Wie ein besetztes Haus Dänemarks Jugend politisiert

Im März brannten nach der gewaltsamen Räumung eines besetzten Hauses Kopenhagens Straßen. Ein halbes Jahr später kam es erneut zu Ausschreitungen. Dass jedoch auch friedlich demonstriert wurde, wurde kaum berichtet. Jetzt.de sprach mit Carsten Bo, 45, einem der Organisatoren des Protests.
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Carsten, was genau habt Ihr in dieser Woche bereits getan? Seit letztem Donnerstag finden in Kopenhagen Veranstaltungen statt, die gegen den Abriss des Ungdomshuset Jugendhauses Anfang März protestieren. An jedem Tag gibt es verschiedene Aktionen. Am Montag haben wir zum Beispiel einen Anti-Kommerz Tag organisiert. In der Fußgängerzone gab es eine große Versammlung mit Zelten, Infoständen und Workshops. Dort wurden die Leute auch über leer stehende Häuser informiert, die sie besetzen können. In Kopenhagen gibt es sehr viele junge Leute, die es sich nicht leisten können, in der Stadt zu wohnen. Gleichzeitig gibt es sehr viele Häuser, die ursprünglich als Bürogebäude geplant waren und nun seit langer Zeit leer stehen. Natürlich ist es illegal, Häuser zu besetzen - wir haben den Leuten nur gesagt, wo die Häuser stehen. Ich hörte einige Jugendliche, die darüber sprachen, es zu tun, aber ob es wirklich passiert weiß ich nicht. Das war aber nur eine unserer Aktionen gestern. In einem anderen Zelt konnten sich Passanten einen Aktivisten „ausleihen“, der ihnen von unseren Plänen und Gründen in einer persönlichen Atmosphäre erzählte. Das kam sehr gut an. Wie ist die Haltung der Allgemeinheit gegenüber eurer Bewegung? Wir bekommen schon die ganze Woche sehr hohe und sehr positive Resonanz. Natürlich sind die Leute nicht glücklich, wenn Geschäfte angezündet werden. Aber sie verstehen, dass viele Leute wütend über den Verlust des Hauses sind. Leider ist es wie immer – die Presse berichtet nur über die Szene, wenn es wieder Ausschreitungen gibt. Am Samstag war die Räumung ein halbes Jahr her und in all der Zeit haben wir jede Woche drei oder vier Aktionen gemacht, die vollkommen gewaltfrei abliefen. Darüber wurde aber nicht berichtet. Jeden Donnerstag gab es eine Demonstration, die sogar in den Sommerferien, bei strömendem Regen oder während des Roskilde Festivals von mindestens 300 Leuten besucht wurde. Seit den Ereignissen im März gibt es eine große alternative Bewegung. Mittlerweile verkaufen viele Läden Klamotten mit unserem Logo, der 69 aufgedruckt, aber dafür haben wir nie Geld gesehen. Für viele Leute ist der Protest eben nur eine Mode. Wir haben damit angefangen, um die Bewegung zu finanzieren. Der Mainstream übernimmt unsere Symbole, wie es schon oft passiert ist. Warst du oft im Ungdomshuset? Ja, ich war von Anfang dabei, als wir es Mitte der Achtziger bekamen. Mittlerweile waren auch meine Kinder oft dort. Das ist natürlich ein extra Ansporn, mich dafür zu engagieren, dass es einen Ersatz gibt.

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Illustration: Julia Schubert

Szenen vom 30.August, als 2000 Demonstranten für ein neues Jugendhaus auf die Straße gingen. Mit Dank an Modkraft.dk Am morgigen Donnerstag ist der letzte Tag der Aktionswoche – was habt Ihr vor? Wir haben die ganze Woche verschiedene Thementage veranstaltet. Am Dienstag gab es eine Antisexismusveranstaltung, heute ist Kulturtag – wir montieren Boxen auf ein paar Trucks und beschallen damit die Stadt. Wenn wir kein Haus haben, leben wir unsere Kultur eben auf der Straße aus. Am letzten Tag wird es eine große Demonstration geben, die von 69 verschiedenen Orten in Kopenhagen startet. Dann ziehen wir zuerst nach Norrebro, dem Viertel, in dem das Ungdomshuset stand und später vor das Rathaus, wo es eine Kundgebung geben wird. Der Protest vereinigt verschiedene alternative Szenen, wie ist die Verständigung innerhalb der Bewegung? Der Vorfall um das Ungdomshuset versammelt die verschiedenen alternativen Gruppen um ein gemeinsames Ziel. Ich bin seit langer Zeit dabei, und habe die Entwicklung beobachtet. Meiner Meinung nach war die Bewegung noch nie so groß wie im Moment. Von welchem Ziel sprechen wir genau? Ein Ersatzhaus ist das Minimum, denn vor zwei Jahren wurde bereits ein besetztes Haus geräumt. Damals sagte die Stadtregierung den Besetzern zu, dass Ersatz gestellt wird, wenn sie protestfrei abziehen. Das ist jedoch nie geschehen. Es geht uns aber auch um die Möglichkeit, Plätze zu haben, an denen wir uns vom Mainstream absetzen können. Das wird immer schwieriger - der Freistaat Christiania wird mehr und mehr normalisiert. Mittlerweile gibt es sogar Touristenführungen durch diesen Stadtteil. Auch zum Platz wo früher das Ungdomshuset stand, fahren inzwischen Touristenbusse Für wie groß hältst Du die Chancen, dass die Stadt einlenkt? Das ist schwierig zu sagen. Verständlicherweise ist Ritt Bjerregaard (die Bürgermeisterin von Kopenhagen, Anm. d. Red.) nicht erfreut, dass es immer wieder Straßenkämpfe in ihrer Stadt gibt. Ich denke, dass sie nicht einlenken kann, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Das wäre wohl politischer Selbstmord. Sie äußert sich normalerweise auch nicht zu diesem Problem, es sei denn, es gibt gewaltsame Ausschreitungen. Der friedliche Protest wird nicht kommentiert. Seit einiger Zeit gibt es nun eine Gruppe, die sich G13 nennt. Sie haben vor, ein Haus zu besetzen, um einen Ersatz zu schaffen. Allerdings kündigen sie ihren Plan zum ersten Mal davor an. Damit geben sie der Stadt die Möglichkeit, einen Dialog zu starten und sich mit der Bewegung auseinander zu setzen. Wenn das nicht geschieht, dann werden sie es natürlich ohnehin tun. Ich glaube, dass das eine sehr große Aktion wird, viele Leute sind schon sehr gespannt. Vor kurzem habe ich mit einigen Leuten gesprochen, die sagten, dass sie eine Art Training im Hausbesetzen durchführen. Die Leute sollen lernen, sich gewaltfrei durchzusetzen. Was hältst du persönlich von den Krawallen? Ich verstehe, dass die Leute wütend sind. Ich sage nicht, dass ich dafür bin, aber ich kann es verstehen. Das einzige Problem ist, dass von Seiten der Medien, der Polizei und der Politik immer nur von Halbstarken gesprochen wird, die Ärger suchen. Das ist aber nicht der Fall. Es gibt Leute aller Altersklassen und unterschiedlicher Bildung, die einen für sie sehr wertvollen Platz verloren haben. Schaden die Ausschreitungen nicht dem Ruf der Bewegung? Die Leute, die schon immer gegen das Haus waren, interessiert das sowieso nicht. Wir kriegen sehr viel Sympathie aus der Bevölkerung. Ich war am Samstag dabei und habe viele Anwohner und Leute aus Norrebro getroffen, die sagten, dass sie uns verstehen. Was passiert im März 2008, zum Jahrestag der Räumung? Wir feiern eine große Party, weil wir bis dahin ein neues Jugendhaus haben werden.

Text: michael-moorstedt - (Fotos: Mark Knudsen, Monsun)

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