Willst du bei einer Marsmission dabei sein? Die ESA sucht 12 Freiwillige

Wer den ultimativen Ferienjob sucht und 500 Tage lang gutes Geld verdienen will, kann sich bei der ESA (European Space Agency) als
anna-tillack

Die European Space Agency sucht 12 Freiwillige, die bereit sind, an einer simulierten Marsmission teilzunehmen. Was kommt in diesem Experiment auf die Versuchskaninchen zu? Sie müssen 500 Tage in der Simulationsanlage wohnen, sich verstehen und die Arbeiten so erledigen, als ob sie zum Mars fliegen würden. Sie müssen die Kommunikation regeln, die Lebenserhaltungssysteme in Ordnung halten, schauen, dass alles funktioniert, dass genügend Sauerstoff da ist, nicht zuviel Kohlendioxyd. Außerdem werden ein paar Gewächse gepflanzt, damit die Versuchspersonen wissen, wie es ist, sein Essen selber zu pflanzen. Die Anlage ist wie ein Raumschiff ausgelegt und steht schon seit 20 oder 30 Jahren in Moskau. Immer wieder werden dort solche Großstudien durchgeführt, diesmal mit weltweiter Beteiligung.

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Illustration: Julia Schubert

Wie sieht denn ein Tagesablauf in so einer Anlage aus? Natürlich frühstücken die Leute morgens gemeinsam, dann gibt es ein Briefing, in dem entschieden wird, was die Leute tagsüber machen sollen. Das reicht von Medizin, zum Beispiel gegenseitigem Blutabnehmen und Leistungstests, über Forschungsaufgaben, bis hin zu Arbeiten am Computer, Reparaturen und Forschung am menschlichen Körper oder an Geräten. Da man die Schwerelosigkeit auf der Erde nicht simulieren kann, werden die Leute normal schlafen und ihre normale Kleidung tragen. Aber das ist auch nicht der Hauptaspekt für solche Experimente. Man simuliert die Marsmission in erster Linie wegen der Psyche und man beobachtet dann von Außen, in welchen Situationen sich zwischenmenschliche Schwierigkeiten anbahnen, wie man das vorhersagen und was man dagegen tun kann. Konnte man da nicht schon viel von "Big Brother" lernen? Erstens haben Wissenschaftler keine Zeit, sich solche Dinge anzusehen, wissen also wenig über diese Aktivitäten. Zweitens sind die Persönlichkeitsmerkmale von Teilnehmern an solchen Sendungen sicher sehr unterschiedlich von denen von Studienteilnehmern. Drittens gibt es kein wissenschaftliches Studiendesign, man wird also schwerlich fundierte Aussagen über die Physiologie des menschlichen Körpers und über psychologische Effekte während langer Isolation machen können. Was passiert, wenn etwas schief geht? Es kann zwischenmenschlich zu allen denkbaren Problemen kommen. Vor 10 Jahren ist eine Studie durchgeführt worden, in der zwei russische Probanden in Streit gerieten und tätlich aufeinander losgingen. Das hat dann dazu geführt, dass eine nicht-russische Teilnehmerin wirklich Angst bekam, mit diesen zwei Leuten in der Kammer zu wohnen. Zu allem Überfluss kam dann noch das russische Neujahrsfest, bei dem sich die Russen natürlich gegenseitig küssen. Als das dann auch noch fehl interpretiert wurde, wollte die Dame nur noch weg. Das alles hat es damals sehr schwierig gemacht, das Projekt weiter zu führen. Man hat gemerkt, dass man nicht nur aufpassen muss, dass Leute nicht depressiv werden und sich verstehen, sondern dass man ebenso auf die Kultur achten muss, damit es keine interkulturellen Missverständnisse gibt. Wie der perfekte Kandidat aussehen sollte? Professor Gerzer antwortet auf der nächsten Seite, im zweiten Teil des Interviews.


Wie muss der perfekte Kandidat also aussehen? Der perfekte Kandidat sollte nicht zur Depression neigen, aber auch nicht zu dominant sein: ein Langzeit-Gruppenkompatibler, der vom Persönlichkeits- und vom Leistungsprofil in der Lage ist, die verlangten Arbeiten durchzuführen. Es sollte jemand sein, der zum Beispiel ein naturwissenschaftliches Studium hinter sich hat, damit ihm auch komplexe wissenschaftliche Aufgaben übertragen werden können. Und er sollte zwischen Mitte 20 und Mitte 30 sein. Außerdem sollte er wenn möglich russisch und natürlich englisch können. Körperlich soll der Kandidat gesund sein und normal gewichtig, denn übergewichtige Astronauten wird man nicht zum Mars schicken. Aber er muss sicher kein Leistungssportler sein. Welche Menschen setzen sich einer solchen Belastung aus? Es gibt sehr viele Leute, die es faszinierend finden, an der Weltraumforschung teilzunehmen. Wenn sie schon nicht selber als Astronaut arbeiten können, nehmen sie wenigstens an Analogstudien teil und helfen bei der Lösung dieser Zukunftsaufgabe mit. Die Bezahlung wird nicht allzu hoch sein, um zu verhindern, dass Leute nur wegen des Geldes teilnehmen. Manchmal gibt es aber am Schluss noch eine Prämie. Wie relevant sind diese Pläne für die Zukunft und wann wird man tatsächlich auf dem Mars landen? Ich würde mich sehr wundern, wenn ich das selbst noch erlebe - auch wenn ich ein sehr hohes Alter erreichen sollte. Die Technik und die Medizin sind nicht das Problem. Das Problem ist das Geld. Man muss sich überlegen, ob man die erforderlichen hohen Summen ausgeben will. Und dann darf man nicht den Fehler machen, die falschen Leute auszusuchen, die sich eventuell an die Gurgel gehen.

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Illustration: Julia Schubert

Einmal Mars, bitte. (Foto: ddp) Was wären denn die Ziele des Ganzen? Die Ziele sind sehr verschieden. Es gibt zum Beispiel Länder, die einfach nur zeigen wollen, dass sie in der Lage sind, den nächsten Schritt zur Erweiterung der Handlungsspielräume des Menschen durchzuführen und – wie es die Amerikaner bei ihren Apollo-Missionen zum Mond getan haben – einfach eine nationale Begeisterung dafür hervorrufen, dass das Land die schwierigsten Zukunftsherausforderungen meistern kann. Die Chinesen werden zum Beispiel sehr stark daran arbeiten, am schnellsten auf dem Mars zu sein. Auch die Russen und die Amerikaner werden voraussichtlich wieder in Konkurrenz treten. Der zweite Aspekt ist natürlich der wissenschaftliche. Es gibt viele spannende Fragen, zum Beispiel die nach Bodenschätzen. Dann möchte man natürlich wissen, ob auf dem Mars parallel zur Erde Leben entstanden ist. Diese Aspekte könnten unser Selbstverständnis als einzige Lebewesen beeinflussen. Könnte der Mars eine zweite Erde sein? Einige Wissenschaftler sind der Ansicht, man müsse mit der Kolonialisierung des Mars jetzt anfangen, da man gar nicht vermeiden könne, dass irgendwann ein großer Komet die Erde trifft. In diesem Fall kann es passieren, dass die Menschheit ausstirbt – deshalb sollte man sich eine Rückzugsmöglichkeit schaffen. Meiner Ansicht nach sollte man aber lieber darauf achten, die Erde zu schützen und uns nicht gegenseitig auszurotten. Außerdem wissen wir, dass der Mars eine Atmosphäre hatte wie die Urerde, so schrecklich toxisch ist das alles also nicht. Wenn man Mikroorganismen nähme, die das CO2 in Sauerstoff umwandeln und dann noch ein paar Tricks macht und ein paar Jahrhunderte wartet, dann könnte man die Marsatmosphäre so gestalten, dass man da dann auch rumlaufen kann. Zwar wahrscheinlich immer noch mit einem Helm auf dem Kopf, aber es könnten Pflanzen wachsen und durch einen Klimawandel würden die Mengen des gefrorenen Wassers auf dem Mars auch wieder flüssig. Ich persönlich sage: Tolle Version, aber in 500 Jahren reden wir weiter. Heute haben wir aber 2007 - ich selber investiere in zukünftiges Leben auf dem Mars also nichts und konzentriere mich eher darauf, Forschungsergebnisse, die wir in der Raumfahrt erhalten, hier auf der Erde anzuwenden.

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