„Wir sind nicht cool genug für eine Szene“

Die New Yorker Band "We Are Augustines" macht Herbstmusik mit Herz und Verstand. Ein Gespräch über New York-Hassliebe, Alkohol und Rock'n'Roll.
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Illustration: Julia Schubert



jetzt.de: Es gibt zwei Dinge, die in fast allen Songs auf eurem Album vorkommen: das Trinken und das Meer. Gibt es dafür eine Erklärung?
Billy: Ich glaube, wenn man schreibt, sollte man sich nicht nach irgendwelchen Methoden oder Konzepten richten. Man sollte beim Schreiben nie versuchen, etwas zu mechanisieren. Aber du hast Recht: es geht oft um Flüssigkeiten auf dem Album (lacht). Das Meer ist an sich ja schon eine tolle Metapher, es kann für so vieles stehen. Ich sehe das Meer zum Beispiel als Zufluchtsort, wenn ich mal dringend von irgendwo weg muss und eine Auszeit brauche. Das Wasser hat bei mir eine heilende Wirkung. Das Meer kann aber auch mitten in der Stadt sein, wenn ich mich fühle, als würde ich darin versinken, Wasser schlucken und untergehen.  

Und das Trinken?
Billy: Weltweit wird der Lebensstil der Amerikaner ja stark kritisiert. Ich kann diese Kritik auch verstehen. Aber was viele Leute offenbar nicht sehen, ist wie hart wir arbeiten. Wir arbeiten wirklich sehr hart! Und wenn man hart arbeitet und dazu noch in einer harten Stadt lebt und eine harte Kultur hat, wenn man kein Gesundheitswesen hat und nicht zum Arzt gehen kann, scheinen ein paar Drinks einfach zu helfen. Selbst auf Tour ist das so. Wenn man nur ein paar Stunden geschlafen hat, in einem fremden Land aufwacht und es ein langer Tag bis wahrscheinlich zwei Uhr nachts werden wird, weiß man oft nicht, wie man das schaffen soll. Dann trinkt man ein bisschen was, und schon sieht die Sache ganz anders aus.  

Billy, stimmt es eigentlich, dass du mal als Barkeeper gearbeitet hast?
Billy: Ja, in Brooklyn habe ich jahrelang in einer Bar gearbeitet. 

Hat dich das geprägt?
Billy: Absolut. Ich habe in der Zeit sehr viele Persönlichkeiten kennengelernt: Gelegenheitspoeten, Storyteller, Stripper, Prostituierte, Drogendealer, Polizisten, sie alle saßen vor mir am Tresen.  

Warst du der Typ Barkeeper, der sich die Geschichten der Leute anhört und dann kluge Ratschläge gibt?
Billy: Ich war eher der Old-School-Barkeeper, der zu den Leuten geht und sagt: Hey, du hast genug getrunken, langsam benimmst du dich wie ein Idiot! (lacht)   

In eurem Song Book Of James heißt es: ,,I guess your either headin' somewhere or endin' up somewhere ... cause I tried the bible, tried the bottle, tried the needle, tried to love people." Woher kommt das?
Billy: Das ist meine Familie. Katholisch, working class, hat immer ihr Bestes gegeben. Aber es gab auch Zeiten wie die nach dem Krieg, die besonders hart waren, und auf die die Generation meines Großvaters so stolz ist. Sie hat ja auch viel bewirkt und ein so viel besseres Leben für alle Amerikaner geschaffen. Ihre Kinder, unsere Eltern, haben sich dann in den 60er-Jahren die Haare lang wachsen lassen und Drogen genommen. Sie wollten frei sein. Und in den 80ern waren die Finanzen einfach ungleich verteilt. Einige Familien haben vom Boom der Märkte profitiert und kamen gut gerüstet in die Clinton-Jahre. Andere fielen immer tiefer. Tiefer und tiefer und tiefer. Und manche stachen damals Nadeln in sich hinein. Tragisch. 

http://www.youtube.com/watch?v=LYXhAmlfNP0

Erfüllt ihr selbst Alkohol-und-Drogen-Rockstar-Klischees?
Eric: Nein, überhaupt nicht. Wenn ich auch manchmal verstehen kann, wie andere Musiker in diesen Strudel hinein geraten können. Wenn man gerade einen zehnstündigen Flug hinter sich hat, aber nicht schlafen gehen kann, sondern den Soundcheck machen und danach noch ein Interview geben muss, nimmt man einfach irgendwas ein, spielt später eine gute Show und ist danach immer noch total wach. Also nimmt man wieder was ein, um schlafen zu können. Das alles passt aber nicht zu uns. Wir sind nicht gefährdet, uns in Drogen zu verlieren.
Billy: Was ich auch überhaupt nicht mag, ist dieses typische Bild von Rockstars. Dieses Bild von total talentierten Typen, die für ihren Erfolg kaum arbeiten müssen, die sich mit Drogen vollpumpen und irgendwann verzweifelt versuchen, von den Drogen wieder loszukommen. Dieses Bild hat nichts, aber auch gar nichts mit dem wahren Leben zu tun.  

Untypisch für eine New Yorker Band wird New York in euren Songs nicht thematisiert. Gehört ihr dort eigentlich irgendeiner musikalischen Szene an?
Eric: Nein, und wir waren auch noch nie akzeptiert von irgendeiner Szene.  

Warum nicht?
Billy: Zum Beispiel, weil wir in einem eher langweiligen Teil der Stadt wohnen. Wenn wir auf die Straße gehen, sind da Familien mit Kinderwagen, viele ältere Menschen und keine Clubs oder Bars weit und breit. Eric: Wir leben nicht in irgendeiner angesagten Gegend von Brooklyn. Wir tragen noch nicht mal angesagte Klamotten. Wir sind einfach nicht cool genug für eine Szene. Aber wir waren auch nie interessiert daran, zu einer zu gehören. Wir haben uns vielmehr darauf konzentriert, als Band zu wachsen und uns als Menschen weiterzuentwickeln.  

Einmal heißt es auf dem Album: To hell with New York. Klingt nicht, als würdet ihr euch dort besonders wohl fühlen.
Billy: Es gab auch wirklich Phasen, in denen ich genug von der Stadt hatte. Nirgendwo sonst habe ich bis jetzt eine solche Klassentrennung und einen solchen Rassismus erlebt wie in New York. Nirgendwo habe ich gesehen, dass sich Menschen so schlecht behandeln. Sicher hat mich das Leben in New York auch auf eine Art und Weise stark gemacht. Ich habe gelernt, mich in der Masse durchzusetzen. Aber an sich ist New York einfach ziemlich fucked up. Eric sieht das sicher anders, denn im Gegensatz zu mir stammt er aus New York.
Eric: Ich bin in einem der New Yorker Vororte groß geworden und habe ein anderes Verständnis davon, wie New York funktioniert. Ich weiß zum Beispiel, wo man hingehen muss, wenn die City im Sommer zu glühen beginnt und die vielen Menschen gegen die Hitze ankämpfen. Ich weiß genau, wo und wie man New York total genießen kann.     

Wie erlebt ihr denn derzeit auf Tour die europäischen Großstädte?
Eric: Wir erleben vor allem die Menschen als extrem freundlich und hilfsbereit. Sie sind irgendwie sanfter im Umgang miteinander, gerade mit älteren Menschen. Außerdem sind sie gebildeter, offener und einfach entspannter. Natürlich muss man immer berücksichtigen, dass wir als Band in einer privilegierten Position sind und uns fast immer nur die besten Teile der Städte gezeigt werden, in denen wir spielen. Ich glaube aber trotzdem, dass in Europa generell vieles besser und bodenständiger ist als bei uns.
Billy: Die Menschen hier wissen auch sehr gut mit ihrer Geschichte umzugehen. Und mit ihrer Kultur. Sie verstehen Kultur ganz anders als die Amerikaner, legen großen Wert auf ihre Theater und Museen.  

Gibt es nichts, was euch an der europäischen Kultur stört?
Billy: Höchstens, dass hier irgendwie sehr viel Techno gespielt wird.

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