"Wir hatten immer Bäume um uns herum."

Das zweite Album der Band Slow Club ist ernster, nachdenklicher und düsterer. Warum haben wir im Interview gefragt.
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Illustration: Julia Schubert


Charles, die Songs für euer erstes Album hast du noch zu Hause, bei deiner Mutter in der Küche geschrieben. Jetzt bist du mit Rebecca von Sheffield nach London gegangen, um dort in einem eigenen Proberaum an neuen Liedern zu arbeiten. Wie muss man sich diesen Raum vorstellen, in dem ihr wochenlang zu zweit geschrieben und geprobt habt?
Eine Wand war komplett überzogen mit einem Poster von einem Wald. Wir hatten also immer Bäume um uns herum, immer viel Grün. Tatsächlich haben wir uns einen ganzen Monat lang in diesem Raum eingeschlossen, Texte geschrieben und Sounds und Beats entwickelt.  

Klingt ziemlich isoliert.
Wir arbeiten eigentlich immer sehr isoliert. Jetzt natürlich noch ein bisschen mehr, da wir, anstatt bei unseren Eltern Songs zu schreiben, endlich einen eigenen Raum hatten, in dem wir so laut sein konnten, wie wir wollten.  

Mit der Umgebung hat sich auch eure Musik verändert. Während ihr nach der Veröffentlichung eures niedlich-unschuldigen Debüts noch als Englands Indie-Sweethearts gefeiert wurdet, klingt ihr jetzt vergleichsweise düster. Wie kommt’s?
Es war gar nicht so, dass wir unbedingt viel düsterer klingen wollten. Dieses neue dunkle Element in unseren Songs ist einfach das Ergebnis von allem, was wir in den letzten zwei Jahren erlebt haben. Wir sind in dieser Zeit ja auch viel erwachsener geworden. Die Songs auf dem Debüt haben wir geschrieben, als wir 17 und 18 waren, diese sind nun mit Anfang 20 entstanden. Es stecken also auch die Sorgen und Probleme mit drin, die eben kommen, wenn man älter wird.  

http://www.youtube.com/watch?v=BiViJkz10nw

Eines dieser Probleme, das auf „Paradise“ oft thematisiert wird, ist Verlust. Tut der grundsätzlich mehr weh, wenn man älter wird – oder macht man sich dann einfach nur mehr Gedanken darüber?
Ich glaube, je älter man wird, umso mehr verändert sich zumindest die Bedeutung von Verlust. Als wir gerade dabei waren, dieses Album zu schreiben, sind einige Dinge passiert, die sich dann auch auf die Stimmung der Songs ausgewirkt haben.  

Magst du erzählen, was genau passiert ist?
Uns haben einfach die Themen Verlust und Tod beschäftigt. Allerdings war uns beim Schreiben und Proben der neuen Songs gar nicht so bewusst, dass diese Themen auch Teil unserer Musik wurden. Erst als wir ins Studio gingen, um die Songs aufzunehmen, wurde uns das klar.  

Ein bewegender Moment auf dem Album ist der Song „You, Earth Or Ash“, der von der engen Beziehung zwischen Rebecca und ihrem Opa handelt. Und von der Angst davor, was passieren könnte, wenn er stirbt. Konntest du dich – vielleicht wegen ähnlicher Ängste – schnell in den Song hinein fühlen?
Rebecca hat schon noch eine andere Beziehung zu ihrem Opa als ich zu meinem. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als sie mir den Song zum ersten Mal vorsang. Wir waren gerade in Glasgow auf Tour, sie stand mit der Gitarre im Umkleideraum und spielte plötzlich dieses Lied. Das hat mich sofort umgehauen, es war einfach perfekt. Ein superwichtiger Song für sie.  

Ständig seid ihr zu zweit, entweder zu Hause beim Proben oder unterwegs. Habt ihr mittlerweile schon so was wie eine gemeinsame Privatsphäre entwickelt? Gibt es überhaupt noch etwas, das ihr nicht voneinander wisst?
Falls ich etwas noch nicht über Rebecca weiß, will sie mir es wahrscheinlich auch nicht erzählen (lacht). In den letzten fünf Jahren haben wir wirklich wie in der Hosentasche des anderen gelebt. Wir sind zu zweit schon so viel gereist und an spannende Orte gekommen, von denen wir lange Zeit nicht mal geträumt haben. Dieses gemeinsame Auf-Tour-Sein hat uns total geprägt.  

Dabei scheint ihr euch auch immer wieder über zwei andere wichtige Slow Club-Themen auszutauschen: Liebe und Herzschmerz. Die stecken – ohne dabei viele Klischees zu bedienen – auch in einigen Songs auf „Paradise“. Schreibt ihr automatisch viel, wenn es euch liebesmäßig gerade besonders gut bzw. schlecht geht?
Wir haben uns an die Tatsache gewöhnt, dass die besten Songs oft dann entstehen, wenn es einem gerade scheiße geht. Man fühlt dann einfach besonders viel, und einige Songwriter nutzen diese Fülle an Emotionen sofort für neue Lieder. Grundsätzlich finde ich: wenn man etwas schreibt, sollte man versuchen, jedes einzelne Gefühl mit in den Text einfließen zu lassen, das man in dem Moment des Schreibens hat. 

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Illustration: Julia Schubert


 „Paradise“ von Slow Club erscheint am 9. September auf Moshi Moshi/Rough Trade.

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