„Wir lassen uns nicht mundtot machen“

Vor einem Jahr begann die Protest-Lawine der Occupy-Bewegung. Die meisten Camps sind heute geräumt. Alexander war und ist bei den deutschen Protesten dabei. Im Interview spricht er über die diffuse Zukunft der Bewegung.
steffi-fetz

jetzt.de: Occupy war als Massenphänomen in den Medien überpräsent. Heute, ein Jahr nach der Entstehung der Bewegung in den USA, ist im öffentlichen Raum und im Bewusstsein der Gesellschaft nicht mehr viel übrig geblieben. Wo ist Occupy hin?
Alexander Dittberner: Alle fünf Tage berichten irgendwelche Medien, Occupy sei tot. Zwei Tage später heißt es dann: Occupy lebt. Für mich ist das sehr amüsant, denn wir versuchen natürlich weiterhin, etwas zu bewegen. Als es damals los ging, wussten wir eigentlich gar nicht, wo die ganzen Menschen herkommen. Wir haben ja nichts verändert oder anders gemacht. Occupy war also vorher schon da und ist es jetzt noch. Ich habe eher das Gefühl, dass es weiter geht. Wir haben es geschafft, Acta zu kippen. Jetzt steht Indect noch auf der Liste. Bei Acta ging es nur um klagbare Verhältnisse. Indect nimmt den Leuten die Freiheit der Selbstbestimmung.

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Illustration: Julia Schubert

Geburtstagsparty in New York: Occupy-Aktivisten feierten gestern die Geburtsstunde ihrer Bewegung.

Du warst auch beim Protestcamp im Frankfurter Bankenviertel dabei, das im Mai geräumt wurde. Hast du nicht gedacht: Das war es jetzt endgültig?
Natürlich nicht. Es stand nie zur Debatte, dass es nicht weitergeht. Ich weiß nicht, ob die Camps als Schandfleck empfunden wurden, die einfach weg mussten. Jetzt suchen wir nach weiteren Protestformen. Wir sind laut genug, wir lassen uns nicht einfach so mundtot machen. Empört sind wir immer noch. Und wir bleiben friedlich. Das haben wir in Frankfurt bewiesen. Wir spielen weiter Katz und Maus. Mag sein, dass es nach zwei Tagen dann wieder heißt, Occupy ist tot.  

Ist das nicht ermüdend, dieses "sich immer wieder empören"?
Ich habe nicht diese klassisch, typische "ich empöre mich"-Geschichte wie viele andere. Ein guter Freund von mir hat sich letztes Jahr das Leben genommen. Während der Aufarbeitung bin ich darauf gekommen, dass seine Gründe dafür auch viele andere Menschen betreffen. Das lag letztlich auch an Systemfehlern: Warum man sich mit fünf Kindern keinen Urlaub leisten oder nicht über die eigene Zukunft bestimmen kann. Er hat schlichtweg aufgegeben. Für mich war das ein Auslöser, mich nach langer Zeit wieder politisch zu verhalten.

... und sich dem Leitspruch von Occupy „Wir sind die 99 Prozent“ anzuschließen.
Ja, nur sehr wenige Menschen besitzen sehr viel. Und dieses eine Prozent gaukelt den anderen vor, dass sie, wenn sie nur hart genug arbeiten und sich wahnsinnig anstrengen, genau das erreichen zu können. Das ist eine Illusion. Das ist wie der Versuch, Lotto zu spielen und jedes Mal zu glauben, dass man gewinnt. Man weiß eigentlich ganz genau, dass man nicht gewinnen kann. Wir sind hier in Deutschland noch in einer ganz guten wirtschaftlichen Verfassung. Wenn man sich aber ein bisschen in Europa umschaut, gibt es immer mehr Menschen, die keine Hoffnung haben, in ihrem Leben irgendetwas erreichen zu können.

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Illustration: Julia Schubert

Alexander Dittberner, 31, aus München. Er will weitermachen und glaubt an die Zukunft der Occupy-Idee.

Occupy wird immer dafür kritisiert, dass die Bewegung zu heterogen ist. Da kann sich doch jeder herausgreifen, was er will.
Ich finde, das ist einer der Vorteile von Occupy – genauso wie Toleranz. Es sollen keine Feindbilder entstehen vom bösen Banker. Wir wollen Lösungen finden, wie wir gemeinsam miteinander leben können. Occupy versteht sich außerdem nicht als Bewegung oder Organisation. Es ist nichts anderes als ein Zustand, den man ausübt. Man geht auf die Straße und tut etwas dagegen. Friedlich und gerne auch mit anderen. Das ist vielleicht auch das Neue an dieser Form des Widerstands.

Wenn Occupy ein Zustand ist und keine Bewegung, wie kann es dann überhaupt etwas verändern?
Muss es etwas verändern? Eine große Stärke von Occupy ist, das es nichts fordert. Mittlerweile gibt es im Netz zwar einige Aktivisten, die konkrete Pläne wollen. Aber wir sind keine Partei und wir wollen keine werden. Wir wollen auf die Missstände hinweisen. Wir wollen für uns Alternativen entdecken, und das macht jeder für sich alleine. Die Alternative, die jemand auf einer Demonstration neben mir für sich entdeckt hat, muss nicht meine sein. Occupy bedeutet: Infomiere dich, empöre dich, organisiere dich! Occupy ist eine Aufforderung, deswegen ist es ja keine Bewegung. Bevor nicht alle mit allen reden und der Meinung sind, wir müssen etwas ändern, steht bei uns nichts auf der Fahne. Und wenn der Punkt erreicht ist, dann fällt das Etikett Occupy.




Text: steffi-fetz - Fotos: AP, privat

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