"Wir servieren lieber etwas Heftiges"

Die großen Märchenerzählerinnen der Popmusik sind zurück: CocoRosies neues Album ist für ihre Verhältnisse fast schon tanzbar. Ein Gespräch über häufige Umzüge, gruselige Kreaturen - und warum es richtige Partymusik von den zwei Schwestern dann doch nie geben wird.
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Die Musik der Schwestern Bianca (32) und Sierra Casady (34) ist seit zehn Jahren und fünf Alben eine einzigartige Collage: elektronische Samples, kindlich bis opernhaft anmutender Gesang und ungewöhnliche Instrumente, zum Beispiel eine Popcornmaschine. Ihr neues Album "Tales Of A GrassWidow" orientiert sich etwas mehr an elektronischer Tanzmusik, bleibt aber anspruchsvoll bis skurril. Wir trafen Bianca Casady zum Gespräch in Berlin.

jetzt.de: Ich habe gelesen, dass "Tales of a GrassWidow" nun euer Dance-Album sei. Ganz ehrlich: Ich habe schon tanzbarere Tanzmusik gehört.
Bianca Casady: Gib's zu, du findest unsere Musik eigenartig (lacht).  

Sagen wir: außergewöhnlich. Und schön.
Gerade noch mal die Kurve gekriegt! Dance war in der Tat unser Startpunkt für diese Platte, das war die Richtung, die wir im Kopf hatten und die wir verfolgen wollten. Natürlich nicht Dance im mainstreamigen Sinne, sondern CocoRosie-Dance. Den Ausschlag dafür gab wohl vor allem die Tanzproduktion "Nightshift", die wir im vergangenen Jahr für das Donaufestival in Krems in Österreich choreographiert haben.  

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Illustration: Julia Schubert

"Wir sind krass verschieden": Sierra und Bianca Casady.

Aber richtig fetzig und temporeich ist das Album dann doch nicht geworden.
Nein, es hat sich immer wieder verwandelt und wurde mit der Zeit dunkler. So ist das meistens bei uns, ich kann das gar nicht so genau erklären. Wir servieren lieber etwas Heftiges, auch wenn die Schwere diesmal gelegentlich aufgelockert ist. Bis auf weiteres kann ich mir kein Partyalbum von CocoRosie vorstellen.  

Seid ihr beiden euch eigentlich ähnlich?
Nein. Was unsere Persönlichkeiten angeht, so sind wir krass verschieden, wir sind fast schon die exakten Gegenteile voneinander. Unsere Kreativität hingegen ist nicht so unterschiedlich, wir arbeiten zum Beispiel beide am liebsten intuitiv.  

Auch stimmlich ergänzt ihr euch gut.
Meine Stimme hat einen kindlichen, unschuldig wirkenden Charakter. Sierra singt kräftiger, tiefer, fast wie eine Operndiva.  

Auf dem Album begegnen dem Hörer viele Charaktere: die "Gravedigress" beispielsweise, die "Child Bride", ein "Harmless Monster" oder auch die "Grass Widow" selbst. Wer sind diese Kreaturen?
Das ist immer dieselbe Person. Wir haben zuerst die Poesie und die Geschichten geschrieben und entwickelt, erst dann kam die Musik dazu. Die Grass Widow durchläuft ganz unterschiedliche Stadien. Sie ist ein verlassenes, einsames Kind, sie ist eine Frau, die darauf wartet, dem Fegefeuer zu entkommen, sie ist in Wirklichkeit süß und hübsch und freundlich, aber sie hat im Alter einen deformierten Körper von der harten Arbeit als Totengräberin. Man kann nicht einmal mehr sagen, ob sie Mann oder Frau ist.  

Eine lebhafte Phantasie kann man euch nicht absprechen.
Natürlich nicht, es macht ja auch total Spaß, solche Wesen zum Leben zu erwecken. Allerdings steckt auch ein tieferer, ernster Kern hinter der Geschichte: Unser Charakter soll die Außenseiter in der Gesellschaft repräsentieren, sie feiern und sie gern auch ermutigen.  

An welche Außenseiter denkt ihr da?
Wir haben ein wenig geforscht über die Kaste der sogenannten "Unberührbaren" in Indien. Ich denke, man kann den Grad der Zivilisation einer Gesellschaft auch daran messen, wie sie mit solchen vermeintlichen Ausgestoßenen umgeht oder ob sie es überhaupt zulässt, Menschen auszuschließen. Der Mangel an Mitgefühl und Nächstenliebe in einigen Gesellschaften ist verstörend.  

Ein makabrer Zufall, dass gerade jetzt immer wieder Horrorgeschichten über Vergewaltigungen in Indien bekannt werden.
Ja. Ich weiß jedoch nicht, ob es in letzter Zeit mehr Gewalt gab, oder ob sie besser ans Licht kommt. Ich habe eine Dokumentation aus Kambodscha gesehen, es ging um junge Männer, die mit einer Massenvergewaltigung ihr Zusammengehörigkeitsgefühl stärkten. Sie sprachen sehr frei und offen darüber, so als handele es sich um einen normalen Mannschaftssport. Es ist ungemein schockierend, was in einigen Kulturen passiert. Unser Song "Child Bride" wiederum basiert auf einer wahren Geschichte einer Fünfjährigen, die in Indien von ihrer Familie an einen erwachsenen Mann verkauft und zwangsverheiratet wurde.  

http://www.youtube.com/watch?v=atLSUQcmZuc Der erste Videoclip vom neuen Album: "After the Afterlife"

Hat die Faszination für Außenseiter auch etwas damit zu tun, wie ihr selbst aufgewachsen seid?
Ganz bestimmt. Unsere Eltern trennten sich, als ich drei war, wir wuchsen bei unserer Mutter auf, sie hat indianische und syrische Vorfahren und ein wirklich spezielles Wertesystem. Wir zogen mindestens einmal im Jahr um und waren immer die Neuen, die Komischen, die Anderen. Das prägt.  

Was meinst du mit "spezielles Wertesystem"?
Unser Lebensstil war chaotisch, so etwas wie Sicherheit und Geborgenheit gab es nicht. Sierra und ich waren gezwungen, uns in diesem Wirrwarr eine Wiege, einen persönlichen Rückzugsort, zu bauen. So entstand unser kreatives Universum.  

Ihr seid vor zehn Jahren, kurz bevor ihr euer erstes Album veröffentlicht habt, nach Paris gezogen. Ist Paris jetzt eure Heimat?
Nein, ich suche unterschwellig noch immer nach einem Zuhause. Bislang habe ich es nicht gefunden. Ich schließe oft die Augen, drehe den Globus und gucke, wo der Finger hinzeigt. Dieses Spielchen liebe ich. Komischerweise verlor Paris einen Teil seines Reizes, als wir begannen, uns dort weniger fremd zu fühlen. Am Anfang war es krass. Während die USA im Irak einmarschierten, zogen wir zwei Amerikanerinnen in ein nordafrikanisch geprägtes Viertel. Wir fanden diese Spannung toll.  

Ihr habt gerade mehrere Monate in Berlin gelebt, um die Musik für eine Inszenierung von "Peter Pan" am Berliner Ensemble zu komponieren.
Das war aufregend. Der Regisseur Robert Wilson ist 70 Jahre alt, aber so begeisterungsfähig wie ein kleines Kind. Wir durften uns gründlich austoben.  

Ihr seid eng mit dem Sänger Antony Hegarty befreundet, der auch im Stück "Tears for Animals" mitsingt.
Antony ist ein Schatz. Wir teilen viele Ansichten. Etwa die, dass Menschen, die die Natur und die Tiere schlecht behandeln, auch für Menschen nichts übrig haben, insbesondere für Frauen. Wir sind ja auch zu fünft mit Antony als treibender Kraft auf der Plattform "Future Feminists" aktiv und bringen unsere Überzeugungen über den Feminismus unters Volk.  

Und die wären...?
Viele halten den Feminismus ja für altbacken, starr und tot, doch Feminismus ist die Feier alles Weiblichen und sehr lebendig. Es bewegt sich gerade eine Menge, die archaische Gewalt der Männer findet immer weniger im Verborgenen statt, die Frauen werden immer mutiger und stärker. Jetzt kommt es darauf an, dass wir Frauen an unsere Stärke glauben und noch viel mehr von uns bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.  

Das Album "Tales of a GrassWidow" erscheint am Freitag.


Text: steffen-rueth - Foto: Rodrigo Jardon

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