Wie wählen Unis ihre Studenten aus?

Seit dem Wintersemester 2005/2006 dürfen deutsche Universitäten ihre Studenten per Auswahlverfahren selbst aussuchen. Ein Recht, für das viele Hochschulen lange gekämpft haben. Doch seit Anfang des Jahres wird kritisiert, dass sich am Auswahlverfahren per Numerus Clausus, also über den Abi-Schnitt, nichts geändert hat. Hannah Leichsenring von CHE Consult, dem Centrum für Hochschulentwicklung, beschäftigt sich mit verschiedenen Auswahlverfahren und berät Hochschulen. Im März diesen Jahres organisierte sie eine Konferenz zum Thema „Auswahlverfahren an Hochschulen“ mit, die gemeinsam von Einstieg und dem CHE durchgeführt wurde.
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Illustration: Julia Schubert

In welchen Fächern gibt es die hochschuleigenen Auswahlverfahren denn überhaupt? Generell kann man sagen, dass Auswahlverfahren nur da stattfinden, wo es mehr Studienbewerber als Studienplätze gibt. Die Auswahlverfahren gibt es dort, wo vorher ein lokaler NC die Bewerberzahlen verringert hat. Die These ist eben, dass Auswahlverfahren, zum Beispiel anhand einzelner Noten, eines Tests, eines Motivationsschreibens, einer Berufsausbildung, aber auch eines persönlichen Gesprächs, besser sind, als eine reine Studienplatzvergabe anhand des Abi-Schnitts und Wartesemestern. Trotzdem wird der Abitur-Durchschnitt weiterhin wichtigster Bestandteil der Studentenauswahl bleiben, da er definitiv ein zuverlässiger Indikator für guten Studienerfolg ist. Nur eben nicht der einzige. Was sind denn die beliebtesten Fächer? Das ist schwierig einzuschätzen. Es gibt zeitgenössische Trends, die sich schwer voraus sagen lassen. Des Weiteren gibt es ja nicht an jeder Uni gleich viele Bewerber auf gleich viele Studienplätze im gleichen Fach. Psychologie erfreut sich immer großer Beliebtheit, wird aber nicht an jeder Universität und an Fachhochschulen gar nicht unterrichtet. BWL hingegen wird sowohl von Unis als auch FHs angeboten, ist aber wegen dem besonders hohen Andrang trotzdem mancher Orts zulassungsbeschränkt. Architektur ist ein weiteres Studienfach, das besonders gefragt ist. Kein Land bildet so viele Architekten aus wie Deutschland, während inzwischen händeringend nach Bauingenieuren gesucht wird. Es wurde Kritik laut, dass der NC immer noch eine zu große Rolle bei der Auswahl spielt, obwohl die Unis jetzt auch andere Möglichkeiten haben. Was hat sich seitdem an der Studienplatzvergabe geändert? Die Auswahlverfahren unterscheiden sich nicht nur von Hochschule zu Hochschule, sondern auch von Studienfach zu Studienfach. Es gibt keine allgemeinverbindliche Verordnung dafür, wie eine Auswahl zu treffen ist. Die Berliner Charité beispielsweise hat immer schon einen hohen NC auf dem Medizinstudium. Und deshalb haben sie natürlich viele Bewerber mit brillantem Einser-Abiturdurchschnitt. Um auch Abiturienten mit etwas schlechterem Abischnitt eine Chance auf einen Studienplatz zu geben, hat die Charité Auswahlgespräche eingeführt. Andere Medizinfakultäten machen das nicht, weil sie glauben, dass der Aufwand sich nicht lohnt. Für das Studienfach Psychologie wird gerade ein Test entwickelt, der dann für jede Uni gelten soll. Ähnlich wie beim Medizinertest soll den psychologischen Fakultäten so die Möglichkeit gegeben werden, die Studierfähigkeit ihrer zukünftigen Studenten zu prüfen. Durch den Medizinertest, der vor einigen Jahren eingestellt wurde, waren tatsächlich bessere Vorhersagen über die Studiumseignung möglich. Allerdings verringerte sich gleichzeitig die Zahl der Studienplatzbewerber, so dass sich wieder die Frage nach Aufwand und Nutzen stellte. Was erhoffen sich die Unis von eigenen Auswahlverfahren? Das Ziel ist es die Zahl der Studienabbrecher und Langzeitstudenten zu verringern – und das bedeutet auch, einem geeigneten Studenten nicht durch einen späteren Abbrecher den Platz wegnehmen zu lassen, nur weil der eine bisschen bessere Abinote hatte. Dafür ist es erst einmal notwendig, die Bewerber besser zu informieren. Das ist ein wichtiger Aspekt des Verfahrens. Daneben hoffen viele Unis, sich durch ihre eigene Auswahlmethode bei angehenden Studenten profilieren zu können, das heißt ein Bewusstsein dafür zu schaffen, warum man ein Fach an dieser oder jener Uni studieren sollte. Ein BWL-Studium unterscheidet sich von Hochschule zu Hochschule erst einmal nicht dramatisch. Einige Hochschulen versuchen, sich mit ungewohnten Fächerkombinationen oder Zusatzqualifikationen zu profilieren und dafür mit ihrem Auswahltest speziell geeignete Studienanfänger zu finden. Für den Bewerber heißt das im Prinzip, dass er beim einen Studiengang nicht genommen wird, weil seine Abiturnote nicht gut genug ist, dass er aber an einer anderen Hochschule einen Studienplatz bekommt, weil er z. B. neben der Schule einen interessanten Job gemacht hat und ihm das im Auswahlverfahren angerechnet wird. Gibt es Hochschulen, die bei den Auswahlverfahren besonders fortschrittlich sind? Bisher gibt es Auswahlverfahren unter anderem bei kleineren Spezialstudiengängen mit viel zu vielen Bewerbern. Mittlerweile werden aber an einigen Universitäten Verfahren erarbeitet, die für die ganze Hochschule gelten sollen und für die die Studiengänge jeweils fachspezifische Module beisteuern. So ist das zum Beispiel an der Universität Freiburg geplant. Bei den meisten dieser Auswahlverfahren spielt das Prinzip der „Selbstauswahl“ eine große Rolle. Den Bewerberinnen und Bewerbern soll genügend Gelegenheit geben werden, sich genau mit den Inhalten ihres gewählten Studienfachs auseinander zu setzen. Das können bspw. Motivationsschreiben sein, die der Bewerbung beigelegt sein müssen, in denen sich ein angehender Student mindestens eine halbe Stunde damit auseinandersetzt, warum er oder sie sich für dieses Studienfach geeignet hält. Das führt zu einer Art der Selbstkontrolle. Eine andere Idee ist das immer beliebter werdende Borakel der Uni Bochum, einem Online-Test zum Erfragen des eigenen Karrierewunschs und möglichen Studiengängen. Man nimmt sich etwa eine Stunde Zeit für den Online-Test, dann bekommt man ein Dokument, in dem die Ergebnisse ausführlich erläutert werden. Danach kann man selbst besser beurteilen, wo die eigenen Talente liegen und dementsprechend, wofür man sich bewirbt. Es gibt auch Tests für bestimmte Fächer, oft unter dem Begriff Self-Assessment, also Selbst-Einschätzung. Da es offensichtlich eher kompliziert ist, sich über die jeweiligen Auswahlverfahren zu informieren, können Sie einen Tipp geben, wo man sich als Studienanfänger am besten informiert? Am wichtigsten ist es, sich erst einmal über die Studiengänge, für die man sich bewerben will, zu informieren. Die Idee von Auswahlverfahren ist ja, dass jemand, der sich besonders für ein Studienfach interessiert und möglicherweise auch schon Vorerfahrung hat, den entsprechenden Test auch gut besteht, weil er oder sie eben für dieses Studienfach geeignet ist. Es gibt immer wieder Informationsveranstaltungen an den Hochschulen, z. B. den Tag der offenen Tür, es gibt Messen wie die Einstieg Abi Messe, wo sich Studiengänge vorstellen, und viele Hochschulen machen auch Informationsveranstaltungen an den Gymnasien. Das sollte man nutzen! Wenn man in etwa weiß, was man studieren will, gibt es viele Möglichkeiten. Die Zentrale Studienberatung der Hochschulen kann einem bei allem weiterhelfen. Einem Noch-Nicht-Studenten würde ich aber vor allem die Fachschaften als Informationsquelle empfehlen. Das sind Studenten, die in ihrer Fakultät in Kommissionen sitzen oder auch Partys für die Fakultät organisieren. Die bieten oft auch eine Fachstudienberatung an, und können einem sozusagen „aus dem prallen Leben“ erzählen, wie das so ist mit dem Studium.

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