"Wir sind blumiger und freier"

Die Band Stabil Elite wird allerseits bejubelt als Enkel Kraftwerks. Wir haben mit Bandmitglied Nikolai Szymanski über Schubladendenken, Krautrock und abstrakte Texte geredet.
lena-niethammer

Jetzt.de: Die Medien bezeichnen euch als avantgardistisch, retrofuturistisch, dandyesk. Passt das überhaupt zu dem, was ihr selbst von euch denkt?
Nikolai: (Lacht) Das frage ich mich manchmal auch. Keine Ahnung. Ich finde es schwer, den Anspruch zu haben, avantgardistisch zu sein, weil ich bestimmte Konventionen der Popmusik sehr zu schätzen weiß, auch gern mal ein Lied mit einem Refrain machen möchte. Deshalb haben wir nur den Anspruch an uns, immer die eigene Avantgarde wiederzufinden und nicht zu langweilen. Mittlerweile denke ich mir nur noch meinen Teil bei dem was manche Leute schreiben beziehungsweise nicht schreiben.  

Warum steckt euch jeder in Schubladen?
Am Anfang suchen sie nach Kategorien, um das Ganze verorten zu können. Journalisten schreiben von einander ab oder bauschen einfach die Pressetexte vom Label auf. Schade wäre es, wenn wir in Zukunft nicht mehr aus dieser Schublade rauskommen. Sollten wir ein neues Album rausbringen, das anders klingt, wären manche vielleicht enttäuscht, weil sie wieder Kraftwerksounds erwarten.  

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Illustration: Julia Schubert



Ein Journalist bezeichnete euch sogar als Blender und freundliche Hochstapler.
Ich weiß auch nicht genau, wie er darauf kam. Er hat es etwas aus dem Kontext gezogen, dass wir doch recht humorvoll sind und das Ganze auch mit einem Augenzwinkern machen und uns einen intellektuellen Witz erlauben.  

Tut ihr das denn?
Gerade das mit den konsequenten Kraftwerkzitaten tun wir schon mit einem Schmunzeln. Zwei Stücke passen wie die Faust aufs Auge in ein Kraftwerkalbum. Das ist uns auch bewusst, aber wir machen es mit einem leicht ironischen Touch. Was aber auf der anderen Seite nicht heißt, dass wir die Musik nicht auch schön finden und wir die nicht auch erst finden.  

Eurer Verhältnis zu Kraftwerk ist also eher ambivalent?
Es sind zwei paar Schuhe. Ich selbst finde Kraftwerk ganz toll. Schon immer. Ich empfinde es nicht als negativ mit ihnen verglichen zu werden. Doch nun wird es zu einer Imagesache, die gar nicht mehr in unserer Musik verankert ist. Zum Teil werden Stücke mit Kraftwerk verglichen, die gar nichts damit zu tun haben. "Milchstraße" basiert zum Beispiel auf einem Schlagzeug und einem groovenden Basslauf. Wir sind blumiger und freier. Das hat nichts mit der kühlen Kraftwerk-Konzeptkunst zu tun. Es ist schwierig uns mit ihnen zu vergleichen, ohne uns zu einer ewigen Hommage zu erklären.  

Es bleibt nicht aus, eure Heimatstadt zu erwähnen. Was bedeutet die Stadt Düsseldorf für eure musikalische Entwicklung?
Es ist eine etwas spezielle Düsseldorfer Tradition, die wir da bedienen. Wir haben es nicht darauf angelegt. Anfangs waren wir zu zweit, Lucas und ich. Wir haben aus heutiger Sicht eher schlecht als recht elektronische Musik produziert. Noch viel mit dem Computer. Irgendwann ist Martin dazugekommen und in Düsseldorf durften wir kleine Gigs spielen. Wir waren viel im Salon des Amateurs, einem Club in Düsseldorf, unterwegs und dort fand gerade eine Wiederbelebung des Krautrocks statt. Wir haben angefangen mit dem Thema zu experimentieren.  

Was ist das für eine Szene rund um den Salon des Amateurs?
Es ist ein Laden, der unter anderen von Detlef Weinrich von der Band Kreidler betreut wird. Im Grunde genommen ist der Salon hier in Düsseldorf der einzige  Laden der ein alternatives Programm zu den Großraumdiscos und Indieschuppen hat. 

Eure persönliche Düsseldorfer Subkultur?
Irgendwie schon. Wir haben dort Leute kennengelernt, sind unheimlich viel rumgekommen, haben von anderen Künstlern gesammelt. Es läuft sehr unterschiedliche, sehr rare Musik. Die man sonst nicht unbedingt hört. Wir wurden dazu motiviert uns selbst so wenige Grenzen wie möglich zu setzen, alles etwas professioneller anzugehen. Wir wollten klanglich auch ruhig etwas poppiger werden und haben dann noch diesen Achtzigerjahre-Flair mit reingebracht. Das Album nun ist mehr als die reine Kraut-Tanz-Geschichte, wie es die erste Single war.  

Was habt ihr vom Krautrock behalten?
Zumindest partiell die Monotonie und das Erdige. Wir hängen auch an dem analogen Synthesizer, auch wenn wir durchaus digitale Sachen benutzen. Aber die analogen Synthesizer haben eine größere Wucht. Sie klingen etwas unperfekt und die Modulationsmöglichkeiten sind größer und direkter. Es ist die schönere Art zu arbeiten.  

Texte spielen in euren Stücken mal eine größere Rolle, mal kommt ihr ganz ohne aus. Du bist derjenige, der sie schreibt. Wie gehst du vor?
Es gibt ein paar Texte, die ich schon ohne Musik geschrieben habe. Aber ein Großteil der Texte entsteht so, dass wir uns beim Komponieren eines Stücke denken, jetzt könnte man Stimme benutzen oder etwas mit einem Text machen. Und dann nehme ich mir Zeit um das Lied auf mich wirken zu lassen. Ich visualisiere die Bilder und versuche den Eindruck, den ich habe, auszudrücken. Ich pfeile an jedem einzelnen Wort. Das Gesamtprodukt muss passen und die Sätze dürfen nicht zu banal sein.  

Texte wie der von "Drei gerade Zahlen" sind sehr abstrakt. Er lässt einen großen Interpretationsspielraum.
Dabei sollte man es so wörtlich wie möglich verstehen. Es ist und bleibt eine abstrakte Geschichte. Stell dir drei gerade Zahlen vor. Eine Zwei, eine Vier und eine Sechs zum Beispiel. Die brechen aus ihrem System, ihrer Stadt aus, werden aber dann mit warnenden Symbolen konfrontiert wie die drei toten Vögel, die ihnen sagen, dass es nicht gut enden wird. Die drei Zahlen wollen sich aber nicht schonen und gehen doch.  

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Illustration: Julia Schubert



Es steckt keine versteckte zweite Metaebene dahinter?
Nicht wirklich. Obwohl das gerne mal angenommen wird. Ein Freund hatte mich am Anfang mal gefragt, ob wir diese drei gerade Zahlen sein sollen. Natürlich kann man da Parallelen sehen. Dass sie gerne nackt baden kann sich darauf beziehen, dass wir gerne im Sommer mal an den See fahren. Eigentlich ist es aber eine geschlossen Geschichte. Die für sich steht.  

Im Moment werdet ihr wahnsinnig gefeiert. Wie geht es bei euch nun weiter?
Es ist schon gewöhnungsbedürftig. Noch kommt es aber nicht in meinem Alltag an. Ich merke es, wenn wir ein Konzert spielen oder ich lange auf Facebook surfe. Ich habe aber weder irgendwelche Fans vor der Tür stehen, noch ganz viel Geld auf meinem Konto. Mitte Mai gehen wir auf Tournee. Einmal quer durch Deutschland für zwei bis drei Wochen. Die Termine geben wir bald bekannt. 

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