was machst du dort?
Ich hatte mich für den Auslandsschuldienst in Osteuropa beworben, weil in diesen Ländern gerade eine ganz besondere Aufbruchstimmung herrscht. Letztlich bin ich in Slowenien gelandet und unterrichte hier Deutsch an einem Gymnasium in Maribor.
Du hast bis vor kurzem an einer eher ländlichen Realschule unterrichtet. Würde dich auch eine Brennpunktschule in der Großstadt reizen?
Ich bin ein Mensch, der sich in ländlichen Gegenden sehr wohl fühlt. Aber vielleicht ändert sich das ja in ein paar Jahren. Im Moment brauche ich aber keine Großstadt um mich herum.


Text: andreas-glas - Foto: Privat

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