Aus dem verstrubbelten Indie-Kid von einst ist ein erwachsener Mann geworden. Julian Casablancas, als vorlauter Frontmann der Strokes zu Beginn dieses Jahrhunderts zu so einer Art Pin-Up-Boy des Garage-Rock geworden, ist heute ein verheirateter Mann von 36 Jahren, der mit Frau und vierjährigem Sohn Cal in einem Haus etwas außerhalb von New York lebt. Sogar mit dem Saufen, seiner einstigen Achillesferse, hat er aufgehört. Während The Strokes aktuell pausieren, hat er mit seiner aus Freunden bestehenden Zweitband The Voidz das Album „Tyranny“ aufgenommen. Sein zweites Quasi-Solowerk nach „Phrases for the Young“ (2009) lebt von unterhaltsamer Unberechenbarkeit. Die Jungs lassen kaum eine Musikrichtung aus: Hardcore, Punk, Noise, Klassik, Grunge, Pop, World Music – alles wird munter verwurstet, was dazu führt, dass ein Song wie „Human Sadness“ dann auch mal elf Minuten lang sein darf.

jetzt.de: Julian, schön, dass wir dich am Telefon haben. Wo bist du gerade?
Julian Casablancas: Ich sitze auf einer Dachterrasse in Downtown Manhattan und gucke direkt auf den „Freedom Tower“. Also, offiziell heißt der nicht mehr so, aber es nennen ihn alle Freedom Tower.

Komischer Name für den Nachfolge-Wolkenkratzer des World Trade Center, oder?
Total. So ein vager, nichtssagender Begriff. Was meinen die damit? Freiheit. Ja, und jetzt? Wir sollten uns auch die Freiheit nehmen, die Freiheit der Anderen oder der Andersdenkenden zu respektieren. Man muss Toleranz auch üben, nicht nur einfordern. Aber das darf ich hier ja nicht laut sagen. Seit wir alle wissen, was wir vorher nur vermuteten, nämlich, dass wir von Grund auf ausgehorcht werden, ist das mit der Freiheit ja noch relativer geworden als vorher.

Dein Album heißt „Tyranny“. Ist der Titel politisch gemeint? Geht es um Auflehnung gegen das System?
Ja, definitiv. Tyrannei ist ein Übel, das bekämpft werden muss.

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"Was dieses Cool sein angeht, das interessiert mich nicht", sagt Julian Casablancas (3. v. r.)

Was bekümmert dich konkret?
Natürlich einerseits die offensichtlichen und komplexen Themen der aktuellen Weltpolitik. Aber auch das Gefühl, dass wir neue Gesetze brauchen, vielleicht eine neue Verfassung. Die alte ist fast 250 Jahre alt. Und die zentrale Aussage „All Men Are Created Equal“, die damals eine Riesensache war und zu vielversprechenden Hoffnungen Anlass gab, ist bis heute nicht Realität geworden. Hier in den USA hat sich seitdem nicht viel verändert. Demokratie ist eine Illusion, und es kann keine Rede davon sein, dass jeder Mensch gleichbehandelt wird.

Reicht es nicht, einfach die bestehenden Gesetze konsequent anzuwenden?
Scheinbar nicht. Die Welt ist komplizierter geworden. Wir brauchen Gesetze gegen indirekte Schäden. Wenn ein Unternehmen irgendetwas anstellt, das zu Verwüstungen an einem x-beliebigen Ort in Afrika führt beispielsweise, dann muss das genauso strafbar sein, als wenn du direkt in das Dorf gehst und ein Haus anzündest. Geschäftsleute und Unternehmer sind nicht per se böse Menschen, aber es ist wie im Sport: Jedes Team will den kleinsten Vorteil ausreizen, um zu gewinnen. Und wenn dir das System ermöglicht, zu manipulieren, zu tricksen und zu bescheißen, dann machst du das. Denn alle anderen machen es ja auch. Auf diese Weise ist unser System zu einer neuen Monarchie verkommen.

Ein Beispiel?
Die Ölfirmen schreiben in Amerika die Gesetze. Die Politik nickt nur ab. Nicht, weil sie böse sind, sondern weil sie damit durchkommen. Oder Banken. Die machen so lange alles, was gesetzlich erlaubt ist, bis es gesetzlich verboten wird. Es ist einfach und kompliziert zugleich. Übrigens Entschuldigung, dass ich so ins Labern komme.

Schon in Ordnung, ich hatte ja gefragt.
Ich glaube an das einigermaßen Gute im Menschen. Alle wollen, dass es fair zugeht. Auch die, die vieles falsch machen.

Denkst du, du hast mit dem „Tyranny“-Album alles richtig gemacht?
Keine Ahnung. In der Kunst existiert ja im Gegensatz zur Politik oder Wirtschaft kein richtig oder falsch. Sagen wir, ich habe mein Bestes gegeben. Früher habe ich, oder haben wir, oft überlegt, was die Leute wohl mögen könnten und dieses Kalkül in die Musik einfließen lassen. Auf „Tyranny“ sollte nur drauf, was ich selbst cool finde. Ich hatte anfangs die Sorge, die Menschen halten das für ein Eitelkeitsprojekt des gelangweilten Strokes-Typen. Also war es umso wichtiger für mich und die Band, Musik zu machen, hinter der ich voll und ganz stehe.

Also kein Eitelkeitsprojekt?
Überhaupt nicht. Wir wollen nicht originell oder sonst was sein, wir wollten lediglich Musik machen, die wir geil finden.

Einem konkreten Genre kann man „Tyranny“ nicht zuordnen.
Muss man ja auch nicht. Ich kann mich selbst keinem konkreten Genre zuordnen. Ich liebe Bob Marley, Velvet Underground, Black Flag, ich finde türkischen HipHop genauso geil wie Indie-Rock. Ich wollte mit dem Album auch zeigen, dass ich stilistisch frei bin und dieses Zeug auch umsetzen kann.

Wo findest du türkischen HipHop. Online? Oder gehst du noch in Plattenläden?
Am wichtigsten sind Freunde, von denen ich weiß, dass sie einen coolen Musikgeschmack haben. Es gibt Leute, bei denen gucke ich immer, was sie Neues im Haus haben, wenn ich sie besuche. Mein Stiefvater, der aus Ghana stammt, ist auch ein großer Einfluss. Er hat mich mit afrikanischer Musik, mit Fela Kuti und vielen anderen, in Berührung gebracht. Manchmal gehe ich auch in Läden und kaufe oft einfach das, was von außen cool aussieht. Ich glaube ja, du siehst einem Album anhand des Covers schon an, was es taugt. Im Internet gucke ich natürlich auch, aber seltener.

„Human Sadness“ ist mit seinen elf Minuten so etwas wie das Herz der Platte. Dein Vater ist im vergangenen Jahr an Krebs gestorben. Hast du diesen Song danach geschrieben, um dich mit Tod, Verlust und Trauer auseinanderzusetzen?
Das passierte eher parallel. Mein Vater starb während der Arbeit an dem Album. Ich glaube, ich dachte unterschwellig, ich möchte ihm mit diesem epischen Lied meine Ehre erweisen. Es gab Nächte, in denen ich wach lag und mir „Human Sadness“ immer und immer wieder angehört habe.

Warum ist ausgerechnet dieser Song die Single?
Eben weil er so lang ist. Zu der Zeit, als wir daran arbeiteten, kam auch das Arcade-Fire-Album raus, und dann spielten sie in einer TV-Show „Here comes the Night“, diesen Zehnminutenbrocken. Das hat mich beeindruckt.

Sind die vielen langen, oft aus unterschiedlichen Elementen zusammengetackerten Stücke auf „Tyranny“ auch eine Gegenreaktion zu den kompakten, direkten Strokes-Songs?
Naja, nicht wirklich. Die Strokes sind ein eigener Kosmos. Ich will einfach nicht immer dasselbe machen.

Die Strokes sind eine Band mit mehreren Häuptlingen, es gibt oft Streit zwischen euch. Was ist aktuell der Stand?
Wir haben im Sommer ein paar Konzerte gespielt und wollen vielleicht im Januar mal zusammen kommen und schauen, was wir haben. Die Strokes machen weiter, aber im Moment genieße ich es mehr, mit den Voidz unterwegs zu sein. Das fühlt sich frischer an.

Mit eurem 2001 erschienenen Debütalbum „Is this it“ habt ihr den Rock’n’Roll aufgemischt und fast schon erschüttert. Wo siehst du dich heute? Immer noch jung und hungrig? Oder bist du ein mittelalter Rocker auf dem Weg zur Ikone?
Huuh.

Huuh?
Ich weiß es nicht. Ich weiß es NULL. Ich will es auch gar nicht wissen. Bin ich eine Ikone? Ach, im Sport ist es ja so: Sobald du denkst, du hast das Match gewonnen, dann wird das andere Team fünf Tore schießen.

Und das heißt?
Dass ich nicht über meine Rolle nachdenken möchte. Ich will gar nicht erst erwägen, dass ich mir etwas darauf einbilden könnte. Oder dass ich auf irgendeine Weise cool bin.

Du giltst ja als einer, der diese New Yorker Indie-Coolness praktisch erfunden hat.
Ich weiß, ich weiß. Vielleicht hatten wir auch einfach nur die richtigen Klamotten zur richtigen Zeit an. Unser erstes Album kam damals kurz nach 9/11 raus. Vielleicht gaben wir manchen Leuten in dieser ohnmächtigen und orientierungslosen Phase einen Halt. Was dieses Cool sein angeht, das interessiert mich nicht. Für mich sind Leute cool, die versuchen, anständige Menschen zu sein.

Findet dein Sohn dich cool?
Das habe ich ihn noch nicht gefragt. Er weiß noch gar nicht, dass ich Musiker bin. Ab und zu kriegt er zuhause mit, dass ich Gitarre spiele, aber er schnallt noch nicht, dass das mein Beruf ist.

Du hast Anfang des Jahres einen „Grammy“ bekommen, und zwar für deine Mitwirkung an dem Daft-Punk-Album „Random Access Memories“. Stolz?
Oh, Mann. Ich bin so inkonsequent. Den Grammy habe ich, genau wie den Oscar, immer scheiße gefunden und mich über die anderen lustig gemacht, die einen gewannen und sich halb kaputt freuten. Ich fand: Viel zu kommerziell und künstlerisch belanglos. Okay, und dann kriegst du selber so ein Teil, und weißt du was? Es ist irre, großartig und geil. Ich finde es nur noch super, einen Grammy gewonnen zu haben.

Text: steffen-rueth - Foto: Colin Lane