"Wir machen doch nichts Illegales!" Wie Carsten deine Web-Historie löscht

Ob üble Nachrede oder Privatporno: Carsten Hoppes Firma datenwachschutz.de löscht unliebsames aus dem Internet. Wie das funktioniert? Was gelöscht wird? Ein Interview
eva-schulz

Herr Hoppe, 2006 haben Sie einen WM-Skandal verhindert. Was hat es damit auf sich? Carsten Hoppe: Ich glaube, auch ohne mich wäre es nicht zu einem Skandal gekommen ... jedenfalls tauchte damals plötzlich die Website svenswmwette.com auf. Dort kündigte ein junger Mann an, seine Freundin würde während des Finales nackt über das Spielfeld laufen, wenn die Seite bis dahin fünf Millionen Klicks verzeichnete. Außerdem fanden sich Fotos von Sven und seiner leicht bekleideten Freundin – aber die beiden hatten mit der ganzen Aktion überhaupt nichts zu tun! Jemand anderes hat die Seite unter Svens Namen erstellt und damit richtig Geld gemacht. Der echte Sven kam zu uns und hat die Reste dieser Homepage löschen lassen. Die gibt es jetzt nicht mehr. Was macht Ihre Firma genau? Zuerst einmal durchsuchen wir das Internet. Wenn sich ein Kunde auf unserer Homepage datenwachschutz.de angemeldet hat, gibt er uns anschließend jede Menge Daten: neben seiner Adresse auch Nicknames, ICQ-Nummern und so weiter. Das hilft uns, ihn zu identifizieren. Wir durchsuchen dann das gesamte Web nach allem, was von und über ihn geschrieben oder hochgeladen wurde und erstellen eine Liste mit sämtlichen Links. Der Kunde sucht sich dann raus, was wir löschen sollen.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Das heißt, wenn ich nach Jahren mein altes jetzt.de-Profil wiederfinde, hacken Sie sich dort rein und radieren es aus? Wir machen doch nichts Illegales! Im Fall von jetzt.de würden Sie das sogar noch selbst hinbekommen. Wir wenden uns nämlich einfach an den Webmaster oder Serverbetreiber und beantragen dort die Löschung. Aufgrund der deutschen Gesetzeslage klappt das hier eigentlich immer. Aber wenn so ein Server irgendwo auf den Antillen liegt - da antworten die, sie könnten das nicht lesen, weil sie kein Deutsch verstehen, oder es gibt gar keine entsprechenden Bestimmungen – dagegen kann man manchmal nur mit einem Gerichtsbeschluss vorgehen. Gibt es einen Fall, der besonders schwierig oder skurril war? Wir haben schon alles gesehen. Vor einiger Zeit wandte sich eine Lehrerin an uns. Ihre Schüler hatten Sie darauf aufmerksam gemacht, dass ihr Ex-Freund einen selbstgedrehten Pornofilm ins Netz gestellt hatte. Das Video ist jetzt zwar entfernt, die Lehrerin wurde aber suspendiert und musste in einer anderen Stadt neu anfangen. Politiker hatten wir auch schon, und einen Schönheitschirurg, den man aus dem Fernsehen kennt. Sie sitzen also den ganzen Tag vor dem Computer und löschen Internetseiten. Nicht immer. Manchmal muss ich zum Beispiel auch zu einer Gerichtsverhandlung. Warum dass denn? Werden Sie so oft verklagt? Nein, aber Anwälte von Geschäftskunden nutzen unseren Dienst zur Beweissicherung, zum Beispiel, wenn es um Verleumdung im Internet geht. Oft handelt es sich dabei um riesige Datenmengen, da müssen schon mal 200 Seiten gespeichert werden. Denn die Richter brauchen schriftliche oder bildliche Beweise, etwas handfestes – das Internet kann man aber nun mal nicht anfassen. Wir machen die entsprechenden Seiten greifbar, indem wir sie sichern und vor Gericht als neutrale Zeugen aussagen. Waren Ihnen schon bei der Gründung Ihres Unternehmens klar, dass der Bedarf an Ihrer Arbeit so groß sein würde? Auf keinen Fall. Ich bin auch gar nicht auf die Idee gekommen, dass sich so viele Firmen an uns wenden würden. Wir haben inzwischen viel mehr gewerbliche als private Anfragen. Da ist es dann oft so, dass jemand gefeuert wurde und deshalb wütend ist. Warum sollte der zur Spraydose greifen und irgendwo „Mein Chef ist doof“ an die nächste Hauswand sprühen - wo es nur fünf Leute lesen und man noch dazu erwischt werden kann - wenn es auch im Internet geht? Oft sind diese Leute sehr geschickt. Sie eröffnen zum Beispiel ein Blog, in dem sie über ihren Chef lästern und das so formulieren, dass ein Unwissender gar nicht erkennt, um wen es sich handelt. Kann man dann überhaupt dagegen vorgehen? Solche Fälle landen häufig vor Gericht. Und wenn das nichts bringt, kommt die Suchmaschinenoptimierung ins Spiel. Indem wir den Internetauftritt unseres Kunden optimieren, sorgen wir dafür, dass die „schlechten“ Links in den Ergebnislisten von Google und Co. nach unten rutschen und dann hoffentlich übersehen werden. Sie bieten auch das Löschen illegaler Downloads an. Was hat es damit auf sich? Merkwürdigerweise kommt dieses Angebot nicht gut an. Wir sind auf Firmen zugegangen, deren geschützte Inhalte im Netz illegal verbreitet werden. Also zum Beispiel Filme oder Musik in Portalen wie Rapidshare. Die Reaktionen waren gleich null. Vor allem die Musikindustrie jammert doch immer darüber, wie sehr ihr Umsatz wegen der illegalen Downloads zurückgeht - aber etwas dagegen tun? Nein, danke.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Carsten Hoppe Auf der nächsten Seite: Der Datenwachschützer über junge Erwachsene, die vor dem ersten Bewerbungsgespräch ihre Vergangenheit im Web auflösen wollen - und zu diesem Zweck erst einmal ihre 60 Nicknames nennen müssen.


Ihr Dienst wird sicher auch von Leuten benutzt, die sich um einen Job bewerben, oder? Ja, wir haben öfter Kunden zwischen 20 und 30 Jahren, die Angst haben, dass potenzielle Chefs ihre „Jugendsünden“ im Internet aufstöbern. Einer von denen hat uns 60 verschiedene Nicknames genannt, die er alle irgendwann mal benutzt hat – er hatte gar keinen Überblick mehr. Dass da ordentlich was zusammenkommt, sehe ich aber schon an meiner Tochter. Sie ist 13 und chattet im Moment dauernd bei Knuddels. Bald landet sie wahrscheinlich bei Spickmich und nach dem Abi dann im StudiVZ. Irgendwann hat sie vielleicht mal ein Problem mit ihrem Auto und meldet sich in einem Portal an, oder schreibt einen Leserbrief im Spiegelforum ... Welche Tipps geben Sie, damit man trotzdem zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird? Google kennt vielleicht 70 Prozent des Internet. Das heißt, Google kennt nicht das Innere von StudiVZ oder Xing. Trotzdem sollte man nicht denken, dass die Fotos vom letzten Trinkgelage da privat bleiben. Denn jeder Personalchef wird dort einen Account haben, wenn er Studenten einstellt. Solche Seiten sind nach außen hin abgeriegelt, aber es ist kein Problem, hineinzukommen. Wir raten immer dazu, sich mehrere E-Mailadressen einzurichten. Eine für Gewinnspiele, eine für Foren, für Communities oder für Ebay, eine private und eine geschäftliche – je nachdem, wie viel man damit jeweils zu tun hat. Suchen Sie eigentlich manchmal nach sich selbst oder Ihren Bekannten? Natürlich gerät man mal in die Versuchung, nach seinen Freunden zu suchen. Wir tun ja den ganzen Tag nichts anderes ... Bisher habe ich das aber nur gemacht, wenn sie mich darum gebeten haben. Von mir selbst gibt es irgendwo noch meine aller erste Homepage. Die ist grottenschlecht und inzwischen bestimmt 15 Jahre alt. Eben eine von diesen Dateileichen, die keiner mehr nutzt, die aber von den Suchmaschinen noch gefunden werden. Wenn man da nicht aktiv wird, bleiben die für die Ewigkeit. Internetseiten haben nun mal kein Verfallsdatum. Kann man etwas, das einmal im Internet steht, wirklich endgültig löschen? Das kommt auf die Relevanz an. Die Fotos von Ihrer letzten Party haben sich vielleicht hundert Leute angeschaut und zehn gespeichert, da ist es unwahrscheinlich, dass die noch einmal auftauchen. Aber so etwas wie der Porno von Paris Hilton, der Millionen mal heruntergeladen und immer wieder irgendwo gepostet wird – der wird nie ganz verschwinden.

Text: eva-schulz - Foto: privat; Screenshot

  • teilen
  • schließen