„Wir denken an den Staat und vergessen die Menschen“

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jetzt.de: Du hast deine Semesterferien geopfert, um dich für Frieden zwischen Nord- und Südkorea zu engagieren. Warum?
Kai Lüke: Ich habe vergangenes Jahr an einem Jugendaustausch in Seoul teilgenommen. Deshalb habe ich viele koreanische Freunde, die während oder nach ihrem Studium vom Militär eingezogen werden. Wer verweigert, muss ins Gefängnis. Einige meiner Freunde haben auch Verwandte in Nordkorea, dürfen sie aber nicht besuchen. Das liegt daran, dass es zwischen Nord- und Südkorea nach wie vor keinen Friedensvertrag gibt. Die Südkoreaner können deshalb beispielsweise auch kein Geld auf Konten in Nordkorea überweisen, um Familie oder Freunde zu unterstützen.  

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Viele Sükoreaner haben Verwandte im Norden. Besuchen dürfen sie sie nie. Das gilt auch für diese Teilnehmer der Zugreise.

Gibt es nicht bessere Wege, um auf die Teilung aufmerksam zu machen, als eine Zugfahrt?
Wir hätten auch nur einmal irgendwo demonstrieren können. Aber das war uns nicht genug. Wir haben 20 Tage unserer Zeit geopfert und eine anstrengende Fahrt auf uns genommen. Damit wollten wir zeigen, dass das Thema nicht vergessen ist. Vor allem als Deutscher war mir das wichtig. Nordkorea ist Teil unserer Geschichte. Wir sind nicht ohne Grund in Berlin gestartet. Die Stadt war selbst im Kalten Krieg geteilt und ist nun wieder vereint. Viele Teilnehmer hatten ähnliche Hintergründe. So zum Beispiel ein junger Äthiopier aus unser Gruppe. Viele wissen gar nicht, dass auch äthiopische Soldaten im Koreakrieg gekämpft haben.  

Was habt ihr denn konkret auf der Zugfahrt gemacht?
Untereinander haben wir viel diskutiert. Aber wichtiger waren unsere Treffen mit örtlichen Kirchenvertretern, Jugendverbänden und anderen Organisationen. Dafür haben wir in Moskau, Irkutsk und Peking Halt gemacht. Thema war immer der Friedensprozess in Korea und wie wir gemeinsam etwas tun können, um dieses Ziel zu erreichen. Daraus erwachsen hoffentlich langfristige Kooperationen.  

Siehst du eine deutsche Verantwortung für die Situation in Korea?
Deutschland will seine Sanktionen erst lockern, wenn die Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea aufhören. Ich will die nicht klein reden. Aber ich frage mich: Ist uns klar, was die internationale Isolation für die Menschen bedeutet? Die einzige deutsche Hilfsorganisation dort ist die Welthungerhilfe. Die darf nur humanitäre Hilfe leisten, aber keine Entwicklungshilfe. Sonst bekommt die Organisation Ärger mit den deutschen Behörden. Das heißt, sie darf zwar Lebensmittel liefern, aber theoretisch nichts, um sie anzubauen. Das ist absurd. Wir denken an den Staat und vergessen die Menschen.  

Seid ihr auch nach Nordkorea hineingefahren?
Wir wollen ursprünglich nach Pjöngjang reisen. Eine Mitreisende hat Verwandte dort, sie hat sie das letzte Mal 1992 getroffen. Im Zug hat sie bis zuletzt darum gebangt, ob sie sie würde sehen können. Die Enttäuschung war dementsprechend groß, als wir nicht einreisen durften. Wir sind dann nicht in die koreanische Hauptstadt, sondern ins chinesische Dandong gefahren. Die Stadt liegt direkt an der Grenze zu Nordkorea. Dort steht die einzige noch intakte Brücke zwischen den beiden Ländern.  

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Die Freundschaftsbrücke in Dandong

Wie fühlt sich diese Grenzstadt an?
Es herrscht eine Aufbruchsstimmung. Der Handel zwischen China und Nordkorea boomt. Überall wird gebaut und gearbeitet. Es ist gerade ein neuer Stadtteil entstanden und die Universität wird vergrößert. Die Nordkoreaner sind nicht abgeschottet von den Chinesen, sondern arbeiten mit ihnen zusammen. In Dandong sieht man, was möglich ist, wenn ein Land freundschaftliche Beziehungen mit Nordkorea pflegt.

Hattet ihr die Möglichkeit mit Nordkoreanern zu sprechen?
Man kann sich mit den Nordkoreanern, die dort arbeiten, normal unterhalten. Aber bei politischen Fragen geben sie ausweichende Antworten. Nur unsere Reisebegleiterin, die auch Nordkoreanerin ist, hat vergleichsweise offen gesprochen. Ihre Eltern sind in den Sechzigerjahren aus China nach Nordkorea gezogen, als es dem Land wirtschaftlich noch besser ging. Als sie klein war, hat sie viele südkoreanische Fernsehserien gesehen. Darüber sprechen durfte sie mit ihren Freunden nicht. Erst später merkte sie: Alle schauen diese Programme, es redet nur niemand darüber. Manchmal tragen plötzlich alle Frauen die gleiche Frisur wie die südkoreanischen Schauspielerinnen. 

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Kai Lüke


Text: lea-deuber - Fotos: privat; Daniel Jung

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