"Wir hatten immer das Problem, nicht richtig deutsch zu klingen"

Die Kölner Band "Timid Tiger" gibt es bald seit einer Dekade. Auf ihrem neuen Album üben sie sich in neuer Gelassenheit. Sänger Keshav Purushotham erklärt, was den einstmals scheuen Tiger zu einer gefährlichen Raubkatze gemacht hat.
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Illustration: Julia Schubert



jetzt.de: Keshav, vor sieben Jahren wurde euch in einem Interview mit dem Jetzt-Magazin noch "Kindergarten-Pop" attestiert. Seid ihr nun etwa erwachsen geworden?
Keshav: Ich tue mich immer ein bisschen schwer mit den Begriffen "reifer" und "erwachsen", weil ich nicht so ganz weiß, was das heißt. Wir machen einfach – genauso wie damals – das, was aus uns herauskommt. Der Sound ist auf jeden Fall gelassener und weniger schrill geworden, aber es war keine bewusste Entscheidung, dass wir jetzt reifer klingen. Es fühlt sich generell eh an wie ein Debüt, weil wir in der neuen Besetzung erst auf dieser Platte so richtig eine Gemeinschaft waren, also wirklich zu fünft an der Platte gearbeitet haben. Und durch die beiden neuen Mitglieder (Bassist Christopher Martin und Schlagzeuger/Produzent Steffen "Steddy" Wilmking, Anm. d. Red.) sind neue Einflüsse reingekommen. Das hat alles dazu beigetragen, dass der Sound auf der Platte jetzt so anders geworden ist.

Du hast es gerade schon erwähnt: Ihr habt zwei Bandmitglieder ausgetauscht und dem Cartoon-Pop aus "Miss Murray"-Zeiten entsagt. Ist es da überhaupt noch angemessen, dass ihr euch weiterhin Timid Tiger nennt?
Ich hatte sogar kurz überlegt, ob man dann auch den Bandnamen wechselt – weil es sich wirklich wie ein Neustart anfühlt. Das hat sich aber dann relativ schnell erledigt. Wir haben uns ja fast vor zehn Jahren gegründet und ich find's schon gut, dass der Name bleibt und dass wir uns nicht, wenn wir in fünf Jahren nur noch Instrumentalmusik machen, dann wieder neu benennen oder so. Ist ja auch interessant, wenn man so sieht, was passiert und was sich entwickelt in einer Band.

http://vimeo.com/36893654

Wäre "The Streets Are Black" ein Comicbuch, würde sich dann immer noch der kleine Tiger als Hauptfigur durch die Songs tummeln?
Wenn es den Namen nicht geben würde, würde ich jetzt, wenn ich mir die Platte anhören würde, nicht darauf kommen, den kleinen Tiger durch die Straßen zu schicken (lacht). Aber vielleicht so einen gefährlichen Tiger, der durch eine indische Großstadt schleicht

Ist der Song "Back from Hell" eigentlich programmatisch zu lesen? Nach dem Motto: Zurück aus der Lado-Konkurshölle, befreit aus den Klauen des Majorlabels?
Ja, auf jeden Fall. Das ist schon das Gefühl, das wir hatten: mit dieser Platte wirklich frei zu sein und auch nicht darauf achten zu müssen, dass das fürs Radio nach irgendwelchen Maßstäben abgemischt wird – "Back from Hell" klingt ja auch sehr dreckig. Von daher passt das schon sehr gut: Wir sind zurück und können einfach das machen, was wir machen wollen.

Ihr habt das Album im eigenen Studio aufgenommen und eine eigene Plattenfirma gegründet, über die das Album erscheint: Sieht so die Zukunft des Musikmachens aus, wenn man davon leben will?
Ich denke, da gibt es unterschiedliche Wege. Für uns fühlt es sich auf jeden Fall gerade sehr gut an, die Kontrolle zu haben und zu merken, wofür man das Geld ausgibt und was zurückkommt. Wir waren ja mit der letzten Platte bei Four Music, und da gab es auch Künstler wie zum Beispiel Casper, wo das passt mit so einem Label und total Sinn macht. Aber in unserem Fall war das keine so gute Erfahrung. Ich weiß nicht, ob wir uns nie wieder einem Label anschließen werden – das kann ich noch nicht sagen. Aber es fühlt sich gerade sehr passend an, weil man allein viel machen kann, gerade über das Internet. Durch das eigene Studio sind wir außerdem nicht angewiesen auf ein Riesenbudget eines Labels oder Produzenten, sondern können unabhängig relativ gut zu einem Endergebnis kommen.

Euer Album"The Streets Are Black" klingt wenig nach Deutschland, sondern eher nach tropischer Schwüle in einer fremden Metropole. Der einflussreiche US-Blog Pretty Much Amazing hat euch den Durchbruch in Übersee prophezeit. Ist das euer Ziel?
Das wäre schon sehr schön für uns, weil wir immer das Problem hatten, dass wir als deutsche Band nicht so richtig deutsch klingen. Von daher wäre das schon eine gute Sache, weil wir ja auf Englisch Musik machen und so mehr Leute erreichen könnten. Wenn wir mal nach Indien kämen und da eine Tour spielen könnten: das mit der Platte zu schaffen, wäre ein Traum.

Blogs wie Pretty Much Amazing sind ja häufig Hype-Generatoren. Hofft ihr darauf jetzt auch?
Das stand nicht in unserem Plan, aber ich würde mich nicht dagegen wehren, wenn das zum Beispiel der Veranstalter eines Festivals liest und denkt: "Ah, das ist interessant. Laden wir die mal ein." Wir haben nicht darauf hingearbeitet, dass da jetzt ein Hype entsteht. Ich glaube, das ist auch nicht so leicht zu planen, sonst würden das mehr Leute machen (lacht).

Das dritte Album von Timid Tiger, "The Streets Are Black", erscheint am 30. März 2012 auf dem selbst gegründeten Label "Papercup Records".



Text: jurek-skrobala - Foto: Christian Faustus

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