Wir wären auch ohne die Blogger so weit gekommen

Clap Your Hands Say Yeah!, die letzte Woche ihr Debütalbum in Deutschland veröffentlichten, sind eine der meistdiskutierten Bands derzeit. Gesprächsfetzen: Die große Fangemeinde im Internet, das eigenhändige Verschenken ihrer Songs und eine stimmliche Ähnlichkeit zu David Byrne von den Talking Heads. Die Tatsache, dass CYHSY in den USA immer noch keine Plattenfirma haben, scheint die Begeisterung und die Diskussionen nur noch weiter anzustacheln. Wir haben uns mit dem Keyboarder und Gitarristen Robbie Guertin unterhalten.
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Illustration: Julia Schubert

Ich habe gelesen, dass Du eine besondere Beziehung zu München hast. Warum? Dasha, meine Freundin, hat eine Galerie in München: die Galerie Grimm Rosenfeld. Sie hat mit mir zusammen das Artwort für unser Album gemacht und die Figuren auf dem Cover entworfen. Heißt das, dass Du nicht nur Musiker, sondern auch Künstler bist? Ich habe Kunst studiert und mich auf Drucktechniken spezialisiert. Ich arbeite viel mit Holzschnitten oder Schablonen, aber auch als Graphikdesigner am Computer. Dasha und ich haben ein gemeinsames Kunstprojekt. Es heißt BB & PPINC und sieht aus wie ein Kinderbuch, weil wir Tiere zeichnen, die verschiedene schöne Dinge machen. Ihr geltet als die „New Kids from the Blog“, weil Ihr vor allem dank Weblogs und Internetmagazinen bekannt geworden seid – seht ihr das auch so? Ja, die Blogger haben uns auf jeden Fall dabei geholfen, dass alles so schnell gegangen ist. Dank ihnen haben wir national und international sehr viel Aufmerksamkeit erhalten. Wir waren zwar auch davor schon auf einem ganz guten Weg, gerade in New York, und wir haben viele gute Konzerte gespielt. Letzten Endes wären wir wohl auch ohne die Blogger so weit gekommen, nur eben wesentlich langsamer. Habt Ihr gezielt versucht, übers Internet groß zu werden? Nein, überhaupt nicht. Wir haben nur eine Website mit ein paar Songs ins Netz gestellt. Ein paar Leute haben dann online über unsere Konzerte in New York geschrieben. Das haben dann wiederum Leute aus anderen Städten gelesen. Wir haben nicht wirklich viel dafür getan. Das alles ist einfach so passiert, und das ist eigentlich der aufregendste Aspekt daran: Dass es keine Plattenfirma gibt, die den ganzen Rummel ausgelöst hat. In Europa habt Ihr mittlerweile bei einem Indielabel unterschrieben. In den USA habt Ihr nach wie vor keinen Plattenvertrag. Warum nicht? Das war eigentlich nicht so geplant. Wir haben die Platte selbst produziert und wollten sie anschließend an ein paar Labels verteilen. Aber dann hat uns das Internet eben diese ganze Aufmerksamkeit verschafft. Aber diese Promoarbeit wäre ja eigentlich Aufgabe einer Plattenfirma gewesen. Weil wir das nun alles ohne Unterstützung geschafft haben, haben wir beschlossen, die Platte einfach in eigener Regie herauszubringen und zu verkaufen. Der Legende nach habt Ihr unglaublich viele Platten aus Euren Wohnungen heraus verkauft. Die Zahlen schwanken zwischen 10 000 und 40 000 Exemplaren. Was ist wahr daran - oder ist das alles nur eine Art urbaner Mythos? Das ist natürlich alles etwas übertrieben. Die meiste Arbeit haben Tyler, unser Bassist, und ich gemacht. Anfangs haben uns die Leute einfach geschrieben, dass sie gerne eine CD hätten, und wir haben sie dann eigenhändig eingetütet und verschickt. Nach und nach haben auch immer mehr Plattenläden in ganz Amerika nach unserem Album gefragt. Irgendwann wurde das dann zuviel, und wir haben den Versand an eine Firma übertragen. Wir haben die CDs aber immer noch beim Presswerk bestellt und hatten dann auf einen Schlag 5.000 Kopien in Tylers oder meiner Wohnung. Wir haben die CDs also nicht alle individuell versandt, sondern immer so zwischen 10 und 500 Stück in verschieden großen Paketen. Insgesamt haben wir so 10 000 bis 15 000 CDs in die ganze Welt verschickt. Glaubst Du, dass Euer Vertriebsmodell eine Vorbildfunktion haben könnte für andere Bands? Ich denke schon. Es ist ziemlich lustig, weil uns zurzeit immer wieder Leute von anderen Bands schreiben, die wissen wollen, wie wir das gemacht haben und ob wir ihnen irgendwelche Geheimnisse verraten oder Tipps geben können. Wir wissen dann immer gar nicht, was wir antworten sollen – weil wir ja eigentlich fast alles so gemacht haben wie andere Bands auch. Mein einziger Rat lautet, dass man sich auf das konzentrieren sollte, was man tun möchte, und dann darauf hoffen, dass es jemand mitbekommt. Das Internet ist einfach ein gutes Medium, um möglichst vielen Leuten zu zeigen, was man so macht. Euer ungewöhnlicher Bandname macht natürlich auch neugierig. Ja, unser Bandname, aber auch Alecs Stimme. Entweder die Leute hassen es oder sie lieben es. Und das ist doch das Beste, was dir als Band passieren kann, denn in beiden Fällen werden die Leute über dich reden.

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Illustration: Julia Schubert

Ihr lebt fast alle in New York. Hat das eher Vorteile, weil dort alle hingucken? Oder überwiegen die Nachteile, weil es jeden Tag zig neue Bands zu entdecken gibt und man leicht in der Masse untergehen kann? Das ist definitiv eine gute Sache. New York zieht einfach alle magnetisch an. Es gibt so viele Orte für Ausstellungen oder Konzerte. Es deshalb nur logisch, dass in dieser Stadt so viele großartige Bands, Musiker und Künstler leben. Vier von uns kommen ursprünglich aus der Gegend um Boston. Wir sind letzten Endes alle in New York gelandet, weil wir alle irgendwie künstlerisch tätig sind. Nur Alec wohnt noch in Philadelphia. In New York geht alles schneller als anderswo, weil die Leute ständig auf der Suche nach etwas Neuem sind. Als Band hat man es hier leichter. In den Artikeln über Euch liest man immer riesige Listen von Bands, nach denen Ihr klingen sollt. Natürlich sind solche Referenzlisten oft fragwürdig, aber gibt es einen Vergleich, von dem Ihr Euch wirklich geehrt fühlt? Solche Vergleiche gehören nun mal einfach zum Handwerk von Musikjournalisten. Sie müssen den Leuten erklären, wie eine Band klingt, und vergleichen sie deshalb einfach mit irgendwelchen aktuellen Bands, die jeder kennt. Ich finde es zum Beispiel ziemlich absurd, wenn wir mit The Arcade Fire in einen Topf geschmissen werden. Ich mag die Band persönlich sehr gerne, aber wir klingen doch komplett anders. Wir mögen die Talking Heads und David Bowie und Bob Dylan und die Beatles. Generell empfinden wir Vergleiche aber immer als Kompliment, weil es sich ja dabei meistens um Bands handelt, die wir irgendwie mögen. Das ist ja nie beleidigend. In einer großen Online-Foto-Community gibt es Bilder von Talking-Heads-Sänger David Byrne, wie er sich eins Eurer Konzerte anschaut. Darunter finden sich dann unzählige Einträge von Leuten, die darüber diskutieren. Interessiert Ihr Euch für solche Internetdebatten? Erst einmal ist es toll, dass er bei einer unserer Shows war. Aber für uns verändert sich dadurch natürlich gar nichts. (Fotos: www.clapyourhandssayyeah.com)

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