„Wir waren immer anders“

Sie kommen aus Landau in der Pfalz, sind erst im vergangenen Jahr mit der Schule fertig geworden und machen gerade große Karriereschritte: Fabian, Philipp und Marc von "Sizarr". Ein Gespräch über Heimat und Angst.
erik-brandt-hoege

jetzt.de: Fabian, als „Landaus hippe Kinder“ werdet ihr derzeit auf Zeit Online bezeichnet. Fühlt ihr euch womöglich auch als solche?
Fabian: Als die angesagten Jungs aus unserem Dorf, oder was?

Zumindest als anders?
Anders trifft es schon besser. Wir haben bei den Leuten aus unserer Umgebung wenig Anklang gefunden. Und wir konnten uns mit den meisten auch nicht identifizieren. Wir waren immer anders, und das war ein Frustrationsgrund in ein paar Situationen.

Was für Situationen?
Zum Beispiel in der Schule. Als verirrter Teenager fühlt man sich ja eh schon missverstanden.

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Illustration: Julia Schubert

Eben noch verirrter Teenager, jetzt auf den großen Bühnen: Fabian (rechts) und seine Bandkollegen von Sizarr

Stand für euch denn immer fest: wenn die Schule aus ist, sind wir weg?
Das war ab 2010, also ein Jahr, bevor wir Abi gemacht haben, eine ernsthafte Option.

Und karrieretechnisch? Hattet ihr mit eurer Musik auch Größeres vor?
Nein, am Anfang war das alles nur ein Hobby, wir haben das einfach gerne gemacht, das hat uns was gegeben. Mit der Zeit sind wir dann immer mehr reingewachsen, und bald ging alles so schnell, dass wir uns kaum mehr Gedanken darüber machen konnten. Wir haben uns aber nie vorgenommen, was Großes zu werden. Es war eher so, dass wir den Ansprüchen gerecht werden wollten. Wenn wir schon so früh im professionellen Rahmen auftreten würden, wollten wir auch kein halbgares Zeug abliefern.

Vom anhalten Hype rund um eure Band scheint ihr eher unbeeindruckt, ja geradezu gelangweilt zu sein. Täuscht der Eindruck?
Wir sind gar nicht gelangweilt, wir können diesen Hype um uns nur einfach nicht so nachvollziehen. Für uns hat sich ja auch nichts geändert. Wir gehen weiter morgens unsere Brötchen kaufen, und keiner labert uns an.

Und Angst? Kennt ihr Angst, dass es morgen wieder vorbei ist? Dass das Internet schon wieder den nächsten, noch heißeren Indie-Hype ausspuckt?
Ja, natürlich, das bleibt in diesem Geschäft ja nicht aus. Aber wir konnten uns von dieser Angst distanzieren, in dem wir ein Album abgeliefert haben, mit dem in erster Linie wir selbst zufrieden sind. Wenn man die Sicherheit hat, dass man hinter dem steht, was man macht, ist es nicht mehr so wichtig, wie viele andere Leute es mögen. Unser Ziel war es ja auch nicht, eine Hype-Band zu werden. Wir haben nicht mal damit gerechnet, im Radio gespielt zu werden. Darüber sind wir jetzt natürlich extrem froh. Das ist schon krass.

Der Hype entstand im Internet, das ihr als euren größten Einfluss nennt, wenn es um Musik geht. Wie lange hat es gedauert, den Sizarr-Stil zu entwerfen?
Die Grundlage dafür ist die Konstellation aus uns dreien als eigenständige musikalische Köpfe, und dass wir durch Zufall und Glück zusammengefunden haben. Diesen ausgeprägten Sound haben wir dann in im Albumprozess gefunden. Es war gut, dass wir uns so lange Zeit genommen haben, um das Album aufzunehmen.

http://www.youtube.com/watch?v=pDGYHdm07Hc

Ihr habt mal gesagt, ihr würdet nicht proben. Schickt ihr euch einfach Mails mit Sound- und Songideen hin und her, und am Ende wird alles am Laptop zusammen gepuzzelt?
Wir haben nie wirklich zusammen gejammt oder so, das hätte auch nicht funktioniert. Ich habe viele Grundgerüste der Songs auf der Gitarre, am Klavier oder an meinem MacBook geschrieben und sie dann weitergereicht. Jeder hat seinen Teil dazu gegeben. Wenn ein Song dann eine Struktur hatte, haben wir uns hingesetzt und zusammen mit unserem Produzenten überlegt, was noch fehlt.

Der Sound kommt also aus dem Computer – und die Geschichten, die du singst? Kommen die aus deinem Leben?
Viele der Texte sind autobiografisch. Aber es ist nicht so, dass ich einfach meine Lebensgeschichte runter schreibe. Ich schreibe zwar über meine Sicht auf die Dinge, die mir widerfahren sind, aber ich abstrahiere dabei viel mit Symbolen und Metaphern.

Man muss es wohl auch selbst erlebt haben, wenn man wie du einmal geradezu herausjault: „Take my heart, take my soul, you can take it all!“
Ich merke das schon beim Schreiben: wenn man keine wirkliche Emotion hat, wird es auch nicht intensiv. Dann kommt man auch gar nicht auf bestimmte Gedanken. 

Gibt es denn bestimmte Emotionen, die dich zum Schreiben treiben?
Es gibt zumindest bestimmte Stimmungen, in denen ich merke, dass ich mehr oder weniger produktiv bin. Entweder, ich bin in so einer melancholischen Stimmung, und es muss irgendwas raus. Oder es sind Zufälle, die mich zum Schreiben bringen.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel, wenn ich eine Doku über eine anderen Musiker gesehen oder irgendwas gelesen habe. Oder wenn ich auf YouTube ein Video gesehen habe, in dem irgendwer irgendwas macht. Danach denke ich oft: ich muss jetzt auch unbedingt irgendwas machen.

Hast du denn jetzt, da ihr europaweit unterwegs seid, womöglich auch mehr Geschichten zu erzählen – oder war der Output in Landau doch größer?
Nein, ich glaube, alles entwickelt sich weiter, wir lernen ja nicht aus. Wir erleben einen Haufen Sachen, und in letzter Zeit erleben wir besonders viel. Da sammeln sich schon ein paar Sachen an, die man irgendwann wieder niederschreiben muss.

„Psycho Boy Happy“ von Sizarr ist in der vergangenen Woche erschienen.

Text: erik-brandt-hoege - Foto: Eric Weiss

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