"Wir haben zu viele Fehler gemacht"

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Es ist ein historisches Ereignis: Erstmals seit 1949 ist die Freie Demokratische Partei nicht im Bundestag vertreten. Nach dem Rekordwert von 14,6 Prozent im Jahr 2009 folgte direkt der Tiefstwert von 4,8 Prozent. Insgesamt hat die FDP in dieser Legislaturperiode mehr als vier Millionen Wähler verloren.
Darüber sprachen wir mit Lasse Becker, dem Chef der Jungen Liberalen (JuLis). Der 30-Jährige führt die FDP-Nachwuchsorganisation seit 2010 und promoviert nebenbei in VWL.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Juli-Chef Lasse Becker. Das Bild wurde vor der Wahl aufgenommen.

jetzt.de: Lasse, du hast das Wahlergebnis der FDP auf Twitter mit "Scheiße." kommentiert. Wie muss man sich die Stimmung in der Partei am Wahlabend vorstellen?
Lasse Becker: Die Umfragen waren ja schon nicht gut, aber trotzdem haben alle gedacht, dass das Wahlergebnis etwas besser wird und wir die Fünf-Prozent-Hürde schaffen. Dementsprechend war die Stimmung auf der Wahlparty und auch bei mir persönlich wirklich schlecht. Der einzige Lichtblick an diesem Abend waren die 5,03 Prozent, die wir bei der Landtagswahl in Hessen geholt haben. Wobei das ja auch kein Ergebnis ist, über das man sich sonst freuen würde.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



Und woran lag's?
Wir haben zu viele Fehler gemacht, angefangen mit dem Koalitionsvertrag, der zu unklar war, bis hin zum Wahlkampf. Die Zweitstimmenkampagne zum Schluss war würdelos. Es fehlte nur noch, dass wir mit einem traurigen Hundefoto um Stimmen gebettelt haben.

Angesichts der drastischen Verluste fragt man sich: Hat deine Partei überhaupt irgendetwas richtig gemacht in den vergangenen vier Jahren?
Natürlich haben wir auch Vieles richtig gemacht. Die FDP hat die Einführung der Fernbusverbindungen ermöglicht, wir haben dazu beigetragen, dass die Vorratsdatenspeicherung verhindert und die Wehrpflicht abgeschafft wird.

Fernbusse sind jetzt nicht gerade ein zentrales Thema der Politik.
Gerade für junge Leute ist es schon wichtig, dass sie kostengünstig von A nach B kommen können. Aber ich gebe dir Recht, davon macht man nicht seine Wahlentscheidung abhängig.

Auch das Spitzenpersonal wird jetzt heftig kritisiert. Wer ist schlimmer: Philipp Rösler oder Rainer Brüderle?
Darum geht es doch nicht. Der ganze Vorstand, zu dem auch ich gehöre, trägt die Verantwortung für die Wahlniederlage. Rösler und Brüderle haben ihren Rückzug bereits angekündigt. Jetzt nochmal nachzutreten, wäre schlechter Stil.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



Christian Lindner ist der aussichtsreichste Kandidat für die Nachfolge als Parteichef, auch du hast dich für ihn ausgesprochen. Was kann Lindner besser als Rösler?
Wichtiger als Personalfragen ist die inhaltliche Neuaufstellung der Partei. Christian Lindner ist, wie auch Wolfgang Kubicki, jemand, der dabei gut die Führung übernehmen könnte. Aber das entscheidet die Partei, da braucht es keine altklugen Ratschläge eines JuLi-Vorsitzenden.

Eine Neuaufstellung ist immer auch eine Chance für den Nachwuchs, um nachzurücken.
Es gibt viele junge Leute, die ich mir in der neuen Führungsmannschaft vorstellen könnte. Wir sollten aber auf eine ausgewogene Altersverteilung achten.

Der FDP-Vorstand ist geschlossen zurückgetreten. Stehst du bei einer Neuwahl nochmal bereit?
Ich kann mir das durchaus vorstellen, aber das besprechen wir erstmal innerhalb der JuLis.

Wenn es nach dir geht: Für was steht die FDP, wenn sie in vier Jahren um den Wiedereinzug in den Bundestag kämpft?
Ich wäre mir nicht so sicher, dass das erst in vier Jahren soweit ist. Jedenfalls ist die FDP die einzige Partei der Freiheit. Wir müssen auf liberale Themen setzen. Dazu gehören für mich der Schuldenabbau, die Bürgerrechte, der Kampf für eine starke Wirtschaft und gegen Arbeitslosigkeit, und auch ein gutes Bildungssystem.


Text: christian-endt - Cover-Foto: Reuters; sonstige Fotos: oh

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